Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 8 Kriegsgefangener in England (1946 - 1947)

In Yorkshire

Nach ca. drei Wochen Nichtstun, in den sogenannten Nissenhütten vegetierend und von schmaler Kost lebend, kam ich ins Hauptlager 53 Brayton-Selby Yorkshire. Es war einen Tag vor Inge Arnswald zwanzigstem Geburtstag am 12. April 1946. Ich bekam in Sheffield noch einen lieben Brief, in dem ich für mich eine Hoffnung sah, dass meine Träume in Erfüllung gehen könnten.

Im Hauptlager waren sämtliche Waffengattungen und Gefangene aus allen Gauen Deutschlands vertreten. Es bildeten sich Parteien sämtlicher Couleurs mit einigen Agitatoren. Sogar ein Kommunist hielt Seminare ab und erhielt von den älteren Kameraden Zulauf. Ich hielt mich da raus, trotz meiner Vorbelastung durch Oma und Onkel Willi, denn ich wollte erst einmal abwarten, was sich zu Haus alles tun wird.

Lager 53 Yorkshire
Lager 53 Yorkshire
Von meinen alten Kameraden war ich jetzt vollständig getrennt, aber ich fand einen neuen Kameraden, mit dem mich eine gute Freundschaft bis zu unserer Trennung in der Heimat verband. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich mit der neuen Umgebung vertraut war. Die Engländer waren toleranter als die Amis. Wir erhielten einen Ausweis, mit dem wir berechtigt waren, uns bis zum Einbruch der Dunkelheit im Umkreis von Yorkshire-Land frei zu bewegen. Die meisten PW's arbeiteten in der Landwirtschaft, einige hatten schon Liebschaften mit den englischen Mädchen angefangen, und sogar Kinder waren schon gezeugt worden. Außerdem waren schon Maßnahmen für die Rückführung der PW's in die Heimat eingeleitet worden. Es ging nach der politischen Einordnungen eines jeden, nämlich A = Nazi, B = Mitläufer und C = keine Partei. Ich war unter C 9 = September 47 eingeteilt, und so konnte ich hoffen, nach Hause zu kommen. Ich nutzte die Tage auf meine Art.

Hühnerfarm und Hühnerjagd

Das Lager lag auf einer leichten Anhöhe direkt an der Hauptstraße Brayton-Selby. Meine erste Arbeit war bei einem Bauern, auf dessen Viehweiden ich die Diesteln und Brennnessel umzumähen hatte. Eintöniger ging es nun wirklich nicht. Aber ich erhielt in dieser kurzen Zeit meiner Schwerstarbeit immer ein gutes Frühstück!!! Anfang Mai 46 wurde ich auf eine Hühnerfarm beordert. In der Nähe von Selby hatte ein Lord riesige Ländereien, und die Hühnerfarm war einige Kilometer entfernt von unserem Lager.

Für mich war das Neuland und ein interessantes Arbeitsgebiet, wobei ich eine gute Lehrmeisterin hatte. Helen, so hieß sie, war 49 Jahre alt. Ihr Mann arbeitete in der Rinderaufzucht, ebenfalls bei „seiner Lordschaft". Helen und ich hatten täglich ca. 3000 Hühner zu versorgen. Meine Aufgabe bestand darin, Kot von den Litzen zu kratzen und Eier einzusammeln. Es war ein riesiges Freilauf-Areal mit 12 ehemaligen Militärbaracken. Das Futter wurde uns per LKW geliefert, die Wege zu den Baracken waren zementiert, und der große Handwagen für den Futtertransport gummibereift. Es war für uns beide eine Zeit ausfüllende und schwere Arbeit. Ich hatte mich schnell eingearbeitet, und mir machte es sogar Freude, mit dieser freundlichen Frau zusammen zu arbeiten. Nach Feierabend war ich die erste Zeit ganz schön groggi. Die ca. 400 m bis zu der Wegkreuzung, an der ich von einem Militär-LKW immer abgeholt und morgens abgeladen wurde, fielen mir schwer.

Als ich bei der Durchsuchung in der Hapag-Lloyd-Lagerhalle in Liverpool durch die Wachsoldaten vom Inhalt meines Seesacks erleichtert worden war, hatte ich mir geschworen, das bei bestmöglicher Gelegenheit wieder zu beschaffen. Hier war die Möglichkeit gegeben. In der Nähe eines kleinen Wäldchens war ein ca. 500 qm großes, wildwachsendes Areal mit hohen Brennnesselpflanzen. Dort jagte ich einige Hühner und erschlug sie mit einer Weidengerte. Dies passierte so zwei- bis dreimal die Woche. Es fiel nicht auf, wenn in der Nähe Federn und Blut lagen, zumal ab und an auch mal Füchse ihr Leckerli holten. Durchs Lagertor nahm ich es in meinem Regenmantel (heute Natopelle genannt) mit. Wir wurden ja kaum kontrolliert. Josef Oesterreich, mein neuer Freund, hatte einen Landsmann aus Hessen, der Koch war, und der lies schon mal einige Schillinge für die Hühner springen.

Zum Geldverdienen hatte ich auch noch andere Möglichkeiten, z.B. auch durch Verbindungen von Josef, indem wir in der Rüben- und Kartoffelpflanzzeit die Jungpflanzen durch Hacken verzogen. Sonnabends und sonntags war ich mit dabei, damit diese Tage nicht so öde waren.

Zukunftsträume

IN englischer Gefangenschaft
In englischer Gefangenschaft
Die Tage der Freude konnte ich zählen. Das waren die, an denen wieder Post ankam und auch ein lieber Brief von Inge Arnswald dabei war. Ich sehnte schon sehr den Tag herbei, an dem wir uns das erste Mal wieder gegenüberstehen. Werden sich meine Hoffnungen erfüllen? Was wird uns nach dieser Kriegsnot erwarten? Was wird ihr Vater sagen, der nichts dagegen hatte, dass ich ihr Freund war, würde er mich als ihren Mann akzeptieren? Ich hatte nur Gedanken für sie. Wenn ich sie als Frau bekomme, würde ich ihr ein guter Ehemann sein. Zwei Kinder wären mein Wunsch, ihnen ein guter Vater zu sein und sie in einem besseren Milieu aufzuziehen als das, in dem ich groß geworden bin. Mit guten Ratschlägen verheirateter, älterer Kameraden wurde ich sehr bedacht. Aber nicht nur die Liebe zu Inge Arnswald beschäftigte mich, sondern auch der Gedanke, was wird, wenn sich meine Wünsche nicht erfüllen.

Mein anderer Zukunftsgedanke war abstrakter, aber, wie mir damals schien, keinesfalls abwegig. Ich würde versuchen, von Westdeutschland nach Kanada auszuwandern. Der Gedanke, in dem alten Milieu der Familie mit dem lieben Alfred zusammen leben zu müssen, war für mich nicht akzeptabel. Doch ich glaubte fest an eine Zukunft mit Inge Arnswald. Noch war ich Gefangener, aber schon im Einbürgerungsprozess ins zivile Leben. Der englische Ausweis gab mir das Gefühl, ein freier Mann zu sein, wenn nicht noch das Barackenleben wäre. Ich konnte ins Kino, zum Fußballspiel und sonst wohin im Gebiet Yorkshire gehen, allerdings nur bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Landwirtschaft und Fallen stellen

Im Oktober wurde ich von der Hühnerfarm abgezogen. Die Legetätigkeit nahm ab, und das Schlachten begann, um Platz für die Aufzucht neuer Küken zu schaffen. Für mich folgten einige Tage in der Kartoffelernte und anschließend beim Dreschen - und Weihnachten kam immer näher. Die Dreschzeit war sehr interessant. Es gab noch keine Mähdrescher. Die Ernte erfolgte wie bei unseren Bauern: Getreide mähen, Garben aufstellen, einige Tage trocken lassen und anschließend das Getreide auf einem freien Feld in Diemen lagern. Dieme sind große, rechteckige Lagerstätten in der Größenordnung von 30 x 10 m. An der Ernte beteiligte sich das ganze Dorf. In der Winterzeit wurde das Getreide gedroschen. Eine Dampfmaschine, unseren Dampfwalzen ähnlich, nur breite Vorderräder statt der Walze und hintendran eine riesige Dreschmaschine, die mit den Riemen der Dampfmaschine angetrieben wurde. Rings um den Diemen stand eine Unmenge Terrier, die auf die Ratten und Mäuse warten, die aus den Diemen huschten. Je näher wir dem Boden kamen,d esto mehr Ratten und Mäuse flohen den Terriern vor die Schnauze. England war als Ratten-, Karnickel- und Kräheninsel benannt. Es gab Unmengen von dem Viehzeug.

