Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 9 Ein neues Leben, der Zukunft entgegen (1947)

Chaoslager Munsterlager

Munsterlager war ein Auffanglager für alle ehemaligen Gefangenen. Es war ein Chaotenlager. Schlägereien und Diebstahl waren an der Tagesordnung, und man konnte sich nur mit Seesack unter dem Kopf schlafen legen. Ehemalige Mariners zu finden war nicht schwer. Auch wir aus Brandenburg und Umgebung fanden uns.

Wir waren sieben Mann. Während der ärztlichen Untersuchung, des Toilettengangs und des Essenfassens waren immer zwei Mann als Wache eingeteilt, und ich konnte beruhigt diese Sachen erledigen.

Am schlimmsten sahen die aus der russischen Gefangenschaft aus. Hohlwangig, abgemagert, in zerschlissenen Wattejacken oder Mänteln und teilweise nur mit Lumpen um die Beine. Als ich dieses Elend sah, wurde mir erst bewusst, dass meine Gefangenschaft gegenüber ihrer ein Erholungsurlaub gewesen war.

Entlassungsschein, 1. Seite
Entlassungsschein, 1. Seite
Entlassungsschein, 2. Seite
Entlassungsschein, 2. Seite

In die russische Zone?

Es war schon sonderbar, mit welchen Mitteln wir davon abgehalten werden sollten, nicht in die russische Zone einzureisen. Die Hetze gegen die Russen, ihre ehemaligen Verbündeten im Kampf gegen Deutschland, war schon widerlich. Das Hauptsargument der Engländer war die Drohung, wir würden gleich bei Ankunft im Heimatort von den Russen nach Sibirien transportiert.

Wir sieben Brandenburger ließen uns von dieser Hetze nicht abschrecken, zumal einige von uns schon von ihren Eltern aufgeklärt worden waren, wie es in der Heimat war. Wir sollten nur nicht gleich nach Hause kommen, sondern ins russische Quarantänelager Glöwen fahren.

Nachdem wir ärztlich untersucht worden waren und 50 Reichsmark sowie die Entlassungspapiere erhalten hatten, ging es am 5. September 1947 ins Lager Friedland, für mich der letzte Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Westdeutschland. Am gleichen Tag ging es bei Heiligenstadt zu Fuß über die Zonengrenze. Ich hatte doch ein mulmiges Gefühl, als ich den ersten russischen Soldaten, einen Mongolen, sah. Von Heiligenstadt ging es gleich weiter nach Glöwen ins Quarantänelager.

In Magdeburg hatten wir Aufenthalt. Als wir auf den nächsten Zug nach Glöwen warteten kam mir der Gedanke, doch gleich nach Brandenburg zu fahren. Die Sehnsucht auf ein Wiedersehen mit Oma und Inge Arnswald war groß. Aber die Vernunft siegte. Ich wollte kein Risiko eingehen.

Im Quarantänelager Glöwen

Quarantäneschein
Quarantäneschein
Als wir in Glöwenankamen, empfingen uns der deutsche Lagerleiter und anschließend ein russischer Offizier. Der russische Offizier war ganz schön dickleibig und mit viel Orden behangen. Ich glaube, er war schon im Rentenalter. Er war ganz jovial. Wir mussten uns in eine Linie anstellen, die Seesäcke öffnen, und er kontrollierte mit dem Hinweis „Soldatten, ich nur gucken" die Seesäcke. Er sah mal hier rein, mal dort, grabbelte mit der Hand in einigen rum, drehte sich um und ging zum Tor. Das war's.

Dann kam ein deutscher Sanitäter. Nachdem wir uns ausgezogen hatten, bestäubte er jedem von uns die Kopf- und Schamhaare und die Haare unter den Achseln. Diese Aktion wurde noch zweimal durchgeführt. Gleich am Tag der Ankunft mussten wir unsere Angehörigen benachrichtigen.

Wiedersehen

Die Vorstellung, dass ich hier vier Wochen nutzlos verbringen sollte, war grauenhaft. Eines Tages, es war der zwölfte Tag meines stumpfen Daseins, wurde ich zur Wache gerufen. Was war da los? Voller gemischter Gefühle trottete ich los. Als ich die Wache betrat, traute ich meinen Augen nicht. Da standen meine Oma und Inge Arnswald im Raum. Ich war wie im Traum. Oma nicht betrachtend, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, ging ich Inge entgegen, und wir lagen uns in den Armen und küssten uns voller Freude im Glück des Wiedersehens. Dann kam der Schreck. War nicht Oma die wichtigste Person, der mein Willkommensgruß gehörte? Ich drehte mich zu Oma um und stammelte einige Worte zur Entschuldigung, Aber sie lächelte nur unter Tränen und sagte: „Du bist gesund wieder zu Hause, und das ist gut, deine Freundin hat mit mir um dich bange gehabt." Jetzt heulten wir alle drei.

Nachdem wir uns einige Zeit unterhalten hatten, sagte Oma beiläufig, dass sie beide in der Nähe bei einer Frau Klettwitz übernachten und erst am anderen Tag wieder abreisen.

Das Haus, indem sie übernachteten, war ganz in der Nähe, hinter einem Wäldchen, das an unser Lager grenzte. Das Lager hatte keine Wachtürme. Nur eine Streife ging im Stundentakt ums Lager. Das hatte ich schon ausgekundschaftet. Meine Sehnsucht, Inge zu sehen, war so groß, die Unruhe stark. Ich musste es wagen, aus dem Lager zu flüchten. Ich nahm ein Stück Palmolive-Seife und aus der Kaffeebüchse ca. 150 Gramm Kaffee. Als es dunkel war, stand ich in der Nähe des Zaunes am letzten Haus und wartete die Streife ab. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Auch Angst war dabei. Dann war es soweit, die Streife war um die Ecke, und ich kroch unter dem Stacheldrahtzaun durch. Das Haus fand ich sofort, als ich durch das kleine Wäldchen hindurch war.

Zukunftsplanung, Ende der Gefangenschaft

Oma und die Hausbesitzerin waren sehr erschrocken, nur Inge machte ein glückliches Gesicht, und wir lagen uns gleich wieder in den Armen. Nach Übergabe des Geschenks an die Gastgeberin war der Schreck verschwunden. Beide Damen brühten sich gleich einige Tassen Bohnenkaffee auf. Sie genossen diesen Trank. Wir hörten ihr Plappern bis ins Schlafzimmer. Inge und ich hatten uns viel zu erzählen, aber es blieb nicht aus, dass wir uns in seliger und glücklicher Umarmung liebten. In dieser Nacht wurde unsere Zukunft geplant. Wir legten fest, dass wir auch gegen den Widerstand ihres Vaters gemeinsam durchs Leben gehen werden.

Bescheinigung
Bescheinigung
Noch bevor es hell wurde schlich ich mich zurück ins Lager. Zu meiner Überraschung wurde ich zwei Tage später, am 20. September 1947 aus der Quarantäne entlassen. Ich erhielt eine Fahrkarte zum Heimatort und einen russischen Entlassungsschein. Nach vier Jahren Gefangenschaft verließ ich Glöwen als freier Mensch.

32.725 Kilometer
32.725 Kilometer
Es war ein erhabenes Gefühl, in das sich die bange Frage nach der Zukunft mischte. Ich dachte an die gehässige Propaganda in England und Münsterland über die Russen, die angeblich alle, die in westlicher Gefangenschaft waren, nach Sibirien bringen würden. Diese Gedanken verwischten schnell, da ich Inge und Oma vertraute, die mir versicherten, dass nur Soldaten, die in Russland gekämpft haben, wegen Verbrechen in Russland überprüft werden.

So stand ich nun auf dem Bahnhof von Glöwen und wartete auf den Zug Wittenberg-Berlin. Dann kam der Zug am späten Nachmittag und war voller Menschen. Die Abteile waren voll, auf den Dächern der Waggongs und auf den Trittbrettern an den Seiten, überall Menschen über Menschen. Wie sollten wir sieben Brandenburger da noch mitkommen? Ein Päckchen Lucky Strike tat Wunder, zwei Personen zogen mich durch das Fenster ins Abteil. So kam ich heil bis Berlin. Mit der S-Bahn ging es von dort weiter bis Potsdam, und anschließend zügig mit dem Personenzug nach Hause.

Zurück in Brandenburg

Auf dem Hauptbahnhof in Brandenburg kannten meine Gefühle keine Grenzen. Ich konnte meine Glückstränen nicht mehr aufhalten. Ich war zu Hause, ich war wieder ein freier Mann.

Zerstörte Stadt

Auf dem Bahnsteig wurden wir sieben Mann von Schwarzhändlern und anderen zwielichtigen Gestalten bestürmt, ob wir was kaufen oder verkaufen wollten. Wir konnten uns kaum erwehren. Die waren wie die Flöhe im Pelz. Auf dem Bahnhofsvorplatz verabschiedeten wir sieben Mann uns mit den besten Wünschen auf ein Wiedersehen. Vom Bahnhof führte die Große Gartenstraße, die Straße meiner Jugendzeit, direkt zur Stadtmitte. An der Ecke Blumenstraße blieb ich stehen und betrachtete das Straßenbild. Es war schockierend für mich. Außer den Eckhäusern war die Blumenstraße, die Straße meiner Freunde und der Ausgangspunkt unserer Streiche, total zerbombt. Links und rechts die Gartenstraße war bis zum Trauerberg ebenfalls ein Opfer englischer Bomben geworden.

Da auch das Haus meiner Kindheit nicht mehr stand, führte mein erster Weg mich zu Oma. Die Steinstraße und die Nebenstraßen waren dem Bombenhagel entgangen. Mama und Tante Hilde waren ausgebrannt und wohnten jetzt bei Oma, Mama in einer verwanzten Dachwohnung, während Tante Hilde ein Zimmer in der Wohnung von Oma hatte. Auch Onkel Willi war nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald bei Oma eingezogen und schlief auf der Couch im Wohnzimmer. Ich konnte da also nicht wohnen und musste mir eine andere Bleibe suchen.

Zuhause

Mir kam der Gedanke, dass mir Inge helfen könnte. So ging ich zu ihrer Wohnung in der Kleiststraße 4, und Mutter Arnswald empfing mich wie einen verlorenen Sohn, unter Tränen und mit freudiger Überraschung. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Inge ihr schon das Treffen und den Beischlaf in Glöwen gebeichtet hatte.

Inge arbeitete bei der Firma Roll in der Hauptstraße als Näherin. Es war kurz vor Feierabend, und ich wartete klopfenden Herzens auf das Widersehen. Dann stürmte eine große Gruppe Frauen aus der Tür, darunter Inge. Sie sah mich in meiner schwarz gefärbten Ami-Uniform, und wir lagen uns vor allen Menschen in den Armen und schämten uns nicht unserer Tränen. Nach einer kurzen Erklärung für die Kolleginnen ging es nach Hause. Ich hatte ein Zuhause gefunden und war der glücklichste Mensch. Aus unserer jahrelangen Jugendfreundschaft war eine Liebe geworden. Trotz der Abneigung meiner Mutter und Schwester gegen Inge und trotz des Widerstandes ihres Vaters in eine Heirat mit mir armen Schlucker, bauten wir unser Leben in Liebe und Treue selbständig auf. Doch es sollten noch harte Jahre vor uns liegen.

„Einbürgerung"

Meine ersten Maßnahmen waren die Gänge zur sowjetischen Kommandantur, zur deutschen Meldestelle und zum Arbeitsamt, um die nötigen Papiere und Stempel zu erhalten. In zwei Tagen waren die Gänge erledigt, und ich war wieder anerkannter Bürger der Stadt Brandenburg. Nach einer Aussprache mit Mama und Schwester Inge war ich vor die Tatsache gestellt, dass von meinen Sachen, einschließlich meines Rennrads, nichts mehr vorhanden war. Angeblich ausgebombt. Später erfuhr ich von Bekannten, dass alles für Lebensmittel verscherbelt wurde. Ich zog die Konsequenzen, und der Fall war für mich erledigt.

Da Inge und ich uns schon versprochen hatten, wohnte ich mit Genehmigung von Mutter Arnswald bei ihnen, war aber in der Büttelstraße 8 bei Oma gemeldet. Als Heimkehrer hatte ich bis vier Wochen Zeit, mir eine Arbeitsstelle zu suchen. Ich nahm mir diese Zeit, holte mir erstmal einen Herrenanzug von der Volkssolidarität und 50,- Mark Heimkehrergeld. Die erste Zeit ging ich jedoch am liebsten in meiner Heimkehreruniform auf die Dienststellen, denn da hatte man immer Vorteile.

Inge arbeitete ja in einer Näherei, die mit Stoff zu tun hatte. Ich machte auf Bitten von Inge meine Aufwartung bei der Chefin, bei Frau Roll. Ich wurde überschwänglich empfangen und musste über meine Gefangenschaft berichten. Es hatte sich gelohnt. Ich bekam Stoff, der für die Anfertigung eines Anzuges reichte.

Arbeit

Anfang Oktober ging ich zu meiner ehemaligen Arbeitsstelle Elisabeth-Hütte. Als ich meine, vom Kriegsdienst verschonten Kollegen traf, wurde ich mit dem schon Satz begrüßt: „Na, da kommt ja der Kriegsverlängerer." Ich hätte mich wohl damals doch nicht freiwillig melden sollen.

Am 4. Oktober 1947 wurde ich vom Arbeitsamt vermittelt, und am 17. Oktober als Former eingestellt. Die Hallen der Metall- und Graugußgießerei waren durch die Bombenangriffe auf das Arado-Flugzeugwerk, das in der Nähe lag, mit zerstört worden. An der Havelseite war aber die seit der Nazi-Zeit leerstehende Halle heil geblieben und diente jetzt als Arbeitsstätte für die Belegschaft. Ich gewöhnte mich schnell ein.

Der Fabrikant Wiederholz war enteignet und dafür zu meiner Verwunderung der ehemalige Arbeitsfront-Leiter als Betriebsleiter eingesetzt worden. Die Arbeitsfront war die Nazi-Gewerkschaft. Es war also nicht nur in Westdeutschland so, dass Nazis in Positionen eingesetzt wurden, sondern auch bei uns. Meine Sorge sollte es nicht sein, ich hatte Arbeit, nur das zählte für mich.

Die Lebensmittelkarte war nicht berauschend. Sie reichte nur für die Hälfte des Monats. Wir Former hatten aber die Möglichkeit, einen Kochtopf im Monat aus Silumin, einer Aluminium-Legierung, für den eigenen Gebrauch herzustellen. Manchmal gelang es mir, zwei im Monat aus dem Werk zu schaffen. Die Töpfe tauschten wir am Wochenende bei den Bauern gegen Nahrungsmittel.

Hochzeit, Zukunftshoffnungen

Hochzeitsvorbereitungen

Es war eine schwierige Zeit, und es ging dem Winter zu. Die Lebensmittelkarten reichten nicht bis zum Monatsende. Ich konnte den Gürtel immer enger schnallen. Der Kampf ums Überleben war allgegenwärtig. Mutter Arnswald, einst eine dralle Person mit einer wohlgeformten Figur, war nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Inge und ich waren trotz dieser zeitmäßig bedingten Misere frohen Mutes, unser Los zu verbessern. Wir beide waren fest entschlossen, eine Familie aufzubauen.

Wir saßen abends des Öfteren mit Mutter Arnswald zusammen und schmiedeten Pläne. Wir waren der festen Überzeugung, dass es besser werden wird, dass der Aufschwung wird kommen muss. Hauptsache, wir beide behalten unsere Arbeit.

Mutter Arnswald machte sich Sorgen wegen unserer Hochzeitsabsichten. Sie meinte, wir sollten damit noch warten, bis der Vater aus der Gefangenschaft kommt. Ich wusste oder konnte es mir vorstellen, dass er mich nicht als Schwiegersohn akzeptieren würde. Inge sprach mit mir darüber, wollte aber auch nicht vom Vater an einen Bauernsohn auf dem Lande verkuppelt werden. So beschlossen wir, so bald wie möglich zu heiraten.

Bis zum Hochzeitstag ereigneten sich Dinge, die zum Teil gut, zum anderen Teil schlecht waren. Onkel Willi kam nach Brandenburg zurück, da er den Posten als Bürgermeister eines Dorfes in Thüringen, den er zwischenzeitlich wahrgenommen hatte, aufgegeben hatte. Ich konnte Pfarrer Gobel in der Tismarstraße mit 100 Gramm Bohnenkaffee und einem Päckchen Zigaretten davon überzeugen, dass er uns kirchlich traut, obwohl ich nicht konfirmiert war. Die kirchliche Trauung war Inges Wunsch.

Zu den schlechten Dingen gehörte, dass Margitta und Heiner bei einem Diebstahl erwischt worden waren, Mama entzogen wurden und ins Heim in der Landesanstalt Görden kamen. Außerdem spürte ich in einem Gespräch mit Mama ihre Abneigung gegen Inge. Wir konnten keinen Besuch meiner Familie zu unserer Hochzeit erwarten.

Das Leben ging weiter. Die Liebe zu Inge ging mir über alles. In meinem Herzen war das Gefühl, war die feste Überzeugung, die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Mit Inge wollte ich das Familienleben aufbauen, das ich mir in meinen Träumen ersehnt und das ich in meiner Kindheit nicht hatte.

Hochzeit

Der Termin wurde auf den 6. Dezember 1947, auf den Nikolaus-Tag, festgelegt. Inge und ich hatten alles gut organisiert. Mutter Arnswald verstand es - wie, wusste ich allerdings nicht - zum Polterabend einige Bleche mit Streuselkuchen zu backen. So viele Kinder wie an diesem Tag hatte ich noch nie in der kleinen Kleiststraße gesehen. Am Abend feierten wir mit den meisten Arbeitskollegen bei Alkohol und einem kleinen Imbiss. Die Beseitigung der gepolterten Scherben war anstrengend. Es kamen zwei Waschkörbe voll Scherben zusammen.

Die Hochzeitszeremonie fand im Standesamt in der Kanalstraße statt. Die Hochzeitskutsche der Firma Dankert, eine weiße Kutsche, die von zwei Schimmeln gezogen wurde, war in dieser Notzeit schon ein Ereignis. Die Außenstehenden wussten nicht, dass unser beider Hochzeitskleidung nur geliehen war. Alle spendeten, Freunde und Arbeitskollegen, und trugen zum Gelingen der Trauung bei.

Die kirchliche Trauung fand in der Jakobskapelle in der Jakobstraße statt. Pfarrer Gobel tat sein Bestes. Es war ein sonniger, kalter Wintertag, und die kleine Kapelle konnte gar nicht alle Menschen fassen, die in dieser Notzeit mal eine glückliche Stunde mit uns miterleben wollten. Ich erlebte die Freude und das Glück meiner Inge, dass ich ihren Wunsch nach einer kirchlichen Trauung erfüllen konnte. Es war gar nicht so leicht gewesen, Pfarrer Gobel zu dieser Trauung zu überreden, da ich zwar getauft, aber nicht konfirmiert war. Ich war eben ein Atheist. Aber die Liebe siegt immer, und „der liebe Gott war mit uns".

Die Hochzeitsfeier fand nur im keinem Kreis der Familie in der kleinen Wohnung von Inges Mutti, die sich auch Mutti nennen durfte, statt. Von Inges Familie sind alle zur Feier gekommen, nur von meiner kam keiner. Es war eine bescheidene Feier, aber trotzdem eine glückliche. Onkel Willi war einen Tag vorher gekommen und brachte uns eine Gans. Weiß der Teufel, woher er die organisiert hatte. Es war für diese Zeit ein Festessen, und alle waren einmal für einen Tag satt. Inge und ich waren die glücklichsten Menschen in dieser Runde.

Für mich war es eine eigenartige Lage, denn von meiner Familie kam niemand. Richtig vermisst habe ich nur Oma. Warum kam sie nicht? Ich habe sie nie danach gefragt, und trotzdem hatte Inge mit ihr danach bis zu ihrem Tod ein gutes Verhältnis. Wir dachten an meinen Schwiegervater, der noch in französischer Gefangenschaft war.

Wir hatten das Glück, ein eigenes Zimmer zu bekommen. Der Nachbar meiner zukünftigen Schwiegermutter, Herr Thiele, war Witwer und hatte eine Drei-Zimmer-Wohnung. Ein Zimmer davon hatte einen separaten Eingang vom Flur aus. Das wurde unser Zimmer.

Die Hochzeitsnacht verbrachten wir in unserem Zimmer. Wir liebten uns, schmiedeten Pläne für die Zukunft. Wir hatten beide Arbeit und blickten voller Zuversicht voraus.

Die Tage danach sahen schon etwas anders aus. Der Alltag hatte uns wieder. Es ging auf die Weihnachtsfeiertage zu, und die sollten besinnliche Tage werden. Außer den Lebensmittelkarten gab es zum Fest Sonderzuteilungen, außerdem tauschte ich den Anzugsstoff von Inges Chefin gegen Naturalien ein. Der Enthusiasmus von Inge, ihre Fröhlichkeit, ihre Fähigkeit, aus dem Bisschen, das wir hatten, ein gutes Weichnachtsfest mit einem ausgezeichneten Festessen zu gestalten, überwältigten mich.

Ich habe ein Juwel gefunden, und es hat sich gelohnt, um es zu kämpfen. Mein Anteil an unserer Ehe wird sein, ihr ein guter Ehemann und guter Vater unserer Kinder zu werden. Den Querelen von Mama und Schwester werde ich ohne Wenn und Aber widerstehen.