Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 10 Nachtrag

Die Biografie von Kurt Ostwald und seiner Liebe zu seiner Frau Inge endet (bisher) mit ihrer Hochzeit am 6. Dezember 1947. Viele Leser aus seinem Heimatort Borkwalde waren von seiner Art zu schreiben fasziniert und wollten wissen, wie die Geschichte weiter ging. In der Veranstaltungsreihe "Borkwalde, Blog und Bier" gab es deshalb eine Gesprächsrunde mit den beiden Ostwalds. Auf Borkwalde bloggt erschien darüber der folgende Bericht:

Berufliches und Familiäres mit Inge und Kurt Ostwald bei „Borkwalde, Blog und Bier"

Ostwalds
Inge und Kurt Ostwald
Es wurde wieder ein Abend voller Geschichte und Geschichten bei Borkwalde, Blog und Bier – mit zwei interessanten Persönlichkeiten. Kurt Ostwald hatte seine Frau und große Liebe Inge mitgebracht. Die beiden ergänzten sich immer wieder auf liebevolle Weise.

Es ging um die Biografie von Kurt Ostwald ab 1947, die spätestens ab diesem Zeitpunkt ja ihrer beider Biografie ist. Bis heute. Am 6. Dezember 1947 hatten beide geheiratet. Mit der Hochzeit endete auch die bisher veröffentlichte Biografie von Kurt Ostwald, nachzulesen auf gurran.eu.

1947 findet er Arbeit auf seiner alten Hütte, der Elisabeth-Hütte, die jedoch im Bombenangriff auf Brandenburg an der Havel halb zerstört worden war. Sein alter Beruf, Metallformer, erwies sich als sehr nützlich. In der damaligen Hungersituation hielt er seine Familie auch dadurch über Wasser, dass er „nebenbei“ Töpfe formte, die er dann gegen Nahrungsmittel tauschte.

Zwischendurch bewirbt er sich bei der Volkspolizei und wird auch genommen – für drei Tage. Dann wird er wieder entlassen, weil nach Befehl 2 der Sowjetischen Militäradministration keine Leute genommen werden durften, die aus der Westgefangenschaft kommen.

Als die Elisabeth-Hütte keine Aufträge mehr hat und abbauen muss, meldet er sich beim Arbeitsamt und kommt zum Bergbau in der Wismut, auf Schacht 111, Objekt 13, Bärenstein/Sachsen. Schon nach vierzehn Tagen wird er Hauer und bricht mit dem schweren Meißel das Gestein aus dem Berg. Doch ihn machen die vielen Einheimischen stutzig, die sich hustend und keuchend vom Berg nach Hause quälen. Als Kurt Ostwald erfährt, dass das vom Kohlestaub kommt, kündigt er wieder. Als Begründung führt er die schwere „Erkrankung“ seiner Frau an. Nur kurze Zeit später kommt ihr erstes Kind auf die Welt.

Inge und Kurt Ostwald (Foto: Peter Krüger)
Inge und Kurt Ostwald (Foto: Peter Krüger)
Er findet in seiner Heimatstadt Brandenburg schnell wieder Arbeit, dieses Mal auf der Thälmann-Werft, wieder in der Formerei. Als 1950 der Bau des Stahlwerkes beginnt, ist Kurt Ostwald dabei. Zunächst hilft er bei Kohleentladen und beim Tragen der Stahlträger. Zwei, drei Monate arbeitet er in dieser Hofkolonne. Dann wird er als Schmelzer am Ofen I eingestellt, wiederum für etwa drei Monate. Als Schmelzer muss er auch als Gasstocher aushelfen, da an diesen Anlagen öfter Arbeitskräfte fehlen. Mit langen Stangen wird in den Generator gestochen, um die Schlacke zu zerschlagen. Dadurch wird dem Gas, mit dem der Ofen betrieben wird, der Weg zum Brand freigehalten. Es ist eine schwere körperliche Arbeit. Dennoch sagt er zu, als er zu dieser Brigade abgeworben wird. Er geht auf einen sechsmonatigen Lehrgang nach Markkleeberg bei Leipzig zur Energiefachschule. Danach wird Kurt Ostwald Komplexbrigadier, mit Gehaltsstufe 7 statt vorher 6. „Davon konnte man ganz gut leben und seine Familie durchbringen.“ Insgesamt haben die Ostwald drei Kinder. Die jüngste Tochter Heike wird 1962 geboren.