Karnickel und Krähen fangen war Josefs und mein Spaß. Als wir in der Kartoffelernte waren, beobachteten wir den Jäger seiner Lordschaft, wie er seine Schlingen für den Karnickelfang aufstellte und eigneten uns etliche der Schlingen an. Wir stahlen sie. Alle Felder in dieser Gegend sind mit Steinwällen oder Hecken eingefasst. In diesen Hecken stellten wir Sonnabend am späten Nachmittag die Schlingen auf, und Sonntagmorgen kontrollierten wir. Zwei bis drei Karnickel waren immer im Sack. Für uns gab es einige Schillinge und für den Koch Arbeit, der die natürlich auch nicht umsonst tat. Das Weihnachtsfest wurde von der Lagerleitung dürftig beliefert. Wir spürten, dass das Land genau wie unsere Heimat noch an den Folgen des Krieges zu knabbern hatte.

Harter Winter

Es kam der erste Schnee, und ich freute mich zunächst wie ein kleiner Junge, denn es war nach sieben Jahren, nach Einsatz im Mittelmeer und Gefangenschaft in Afrika und im Süden der USA der erste Winter für mich. Dieser Winter wird lange in meiner Erinnerung bleiben. Es war ein strenger und sehr kalter Winter mit ungeheuer viel Schnee. Wir wurden alle zum Schneeräumen eingesetzt, und die Bevölkerung honorierte das und bedachte uns mit heißem Tee und Sandwichbroten.

Der Winter ging so langsam zu Ende, und es sollte danach noch schlimmer kommen. Die Schneeschmelze setzte rasant ein, und im ganzen Bereich Yorkshire gab es Hochwasser so weit das Auge sehen konnte. Felder und Straßen waren überflutet. Zum Glück lag unser Lager auf etwas höherer Ebene, doch wir waren ringsherum vom Wasser eingeschlossen. Die Verpflegung musste rationiert werden, aber am Hungertuch brauchten wir nicht nagen. Als nach ca. drei Wochen die Straßen wieder frei und die Wiesen und Felder noch etwas unter Wasser waren, gingen Josef und ich wieder auf Karnickelfang. Die Karnickel suchten vor dem Wasser Schutz und hielten sich auf den Hecken oder auf größeren Baumstümpfen auf. Es war ein leichtes, sie zu fangen. Nur das Wasser war sehr kalt, denn wir mussten schon die Schuhe ausziehen und die Hosenbeine hochkrempeln. Zu dieser Zeit gab es für uns Gefangene zwar keine Arbeit, doch Langeweile gab es für uns zwei nicht.

Auf Krähenjagd

Von April bis Mai war die Brutzeit der Krähen, und die Krähen waren eine Sorge für die Gutsbesitzern. Die meisten Zufahrtswege ihrer Schlösser oder Herrschaftshäuser waren mit Pappel umsäumt. Auch in ihren Parkanlagen sind diese Bäume Standard. In den Pappeln nisteten und brüteten die Krähen.

Bevor die Jungvögel flügge wurden und am Nestrand das Flügelschlagen trainierten, begann unsere Jagd. Krähen bauen ihre Nester bis in die äußerste Spitze des Baumes, dorthin, wo es sehr wackelig wird. Die Jagd war einfach, aber anstrengend. Mit einem drei Meter langen Stab kletterte einer von uns rauf und stieß mit dem Stab gegen das Nest, bis je nach Gelegegröße ein oder zwei Jungkrähen zu Boden segelten. Der Untenstehende nahm sie in Empfang, auf dem Boden waren sie unfähig zu entkommen, und drehte ihnen den Hals um. In der Zeit, in der der erste wieder runter kletterte, stieg der zweite den nächsten Baum hoch. An einem Jagdausflug schafften wir beide acht bis zehn Bäume. Der Fang war zufrieden stellend. Unser Fang von 10 bis 14 Stück wurde an Ort und Stelle samt Federkleid enthäutet und ausgenommen.

Josefs Landsmann, der Koch, machte noch eine kleine Füllung rein und briet sie so. Die Krähen gingen weg wie warme Semmeln - als Täubchen.

Einmal wurden wir von einem Bediensteten seiner Lordschaft erwischt, aber zu unserem Erstaunen lediglich ermahnt, keine Äste abzubrechen.

In Goole

Die Zeit der Untätigkeit sollte bald zu Ende gehen. Am 17. Mai 1947 kam ich in das Städtchen Goole an der Humber. Dort gab es eine kleine Hafenstadt. Die Schiffe, die dort einliefen, wurden nicht am Kai entladen, sondern in Schleusenkammern. Das war wegen der Gezeiten erforderlich. Mit der Flut liefen die Schiffe ein, die Tore wurden geschlossen, denn sonst würden die Schiffe bei Ebbe auf Grund liegen, da der Humberfluss nicht tief ist.

Ich war enttäuscht von Goole. Wir waren 20 Mann, die dorthin abkommandiert worden waren und in einem saalartigen Gebäude untergebracht. In der ganzen Zeit bis zum 8. August 1947 haben wir nur rumgelungert. Diese Tage waren nur zum Spazierengehen gedacht. Eines Tages ging ich an der Humber entlang und setze mich am Deich ins Gras und beobachtete das Ein- und Auslaufen der Schiffe. Ich träumte, wie es sein wird, wenn ich eines Tages mit einem Schiff nach Hause komme. Ich war bei diesen Träumen eingeschlafen und wurde erst wach, als das kalte Wasser meine Beine umspülte. Ich hatte nicht an die Flut gedacht.

Eine Abwechselung waren unsere täglichen Tanzübungen, die ein Kamerad, der Tanzlehrer war, mit uns durchführte. Aber außer einem langsamen Walzer mit dem Lied „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein" habe ich nichts gelernt.

Was mir an Goole gefallen hatte, das war das Fish-and-Chips-Essen. Fish and Chips war ein vorzüglicher Snack und sehr billig.

Wertvolles Honorar

Bei einem Spaziergang wurde ich von einem salopp gekleideten Neger in Deutsch angesprochen. Er sei Reporter und möchte über Gefangene, über ihr Leben in England und über ihre Gedanken für die Zukunft schreiben, auch darüber, wohin sie entlassen werden. Es war ein interessantes Gespräch. Vor allem seine intelligente Art, wie er alles formulierte, erstaunte mich. Meine Bereitschaft, ihm meine Gedanken, wie ich alles hier empfunden habe, offen darzulegen, imponierte ihm wohl. Wir führt unser Gespräch im Cafe Bistro des Kaufhauses Woolworth. Als „Honorar" konnte ich mir einige Dinge des täglichen Bedarfs wie Rasierpinsel, Klingen, Seife aussuchen. Für mich war es selbstverständlich, bescheiden zu sein und nach einigen Sachen aufzuhören, den Korb weiter zu füllen. Aber er forderte mich auf, weitere Dinge zu nehmen. Ich war überglücklich, und in der Heimat war mir erst richtig bewusst, was für ein kleines Vermögen ich bekommen hatte.

Endlich zurück nach Deutschland

Am 9. August 1947 kam ich wieder zurück zum Hauptlager 53, wo mir eröffnet wurde, dass ich in die Heimat entlassen werde. Nachdem ich neu eingekleidet war, ging es mit einem Trupp ab nach Lager 9 in der Nähe Leicesters.

Die 14 Tage Wartezeit waren noch grausame Tage des Zweifelns und der Unsicherheit, aber dann ging es Schlag auf Schlag. 26. August 1947 in Harwick 17.00 Uhr auf die Fähre, nachts um 1 Uhr am 27. August 1947 in Hoek van Holland angelandet. Umsteigen auf die Bahn, und um 8:00 Uhr am 27. August 1947 passierte ich die Grenze bei Bentheim. Am 27.8.47 kam ich um 17:30 Uhr in Munsterlager, Niedersachsen an.