Bis 1954 übt er diese Funktion aus und ist verantwortlich für drei Brigaden und 23 Generatoren. Zwischenzeitlich muss er immer wieder umziehen. Mal ist die Wohnungen eigentlich unzumutbar, mal zu klein, mal wird sie für die Kasernierte Volkspolizei gebraucht. Immer wieder helfen ihm die aus englischer Gefangenschaft mitgebrachten Zigaretten, eine neue Wohnung zu bekommen. Erst die vierte Wohnung in der Sachsenstr. 3 in Brandenburg, in die er 1951 einzieht, wird für ihn und seine Familie zur dauerhaften Bleibe. 45 Jahre bleiben sie dort wohnen, bis 1996, als sie zum ersten Mal nach Borkwalde ziehen.

Der Beruf bedeutet Kurt Ostwald viel, aber nicht alles. Bald überlegt er, ob er nicht wie in seiner Jugend einen Sport ausüben sollte. Der Jagdsport, zu dem er eingeladen ist, sagt ihm nicht zu. Aus eigener Erfahrung legt er sehr viel Wert auf Familie und will mit dieser auch seine Freizeit verbringen. Gemeinsam entscheiden sie sich für den Wassersport, Sektion Quenz Stahl. Nicht einfach so mal planschen in den umliegenden Gewässern. Nein, es kommen pro Jahr zwischen sechshundert und tausend Kilometer zusammen. Oft mit Kind und Kegel. Gemeinsam paddeln sie zum Beispiel zum Beispiel von Stralsund nach Hiddensee. Für eine andere Tour fliegen sie mit gepackten Faltbooten im Flieger nach Prag. Dort setzen sie die Boote in die Moldau und paddeln bis Wehlen in der DDR. Einmal anderes mal fährt sein Frau Inge noch hochschwanger mit. Als sich kein anderer findet, übernimmt Kurt Ostwald den Vorsitz des Wassersportvereins – und bleibt es für viele Jahre.

Zwischenzeitlich verändert sich Kurt Ostwald auch beruflich. Er hatte sich zwar nicht am 17. Juni 1953 beteiligt, aber auch ihm ging so manches gegen den Strich. Insbesondere die ungerechte Behandlung seiner Mitarbeiter durch einen Vorgesetzten kränkt ihn. So beschließt er im April 1954, dass zum 1. Mai Schluss ist. Der Vorgesetzte will daraufhin durchsetzen, dass Kurt Ostwald keine andere Arbeit mehr im Stahlwerk bekommtt. Der Werkdirektor Krug will den qualifizierten Arbeiter unbedingt halten. Der Fall geht bis vor die Direktion des Stahlwerkes. Der damalige Direktor, Friedrich Franz, entscheidet, Kurte bleibt. Er arbeitet noch bis 1977 im Hauptwerk Brandenburg.

Kurt Ostwald in Kirchmöser
Kurt Ostwald in Kirchmöser
Nach Abschluss des Meisterlehrgangs für Stahlwerktechnik wird er zum Werk II Kirchmöser delegiert. Für Kurt Ostwald wird es die schönste Zeit seines Arbeitslebens. Das Foto, auf dem er so wunderbar lacht, stammt aus dieser Zeit. Die Ostwalds legen sich auch einen Garten samt Holzhütte zu. Die Hütte war anfangs nur ein Kaninchenstall. Sie bauen sich diesen „Stall“ nach und nach mit viel Witz, Phantasie und vor allem Tatkraft zu einer Sommerresidenz aus. Die Kinder verleben hier eine glückliche Kindheit. Wieder erklärt sich Kurt Ostwald bereit, den Vorsitz zu übernehmen – und bleibt es 18 Jahre lang, bis zu seiner Rente 1988.

Erst als es nicht mehr anders geht, ziehen sie 1996 mit ihren Kindern nach, nach Borkwalde. Doch die Sehnsucht nach der Heimatstadt Brandenburg bleibt. Vor allem bei Inge Ostwald, der gebürtigen Brandenburgerin. Ein Bein blieb immer dort, weshalb die Ostwalds im Mai 2003 wieder zurückgehen. Doch es ist nicht mehr ihr Brandenburg, in das sie zurückkehren. Die soziale Zusammensetzung der Straße hat sich verändert, gute Freunde sind weggezogen oder gestorben. Der Zusammenbruch des Stahlwerkes tat ein Übriges. Und, ein Bein blieb immer in Borkwalde. Schon nach wenigen Monaten, im August 2004, kommen sie wieder zurück. Und wollen hier bleiben.

Nach dieser Geschichte gibt es noch zahlreiche Fragen zum Leben nach und auch vor 1945. Am Ende streichelt Inge Ostwald liebevoll ihren Mann: „Siehste, nun hast du das überstanden, mein Schatz.“

Übrigens: Ganz am Ende hat Kurt Ostwald auch noch seine Erinnerungen an Manfred Krug geschildert: