Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 7 Drei Jahre als Kriegsgefanger in den USA (1944 - 1946)

Ankunft in Amerika

Norfolk (Virginia)

Am 2. Januar 1944 liefen wir im Hafen Norfolk im Staate Virginia ein. Als wir von Bord gingen mussten wir ein Spalier von Home-Guard, Armeesoldaten und Polizei durchlaufen. Alle zwei Meter stand links und rechts ein Bewacher. Ich hatte den Eindruck, dass die Amis mehr Furcht vor uns hatten als wir vor ihnen. Die Zivilisten bestaunten uns Ankömmlinge, aber es gab kein Pöbeln, sondern nur stille und mitleidige Gesichter.

Die weitere Organisation ließ uns Deutsche erstaunen, zumal wir politisch durch die Nazi-Partei so geschult waren, die besten Arbeiter, die besten Techniker, überhaupt die Herrenrasse der Welt zu sein. Hier wurden wir eines Besseren belehrt.

Von der Erfassung der Personalangaben, über Fotografieren, Entlausung und danach Empfang der Gefangenenkleidung mit Schuhen, Unterwäsche, Jacken bis zur Wollmütze, es war ja Winter, bis zum Einstieg in einen Waggon zum Abtransport in ein Lager dauerte es für uns ca. 200 Mann gerade einmal vier Stunden.

Der Zug war ein Sonderzug der Pullman Corporation mit normalen Wagen. Es gab gepolsterte Sitze, rückklappbare Lehnen, so dass man bequem auf gegenüberliegenden Sitzen schlafen konnte. Ich konnte es bei diesem Komfort, der uns geboten wurde, kaum glauben, dass ich Kriegsgefangener war.

Die Fahrt dauerte zwei Tage und führte uns von Norfolk über Cincinnati, West Virginia, Indianapolis bis nach Rockford Illinois, in die Nähe des Michigansees. Es sollte für mich und meine Kameraden nur ein Durchgangslager sein, das Lager "Camp Grant", das wir am 5. Januar 1944 erreichten.

Im Lager Camp Grant

In diesem Lager waren alle Waffengattungen der Wehrmacht vertreten. Meine Annahme, unsere ehemaligen Vorgesetzten hätten keine Befehlsgewalt mehr, war ein gefährlicher Irrtum. Fanatische Nazis wachten darüber, dass keine abwertenden Äußerungen über den sich als verloren abzeichnenden Krieg gemacht wurden. Das hatte bereits einer meiner Kameraden als Warnung erfahren, nachdem er nur geäußert hatte, dass der Krieg bald verloren ist und wir glücklich sein sollten, hier zu sein. Prompt lag auf seinem Bett ein Seil zur Schlinge geformt, als wir vom Essen zurückkamen. Diese Warnung war eindeutig.

In "Papago Park" bei Phönix (Arizona)

Am 2. Februar 1944 wurden alle kriegsgefangenen Mariner aufgerufen, mit Verpflegung versorgt und zum Bahnhof Rockford gefahren. Wir waren ca. 60 Mann und wurden in einem Pullman-Wagen untergebracht. An den beiden Eingängen war während der dreitägigen Fahrt Militärpolizei als Bewachung postiert. Es war für mich wie ein Traum und unvorstellbar, aber es war doch die Wirklichkeit. Ich erlebte Amerika mit seinen unendlichen Weiten, nachts die voll beleuchteten Städte, ganz ohne Angst vor Bomben. Die Fahrt zum neuen Lager ging durch die vielfältigsten Landschaftsformen, über flaches, grünes Land, über Berge und Täler, durch steiniges ödes Flachland und durch trockene Wüsten.

Unser neues Lager, „Papago Park Arizona", lag in der Nähe der Hauptstadt Phönix. Was mir sehr gefiel war, dass es in diesem Lager nur Angehörige der Kriegsmarine gab, die Offiziere eingeschlossen. Das Lager war in vier Compound (Teillager) für Matrosen und ein Compound für Offiziere eingeteilt. Insgesamt 2300 Mariners und 100 Offiziere, unter ihnen Kapitänleutnant Friedrich Guggenberger, der zweimal vergeblich ausbrach und später in der Bundeswehr diente.

Arizona ist ein Staat mit viel Wüste, die durch zahlreiche Bewässerungskanäle durchzogen ist. Das typische Bild seiner Landschaft sind die Saguaro-Kaktusbäume und der Baumwollanbau. Unser Lager bestand aus primitiven Baracken, die uns als Unterkünfte dienten. Das Essen und die Betreuung in sozialen und ärztlichen Dingen waren hervorragend. Für die Anschaffung persönlicher Dinge wie Seife, Zahnpasta und andere Toilettendinge bekam man drei Dollar in 10 und 50 Cent aufgeteilt als Coupons. Wer arbeiten ging, der konnte sich bis zu 10 Dollar hinzu verdienen und sich damit im Lagershop Dinge des persönlichen Bedarfs kaufen.

In der Baumwollernte

Arbeit gab es genug. Wir wurden vorwiegend auf den Baumwollfeldern eingesetzt. Nach dem Frühstück und dem Zählappell warteten die Farmer mit ihren alten, wackligen LKW's schon vor dem Tor. Baumwolle selbst ist leicht, aber das Pflücken ist gar nicht so leicht. Nach acht Stunden Arbeit spürt man es stark im Kreuz. Diese Arbeit war gewöhnungsbedürftig. Die Baumwollkapsel war bei der Reife vorn spitz wie eine Nadel, und beim Herausziehen der Baumwollknospe konnte man sich, und das passierte täglich, die Fingerspitzen aufreißen. Eine andere Gefahr war die Black Widow (Schwarze Witwe), eine Spinne, die manchmal in der Knospe war. Wurde man gebissen, schwoll der Arm an. Das war unangenehm, aber mit einer Spritze war das nach einigen Tagen wieder vorbei. Die andere Gefahr lauerte zwischen den Reihen im Schatten, wohin sich Klapperschlangen gern verkrochen. Zum Glück kam das selten vor, denn meistens halten sich diese Schlangen im steinigen Geröllgebiet auf.

Mit Spinnen und Schlangen habe ich selbst keine Bekanntschaft gemacht, aber die tägliche Hitze von 35 Grad machte mit am Anfang zu schaffen, nicht nur mir, sondern auch den meisten meiner Kameraden. So wurde auch mal das Khaki-Hemd ausgezogen, das verschwitzt am Körper klebte. Das wurde aber nicht gern gesehen, wegen der Moral, so bigott waren die Amis. So kam es mal zu einem Streik, als ein Sheriff vorbei kam und uns so oben ohne sah. Unser Wachposten und der Sheriff bekamen sich in die Wolle, und wir sollten wieder unsere Hemden anziehen. Wir hatten nicht die Absicht und legten die Arbeit nieder und wollten zurück ins Lager. Als der Farmer kam, waren der Posten und der Farmer für uns und der Sheriff musste sich geschlagen geben. So lernte ich ein bisschen Freiheit in Amerika kennen.

Eines Tages wurde ich in eine Truppe delegiert, die an den Bewässerungskanälen das Gras beseitigen musste. Einige von uns, die mähen konnten und sich dafür gemeldet hatten, bekamen eine Sense. Ich wurde mit einigen Kameraden dazu bestimmt, an einer Straßenbrücke, unter der ein einen Meter im Durchmesser messendes Rohr hindurch führte, lange Stangen wie ein Gitter ins Wasser zu stecken, damit das abgemähte Gras aufgefangen wurde. Mittels einer Gabel mussten wir anschleißend das aufgefangene Gras rausfischen. Durch diese Arbeit an der Straße hatte ich das erstmal Kontakt mit der Zivilbevölkerung. Die Leute, mit denen wir sprechen konnten, waren sehr wissbegierig, aber sehr unwissend. Zu mir kam mal ein Mann, nahm mir meinen Hut vom Kopf, sah mich ungläubig an, fasst mich an die Stirn. Ich fragte ihn, was das bedeuten soll, und er sagte: „Wo sind deine Hörner und das Hakenkreuz auf der Stirn?" Der Posten klärte mich auf. In den Comic- und Hetzfilmen wurden wir „Krauts", wie sie uns nannten, öfters mit Hörnern gezeigt, so, wie die Wikinger früher ihre Helme mit Hörnern hatten. Viele Amis wussten noch nicht einmal, dass Deutschland in Europa lag und wo ihre Boys kämpften.

Rotes-Kreuz-Delegation

Eines Tages im Mai 44 inspizierte eine Schweizer Rote-Kreuz-Delegation unser Lager. Es gab ja bei uns im Lager keine Beanstandungen. Die Verpflegung war gut, und wir bekamen unsere Salztablette, da wir wegen der großen Hitze viel schwitzten und der Körper dadurch viel Salz verlor. Auch die notwendigen Impfungen gegen Krankheiten erhielten wir. Die ärztliche Betreuung war ausgezeichnet. Vom Zahnarzt bekam ich meine erste Plombe verpasst.

Warum diese Delegation? Zu meinem Erstaunen wurde ich mit einigen Mariner aufgerufen, nach vorn zu kommen. Ein Mitarbeiter der Delegation musterte uns einen Moment und putzte uns vor versammelter Mannschaft runter. Wir waren die, die noch nicht an unsere Angehörigen geschrieben hatten. Ja, wem sollte ich schon schreiben? Ich war gewillt, nach Kriegsende nicht mehr nach Deutschland zurück zu gehen. Meine Familienbande waren ja nicht mehr so ausgeprägt, allein durch das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin. Aber da war ja noch Oma und Tante Hilde, mit denen ich immer verbunden war. Und Freunde? Mein Freund Heiner war schon 43 in Russland gefallen. Das Rote Kreuz gab mir eine rote Karte, mit der ich verpflichtet war, irgendeinen Angehörigen zu benachrichtigen. Ich schrieb an Oma. Als die Karte der Delegation übergeben wurde, zögerte ich noch, ob es richtig war, nicht an meine Mutter zu schreiben. Doch die Bedenken ließ ich fallen, sie wird sich schon mit ihrem Alfred weiterhin amüsieren.

Die Lampe und der Arrest

Das Lagerleben lief weiter seinen Gang. Ich hatte mich damit beschäftigt, eine Tischlampe aus Sperrholz zu bauen. Laubsäge und das benötigte Material bekam ich aus dem Materiallager. Ein Elektriker, der außerhalb des Lagers arbeitete, besorgte mir eine Fassung sowie Schalter und Kabel. Es war ein sechseckiger Schirm mit Märchenmotiven. Ich war stolz auf meine Arbeit, aber die Freude sollte nicht lange anhalten. Bei einer Baracken-Kontrolle sah der Master-Sergeant, was bei uns dem Hauptfeldwebel entspricht, die Lampe und wollte sie haben. Ich sollte auch einige Dollar dafür bekommen. Ich verneinte.

Nach der Kontrolle dauerte es nicht lange, und er kam mit einem Militärpolizisten zurück. Als ich ihn an der Tür sah, nahm ich die Lampe vom Nachttischschrank und zerschlug sie auf dem Boden. Ich war in den jungen Jahren sehr impulsiv, und meine Unvernunft war stärker als mein Verstand. Als der Sergeant die zerschlagene Lampe sah, war er erst sehr erstaunt. Er sagte kein Wort zu mir, zum Polizisten nur einige Worte, und dann wurde ich abgeführt. Außerhalb des Lagers war ein ca. 50 mal 40 Meter großes, mit Stacheldraht umzäuntes Gelände, eine Baracke für 20 Personen, nur mit Holzpritschen und zwei Toiletten. An der einen Ecke ein kleines Holzhäuschen mit Toilette und Möglichkeit zum Waschen und Duschen.

Mir war gar nicht wohl zumute. Jeden Morgen bekam ich einen Liter Wasser und einen Kanten Weißbrot. Ich wartete schon den dritten Tag auf eine Verurteilung. Aber es tat sich nichts. Am vierten Tag kam der Sergeant mit einer großen Einkaufstüte, sah mich an und übergab sie mir. Ohne ein Wort zog er wieder ab.

Es war eine Wundertüte mit gut belegten Broten, Apfelsinen und Pepsi-Cola. Ich war baff. Da ich schon mal gelesen hatte, dass Halbverhungerte oder Verdurstete, was auf mich noch nicht zutraf, sich nicht gleich den Bauch voll schlagen sollen, teilte ich mir alles ein. Es ist mir gut bekommen. Am sechsten Tag holte mich der Sergeant raus und machte mir den Vorschlag, gegen Bezahlung eine Lampe zu bauen. Ich war einverstanden und beschämt über seine kulante Art, mit mir umzugehen.

Für die neue Lampe bekam ich vier Dollar, für die damalige Zeit eine Menge Geld. Einige Tage später wurde ich in einer Truppe von 150 Mann nach „Camp Beale" in Kalifornien zur Obsternte abkommandiert.

Zur Obsternte nach Camp Beale

Es war nach internationalem Recht möglich, alle drei bis sechs Monate mit den Gefangenen einen Lagerwechsel durchzuführen. Der Sinn war, mögliche Vorbereitungen für Fluchtversuche zu unterbinden. Aber wer dachte schon an Fluchtversuch, da wir doch ein bombiges Leben hatten.

Am 5. Juni 1944 kamen wir an. Die Fahrt mit der Bahn im Pullman-Coupe war schon Luxus und die Durchfahrt durch den Staat Arizona mit seinen Wüstengebieten und die Rocky Mountains berauschend. Geprägt wird der Südwesen Arizonas durch die Sonora-Wüste mit ihren riesigen Saguaro-Kaktusbäumen. Das Klima in Kalifornien ist trockene, und die Luft ist sauber. Im Sommer steigt die Temperatur manchmal bis auf 40 C.

Bei der ersten Ansicht des Lagers nahm ich an, dass wir am Rande einer Stadt waren. Aber es war ein riesiges Militärareal. Links und rechts der Straßen standen einstöckige Holzbaracken. In jeder Straße gab es einen Einkaufsshop, ein Kasino, sogar eine kleine Kirche. Die Gebäudekomplexe waren alle quadratisch angeordnet. Für uns 150 Mann war ein mit Doppelzaun abgezäuntes Gelände borgesehen. Wir hatten einen Sportplatz, einen Einkaufsshop und, was ich als das Beste empfand, voll klimatisierte Baracken.

An dieser Militärstadt schloss sich war ein Truppenübungsplatz an. Er sollte dem Hörensagen nach fünfzig Quadratkilometer groß sein.

Aprikosen- und Pfirsichernte

In den ersten zwei Monaten war ich zur Aprikosen- und Pfirsichernte eingeteilt. Diese Arbeit machte mir sehr viel Spaß, da die vom Baum gepflückten Früchte am besten schmecken. Doch nach einiger Zeit wollte ich keine mehr sehen. Ich hatte mich übergegessen. Außerdem wurde ich davon stark hartleibig.

In diesen riesigen Plantagen wurde die Arbeit von Wanderarbeitern ausgeführt, die aus vielen Staaten der USA kamen. Diese Wanderarbeiter führten nach meiner Auffassung eine Art Zigeunerleben. Ihr Zuhause war ein PKW mit Wohnwagen. Mit Kind und Kegel zogen sie von Staat zu Staat, dorthin, wo gerade Saisonarbeit angeboten wurde, ob Baumwolle-, Gemüse- oder Obsternte. Sie fühlten sich als freie Bürger, waren immer fröhlich. Ich dagegen war bei dieser Akkordarbeit nach Feierabend fix und alle. Unsere Gruppe, wir waren 15 Mann, schaffte selten die geforderte Norm, und so wurden wir von der Erntearbeit abgezogen. Einige Zeit des Nichtstuns tat mir ganz gut.

Ich beschäftigte mich mit Tätigkeiten, die mich früher entweder nicht interessierten oder von denen ich keine Ahnung hatte. So spielte ich Fuß- und Handball, lernte Kartenspiele von Rommè, Doppelkopf bis Skat. Ich nahm mir vor, auch an einem Lehrgang der englischen Sprache teilzunehmen. Aber noch fehlte eine Lehrkraft.

Suche nach Blindgängern

Eine neue Arbeit stand bevor: Blindgänger suchen. Wir waren 12 Mann, ausgerüstet mit einem Seitengewehr, Gamaschen und einem Beutel. Diese Ausrüstung hatte folgende Bedeutung: Die Gamaschen waren der Schutz gegen Schlangenbisse, das Seitengewehr diente dazu, Stöcke von den Büschen zu schneiden, und in dem Beutel war giftiger Weizen, der an den Rand der Erdhörnchenhöhlen gestreut wurde. Erdhörnchen waren voller Ungeziefer und Krankheitsüberträger.

Unsere Arbeit war nicht gefährlich, aber strapaziös, nur laufen und nochmals laufen. Auf dem Truppenübungsplatz wurden täglich Artillerie-Schießübungen durchgeführt. Bevor wir das Lager per LKW verließen, wurden im Hauptquartier die Zeit und die Planquadrate festgelegt, damit wir nicht in einen Schussbereich gerieten. In einer Linie in einem Abstand von Mann zu Mann von 10 Metern durchkämmten wir das Gelände nach Blindgängern. Wurde einer gefunden, wurde ein Stock von einem Gebüsch abgeschnitten, ein rotes Fähnchen daran befestigt und so die Stelle gekennzeichnet. Der Posten meldete den Fund per Feldtelefon, dann kam das Sprengkommando mit einem Jeep. Wurde ein Erdloch beim Suchen der Granaten gesehen, wurden rings um das Loch ein paar Giftkörner gestreut. Entfernte man sich ein paar Schritte, kamen die Erdhörnchen aus ihrem Bau und fraßen die Körner. Es dauerte dann keine Minute, und sie hatten das Zeitliche gesegnet.

Die Gefahren in unserer Tätigkeit gingen von den im Busch lebenden Tieren aus. Schlangen, Taranteln, Vogelspinnen, Hyänen und sogar Pumas. Aber wir hatten ja unseren Förster und den Wachposten. Der Posten war ein putziges Kerlchen. Er sprach gut deutsch und war der Sohn jüdischer Einwanderer aus dem Fränkischen. Da er Plattfüße hatte, war er nicht fronttauglich. Aber auch bei unserer Bewachung war er nicht gerade eine Größe. Es war ja verständlich, dass er uns in dem teils unübersichtlichen Gelände mit Büschen, Senken und leichten Anhöhen nicht alle in Sicht hatte. Aber sein Ausspruch „Wenn ihr abhauen wollt, schieß ich euch in den Arsch" ging uns auf den Geist.

Bei unserer Aktion hatten wir täglich eine Stunde Ruhepause, die wir im Schatten der wenigen Bäume genossen. Nach dieser Lauferei in der Hitze überwältigte uns regelmäßig die Müdigkeit. Auch unseren Posten überfiel sie. Sein Gewehr lehnte er an einen Baum, während er im Gras lag und selig schnarchte. Einer unserer Kameraden schlich zum Gewehr, entfernte das Schloss, nahm es auseinander und verteilte es auf sechs Mann. Ich schlief nicht, beobachtete die Aktion und war über das Desinteresse des Försters erstaunt, der mit Gleichmut die Sache betrachtete. Als der Posten munter wurde und das Malheur sah, wurde er erst rot im Gesicht, dann blass. Nun wollte er keinem mehr in den Arsch schießen und bettelte um das Schloss. So fuhren wir ins Camp zurück, mit einem bitterbösen Posten und wir in Sorge, was mit den sechs  Kameraden passieren wird, die die Schlossteile hatten. Sie bekamen alle drei Tage Arrest, und der Posten wurde umgesetzt.

Es kamen sechs Neue, und die Arbeit ging noch 14 Tage, dann war ich einige Zeit arbeitslos. Unser Kamerad, der als Dolmetscher fungierte, fragte den Förster, warum er die Sache nicht unterbunden hatte. Er sagte „Ich wusste, dass ihr nicht flüchten wollt. Ihr wolltet nur euren Spaß, na ja, den hattet ihr."

Ärger in der Wäscherei

Nach einigen Tagen Nichtstun bekam ich Arbeit in der Wäscherei, an der Bügelmaschine für Hosen. Die Wäscherei unterhielt ein Jude im Range eines Obersts als Privatunternehmer. Alle Shops und anderen Unternehmen des riesigen Militärobjektes lagen in jüdischer Hand, und alle waren Offiziere. Ich hatte nichts gegen Juden, zumal ich mit meinem Nachbarsohn Joshi Papendick immer ein gutes Verhältnis hatte, und wir immer auf Abzahlung bei den Juden kaufen konnten. Aber es war nicht gerecht, dass einige der jüdischen Offiziere ihre Verachtung uns gegenüber offen zum Ausdruck brachten. Und so war unsere Reaktion entsprechend. Wir wussten es damals nicht besser.

Da ich wieder die Norm nicht erfüllte, dieses Mal wollte ich nicht, kam ich an die Mangelmaschine. Wir waren acht Mann, die Bettlaken und Bezüge durch die Rollen jagen mussten. Auf jeder Seite war vor der Mangel eine Schiene mit einem Querbrett. Darauf wurden die Laken von zwei Mann handgerecht gepackt und auf die untere Rolle gelegt, wobei die obere Rolle das Laken mit einer rasenden Geschwindigkeit in die anderen Rollen zog, während mein Gegenüber und ich die Seiten der Laken glattziehen mussten. Dass Glattziehen gelang bei der Geschwindigkeit nicht immer, und so kamen einige Laken zerknautscht am Ende heraus. Ich stand am Kontroller und stellte die Geschwindigkeit etwas langsamer. Es dauerte nicht lange, und der Oberst kam zur Kontrolle, schimpfte mit mir und stellte den Kontroller auf Schnelldurchlauf. Als er weg war, stellte ich den Kontroller wieder langsam. Wir waren uns alle einige, dass durch diese Geschwindigkeit die Laken einwandfrei gemangelt wurden. Aber der Oberst sah das anders. Das Spielchen mit dem Kontroller, er Geschwindigkeit rauf, ich wieder runter, sobald er weg war, verschaffte mir nach einigen Stunden die Bekanntschaft mit zwei Militärpolizisten. Sie begleiteten mich zu einem Jeep. Ich hatte ganz schön Muffsausen. Mein Verdacht, dass ich das Lager eine Weile nicht wiedersehen würde, sollte sich bestätigen. Ich landete im Arrest.

Erneut im Arrest

Von außen sah er wie eine Holzbaracke aus, aber innen waren 15 cm dicke Betonwände, ein vergittertes Fenster, ca. 25 cm im Quadrat, wahrscheinlich zum Luftholen, denn Sicht nach Draußen gab es keine, schließlich eine Holzpritsche und zwei Decken.

Gespeist wurde vorzüglich, pro Tag ein Liter Wasser und ein Kanten Brot. Ich verfluchte mich selber, dass ich durch meine Dummheit in diese Lage gekommen war. Jetzt hatte ich Zeit und Muße, auch einmal an zu Hause zu denken. Die zweite Karte vom „Roten Kreuz" musste ich an meine Mutter schicken, da machte ich mir kaum Hoffnung, Nachricht zu erhalten, zumal, wenn der liebe Alfred, ihr Liebhaber, die Karte abgefangen haben sollte. Das lag durchaus im Bereich des Möglichen, denn unser Verhältnis war sehr gespannt. Was machten meine Freundinnen, vor allem Inge Arnswald, der kleine freche Spatz, die Unnahbare? Wenn man in einer Einzelzelle eingesperrt ist, kommt das Gehirn ins Trudeln, und es kommen nur krause Gedanken in den Sinn.

Einige Tage hatte ich schon abgesessen, ohne dass eine Verurteilung durch einen Gerichtsoffizier erfolgte, als ich etwas sehr überraschendes erlebte. Die Wache der Arrestbaracke erfolgte im 12-Stunden-Takt. Die Wachmannschaft bestand jeweils aus einem Sergeanten und sechs Soldaten. Eine neue Ablösung erfolgte, und gegen Abend, ich wollte mich gerade zum Schlafen hinlegen, kam der Wachhabende in meine Zelle. Das selbst war schon merkwürdig, da das Wasser und das Brot nur durch die Türklappe gereicht wurden und lediglich zur Notdurft die Tür aufgeschlossen wurde.

Wir führten ein langes Gespräch, als Verhör betrachtete ich das nicht, denn ich erzählte auf seine Fragen hin meine halbe Lebensgeschichte - und er mir die seine. Seine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft in der Nähe der polnischen Westgrenze. Er sprach ein gutes Deutsch mit oberschlesischem Akzent. Seine Mutter war deutscher Abstammung, sein Vater Pole. Seine Anwesenheit in den USA verdankte er seiner Flucht vor Kriegsbeginn über das englische Konsulat.

Ich fragte ihn, warum er mich so freundlich behandelt. Er sagte sinngemäß, dass ich kein Soldat in Polen oder Russland war, sondern nur Matrose in Italien, also konnte ich in seiner Heimat keine Verbrechen begangen haben. Sein Vater habe auch gute Deutsche kennen gelernt.

Solange er mit seiner Truppe Nachtdienst hatte, genoss ich diese Nächte mit ihm bei belegten Broten und Pepsi-Cola oder Mineralwasser.

Das Gegenteil lernte ich nach der Wachablösung kennen. In dieser Truppe war auch unser ehemaliger Wachposten vom Blindgänger-Suchkommando. Zwei Tage musste ich mich mit hartem Weißbrot und erwärmtem Wasser begnügen, das er zuvor einige Stunden bei Sonnenlicht auf das Fensterbrett der Wachstube gestellt hatte. Ich nahm es mit Gleichmut, mich dagegen zu beschwerden wäre sinnlos gewesen.

Am zwölften Tag meiner Inhaftierung war Appell mit dem Lagerkommandanten angesagt. Ich war der einzige Häftling im Arrest und musste Dienstgrad, Name Alter und Grund der Haft melden. Bei dieser Aussage „Haft" schwieg ich, und der Wachhabende informierte ihn, auch, dass nicht bekannt ist, wieviele Tage ich Arrest habe. Ich kam zurück in meine Zelle. Eine Stunde später wurde ich mit einem Jeep zum Provost-Marshal (Militär-Richter) gebracht und zur Urteilverkündung vorgeführt. Ich wurde zu 14 Tagen bei Wasser und Brot verurteilt. Da ich schon 12 Tage eingesessen hatte, musste ich noch zwei Tage absitzen. Ich habe es überstanden. Der Nachteil war nur, dass ich in dieser Zeit keine Arbeit hatte und mir somit die Möglichkeit genommen war, außer den drei Dollar Taschengeld zusätzlich Geld zu verdienen, um meinen Lagerlebensstandard mit Eis und Schokolade zu versüßen. Ich war Nichtraucher, und so reichten die drei Dollar vom Internationalen Roten Kreuz für die täglichen Bedürfnisse an Seife, Rasierseife, Zahnputzmittel und neue Unterwäsche. Meine Sturheit und mein Übermut hatte mich das zweite Mal ins Kalabusch, so nannten wir Mariner den Arrest, gebracht.

Hier im „Camp Beale" ging der Aufenthalt zu Ende, und es ging zurück nach Arizona. Aber es ging nicht nach Papago Park, sondern in das „Camp Mesa" östlich der Hauptstadt Phönix.

Camp Mesa

Ankunft war der 20. Oktober 1944. „Camp Mesa" war aber kein Marinelager, sondern hier waren alle Waffengattungen vertreten. Von meiner alten Truppe war nur noch Gerhard Baatz mit mir zusammen.

In Camp Mesa 1944
In Camp Mesa 1944
Als Unterkunft gab es keine Baracken, sondern nur 6-Mann-Zelte, die mit Holzpritschen, je zwei Decken und einem Kanonenofen in der Mitte eingerichtet waren. Es war sehr primitiv. Als Arbeit war Baumwollpflücken und nochmals Baumwollpflücken angesagt.

Ich kannte die harte Arbeit ja schon aus der Zeit in „Papago Park", aber hier gab es nur Akkordarbeit. 67 englische Pfund mussten geschafft werden. Diese Norm wurde nur von sehr wenigen geschafft, von mir nicht. Aufgrund dessen gab es keine Entlohnung, auch nicht für die geschaffte Menge.

Die Lagerleitung bestand aus Unteroffizieren und Feldwebeln der anderen Waffengattungen. Da waren noch viele alte stramme Nazis dabei, und sie bestimmten das Lagerlebens.

Streik und selbst genähte Hose

Deshalb wurde gestreikt. Sechs Wochen mussten wir bei Wasser und Brot sowie wöchentlich einmal eine warme Suppe auskommen. Die Folge? Gereizte Stimmung und zwei Tote durch Schwarzwasserfieber. Als Repressalie durchsuchten die Amis täglich unsere Zelte. Tätlichkeiten durch die Amis habe ich nicht festgestellt. Zugleich habe ich ihre Gelassenheit bewundert und mich gefragt, was in Deutschland mit Kriegsgefangenen passiert wäre, die im Lager gestreikt hätten?

Mit Gerhart Baats
Mit Gerhart Baats
Als der Streik beendet war, gab es für uns keine Arbeit. Langeweile machte sich breit. Sport und Kartenspiele waren die einzige Zerstreuung, aber das konnte mich nicht zufrieden stellen. Von „Camp Beale" hatte ich aus der Wäscherei zwei weiße Bettlaken mitgehen lassen. Ich wollte mir eine Hose mit breitem Hosenbeinschlag selbst nähen, aber mit fehlte das Schnittmuster. In einem Camp mit Hunderten von PW (Prisoners of War) muss sich doch ein Schneider finden lassen! Und ich fand ihn. Er nahm Maß, machte den Zuschnitt und erklärte mir die Nähtechnik. Ich bezahlte mit zwei Stangen Zigaretten Camel. Billiger konnte ich keine Hose bekommen. Die Langeweile war wie weggeblasen, ich hatte eine Aufgabe. Stich für Stich, Naht für Naht, teilweise wieder auftrennen usw., aber in vier Wochen war die Hose fertig.

Erste Nachrichten von Zuhause

Im Frühjahr 1945 ging es wieder auf die Baumwollfelder. Die neue Saat war aufgegangen, und die Pflänzchen mussten verzogen werden.

Weite Felder, Kilometer lang und der Planet brannte unbarmherzig auf den Leib. Es war schlimmer als die Pflückarbeit. Der Schweiß machte die Innenhand wund, Salben und Kühlung brachten kaum Linderung. Ich habe es überstanden, und das Vergessen dere Schmerzen kam in Form eines lieben Briefes aus der Heimat. Inge Arnswald hatte mir die erste Hoffnung und Freude nach Amerika gebracht. Den ganzen Inhalt kann ich nicht wiedergeben, aber die Freude, dass ich gesund bin, und die Traurigkeit, wieviele Bekannte gefallen oder durch Bombenangriffe umgekommen waren, war dem Brief zu entnehmen. Mein Zuhause Große Gartenstraße 8 war zerbombt. Mama und Alfred waren im Moment des Bombenangriffs nicht zu Hause. Inge Arnswald hatte meine Schwester Inge bei sich aufgenommen, von der sie auch meine Adresse hatte.

Von nun an kamen öfter Briefe, auch von Oma und Mama. Aber meine Gedanken und Träume drehten sich seit dem ersten Brief von Inge Arnswald nur noch um sie. Ich begann zu spinnen. Träumte von Haus und zwei Kindern in einer glücklichen Ehe. Aber wollte sie mich überhaupt, mich, der in einem solchen sozialen Milieu aufgewachsen war? Ihre Eltern lebten in geordneten Verhältnissen. Bisher waren wir uns in Freundschaft verbunden, was ihr Vater auch duldete. Aber mehr? Immerhin, seit ich im letzten Urlaub bei Mutter Oma Groczek in Butterlake war, wusste ich, dass ich bei den Großeltern angekommen war. Es war eine große Herzlichkeit.

Der Krieg neigte sich dem Ende entgegen, und ich ließ meinen Gedanken freien Lauf.

Kriegsende

Am 6. Mai 1945 wurde ich abkommandiert ins Nebenlager Continental (Nebenlager Compound) direkt an der Hauptstraße 10 zwischen Tucson und Nogales an der Mexikanischen Grenze.

Es war ein kleines Lager für 150 Mann mit Sechs-Mann-Zelten wie in Camp Mesa. Unser Kommandant war Leutnant Beppo Beaumont, ein kleiner, dicklicher, gutmütiger Mann. Hier wurden wir zur Kartoffel- und Möhrenernte eingesetzt. In der Kartoffelernte, die vollmechanisiert war, wurden wir nur am Sortierband eingesetzt.

Mit uns auf den Feldern arbeiteten nur Latinos, Menschen aus Mittel- und Südamerika. Sie arbeiteten und lebten unter unmenschlichen Bedingungen, wenig Lohn und schlechte Unterkünfte. Ihr Vorgesetzter war ein Mexikaner, fies und brutal.

Hier im Lager Continental überraschte uns das Kriegsende, der V-Day, der 8. Mai, der Siegestag der Amis. Die Bewohner der Städte, die Farmer und Bewacher waren wie berauscht, und wir natürlich niedergeschlagen. Wir waren die Verlierer und bekamen das kurzfristig zu spüren. Das Essen wurde mies, der Shop wurde geschlossen, und es gab keine Sachen des täglichen Bedarfs mehr. Vor allem keine Zigaretten. Für die Raucher war das wie ein moralisches Todesurteil.

Ich war immun, kein Raucher, mir war ein Becher Eis lieber. Meine neue Arbeitsstelle war die SS-Ranch in der Nähe der mexikanischen Grenze. Wir nannten sie so, weil der Rancher Samuel Strong hieß.

In weiteren Lagern

Auf der SS-Ranch

Er hatte Tausende Rinder und dementsprechend ein riesiges Weideland. Wir, wir waren 10 Mann, hatten die Aufgabe, Kleeheu unter Dach zubringen. Es war eine gute Arbeit, teilweise jedoch auch schwer. Technisch und organisatorisch war die Farm auf einem so hohen Niveau, wie ich es in der Heimat noch nie gesehen hatte. Mein Nationalgefühl, wir sind die Besten, wir haben die beste Technik der Welt, bekam einen Riss.

Der Ablauf war rationell durchorganisiert. Ein kleiner Caterpillar (Kleintraktor mit Raupen), seitwärts ein Elevator zur Heuaufnahme mit einer Presse, links und rechts je ein Mann, der eine steckte den Draht im oberen und unteren Drittel des Heuballens durch, der andere machte einen Kreuzknoten. Wenn der gepresste Ballen ausgestoßen wurde, entspannte sich der Ballen und wurde in seiner Form gehalten. Hinter der Presse war eine Einachser-Plattform von ca. 2 x 2 Meter angekoppelt. Auf dieser Plattform wurden 16 Stück von einem Mann gestapelt. War die Plattform voll, zog er einen Hebel, die Plattform senkte sich nach hinten und die Ballen blieben in Quadratform auf dem Feld liegen. Die Ballen wurden von vier Mann auf einen Plattenwagen aufgeladen und unter Dach gebracht. Das war wie eine Scheune nur mit Dach und Stützpfeilern, aber ohne Wände.

Der Planet brannte unbarmherzig auf uns nieder, und die Versorgung durch den Rancher für uns und seine Cowboys mit eisgekühltem Wasser und geschnittenen Pampelmusen in 50 Liter Metallbehältern war immer gewährleistet. Konnte man es als Kriegsgefangener besser haben? Mittag um 12 Uhr war Feierabend, und es gab ein kräftiges Essen, meist ein Stück Fleisch mit roten Bohnen.

Als wir schon 14 Tage dort waren fragte uns der Vormann im Auftrag des Ranchers, ob wir jeden Tag eine Stunde länger arbeiten würden, denn die Regenzeit würde bald einsetzen, und das Heu müsste unters Dach. Wir mussten das nicht machen, sprachen uns jedoch mit den Posten ab und sagten zu. Für uns war das sehr gewinnbringend, denn in dieser Stunde schafften wir zwei Wagen mehr, und jeder bekam einen Dollar und eine Schachtel Zigaretten. Ein Labsal für die Raucher. Die Sonne machte mir ganz schön zu schaffen. Aber nach fünf Tagen war die Arbeit beendet, und es ging wieder zurück zum Hauptslager Papago Park. Am dem 14. September wurde Papago Park wieder für eine lange Zeit mein Zuhause.

Für ein langes Jahr in Papego Park

Es war ein Jahr ohne besondere Ereignisse, nur mit viel Arbeit in den Bauwollfeldern, oder bei der Bereinigung der Bewässerungsanlagen. Ich besuchte einige Male Seminare für englische Sprache. Aber in Rechtschreibung und Grammatik war ich ja schon in der Schule nicht besonders gut gewesen. Durch meine Lungenentzündung und zwei Kuraufenthalte 1935 war ich ein halbes Jahr der Schule fern geblieben, so dass ich in der 5. Klasse sitzen bleiben musste. Ich will mich damit nicht entschuldigen, denn ich hatte ja auch die Möglichkeit, durch Abendschule einiges nachzuholen. Aber eine gewisse Trägheit und der Sport waren ein schlechter Ratgeber. In den Seminaren war ich gemeinsam mit Schülern, die schon das Abitur oder Reifezeugnis hatten. Ich merkte schon bei einigen ihrer Überheblichkeit und spürte an ihren dummen Bemerkungen, dass ich nicht in dieses Seminar passte. Mein Selbstwertgefühl litt sehr darunter, und ich hörte wieder auf.

Fußball, Handball und Kartenspiele waren nun meine Freizeitgestaltung, bis ich einen älteren Kameraden kennen lernte, der in der Schachmannschaft spielte. Er wollte einer Gruppe junger Soldaten das Schachspielen beibringen. Ich war begeistert, und das war meine Schule, an der ich immer teilnahm, wenn ich nicht in einem anderen Lager zum Arbeitseinsatz war.

Kriegsgefangener
Kriegsgefangener
Kriegsgefangener
Kriegsgefangener

Blackfoot, Idaho

Der Tag der Verlegung kam schneller als gedacht. Meine Abkommandierung erfolgte am 26. September 1945 nach Blackfoot, Idaho. Blackfoot liegt am Highway 15 zwischen Pocatello und Idaho Falls.

Idaho ist Kartoffel- und Rübenland, und unsere Aufgabe wurde es, diese aus der Erde zu holen. Untergebracht waren wir in einer heißluftbeheizten Landwirtschaftshalle. Die Ernte erfolgte meist mit Körperkraft, die Kartoffeln zwar auch maschinell, die Rüben jedoch nur manuell. Es war, Gott sei Dank, nur eine kurze Zeit, die zudem betreffs der Freizeit auch ihr Gutes hatte. Um die Halle herum war in 3 Meter Abstand ein nur 50 Zentimeter hoher Stacheldrahtzaun gezogen, als Zeichen einer „Verbotenen Zone". Nicht für uns, sondern für die Bevölkerung. Ich benutzte, wie ein großer Teil meiner Kameraden, die Gelegenheit, abends bei der Dunkelheit Stadtbesichtigung zu machen. Die Menschen beachteten uns nicht so besonders, sie waren es gewöhnt, denn zur Saison waren des Öfteren Kriegsgefangene hier.

Weiter nach Camp Bakey

Am 5. November 1945 waren wir wieder in Papago Park. Anschließend ging es am 17. November gleich ins Camp Bakey ca. 30 Kilometer von Phönix zur Baumwollernte. Camp Bakey war ein kleines Zeltlager für uns 15 Mann und 3 Posten. Es lag am Rande eines Feldweges. Hinter unserem Lager befand sich ein riesiges Weideland. Um das Lager herum war wie in Idaho ein bisschen Stacheldrahtzaun. In der Nähe standen zwei kleine Zelte, in denen Mexikaner campierten, die dort ihre große Schafherde hüteten. Es war eine idyllische Zeit.

Einige Kameraden und ich gingen öfter zu den Mexis, denn wenn es Abend wurde, klimperten sie bis spät abends auf ihren Gitarren, und wir waren ihre Gäste. Es waren arme Burschen, die Hirten, aber gastfreundlich, und das trockene Fladenbrot aus Mais schmeckte.

Die Posten kümmerten sich kaum um uns, nur um zehn Uhr zur Zählung mussten wir da sein. Und wir waren immer pünktlich da, denn wer wollte nach Ende des Krieges und bei dieser Betreuung noch abhauen. In diesem Zeltlager fühlte ich mich nicht als Kriegsgefangener. Das riesige Weideland ringsherum, nur hier und da ein Baum. Wenn ich träumte, wurde der Stacheldraht mit seiner geringen Höhe zur grünen Hecke um einen Garten. Sentimental zu sein hat auch etwas Gutes. Es ist keine Schwäche, sondern es kommen die Gedanken, wie man sich sein weiteres Leben vorstellt. Zurückblickend auf mein Jugendleben wollte ich nicht mehr zurück in das soziale Umfeld meiner Familie. Mein Traum, und träumen darf man ja, waren eine liebe Frau, ein Haus und zwei Kinder. Mein Beruf als Former würde mit die finanzielle Grundlage ermöglichen.

Das Weihnachtsfest 1945 war trostlos. Wir erhielten zwar eine Sonderration vom Hauptlager, aber die gewisse Feierlichkeit fehlte. Wenn ich im Hauptlager gewesen wäre, hätte ich vielleicht den Weg zur Weihnachtsmesse gefunden, auch wenn ich im Prinzip kein Kirchgänger war. Dazu widersprachen meine Erfahrungen mit einigen Vertretern Gottes zu sehr meinen christlichen Vorstellungen. Aber mein seelisches Gemüt war aus dem Gleichgewicht geraten, und Weihnachten sind nun einmal Tage, an denen das Herz eine andere Meinung hat als das Gehirn.

Einige Wochen später änderte sich alles schlagartig. Mit dem Auftrag, das Lager in einigen Tagen aufzulösen, kam auch Post. Ich erhielt wieder einen Brief von Inge Arnswald. Es war ein trauriger Brief, aber auch mit einigen hoffnungsvollen Zeilen, die meine Gedanken anregten. Die traurige Nachricht war, dass mein Großvater gestorben war. Oma lebte jetzt mit Tante Hilde zusammen. Inges Freundin Melitta, mit der gemeinsam sie beim Reichsarbeitsdienst war, war bei dem schweren Bombenangriff am 20. April 45 ums Leben gekommen. Brandenburg war stark zerstört, aber die lieben Zeilen von Inge Arnswald gaben mir große Hoffnung auf eine Zukunft zu zweit.

Aufbruch Richtung Europa

Am 5. Februar 1946 war ich wieder zurück in Papago Park. Zu meiner großen Überraschung wurde ich neu eingekleidet und gegen Tetanus sowie Paratyphus geimpft. Außerdem konnte ich im Shop einkaufen. Es ging nach Hause. Am 19. Februar 1946 ging es mit der Bahn nach Kalifornien, nach San Francisco.

Am 21. Februar trafen wir in San Francisco ein und wurden gleich weiter zum Hafen Oakland und um 17 Uhr an Bord auf der „DS Cap Douglas" gebracht. Es war ein Schiff der Liberty-Klasse, die in 100 Tagen zusammengeschweißt worden war. Die Meinung der Amis war, dass dieser Typ ein „Seelenverkäufer" ist, also kein sicheres Schiff, das man eine große Fahrt über den Atlantik zutrauen konnte. Dieser Überzeugung war ich nicht, denn es brachte uns heil nach England. Bei ruhiger See auf dem Pazifiks ging es entlang der Küste bis zum Panama-Kanal. Der Dampfer hatte nicht viel drauf, die Fahrt dauerte 12 Tage.

Durch den Panama-Kanal nach Liverpool

Am 3. März 1946 kamen wir in Panama an, und nach einigen Stunden begann die Durchschleusung durch den Kanal. In einer Enzyklopädie habe ich einmal gelesen, dass man kaum irgendwo in Lateinamerika die Pracht und die Vielfalt des Dschungels mit seinen Mangrovenbäumen, Liliengewächsen, Papageien und Affen ruhiger und gefahrloser genießen kann als an Deck eines Schiffes im Panama-Kanal. Tatsächlich wurde die Durchfahrt ein für mich einmaliges Erlebnis.

Am 6. März 46 erreichten wir den Hafen Colón an der Ostküste Panamas. Am nächstfolgenden Tag ging es gleich weiter, südlich an Kuba vorbei Richtung England. Mit der Ankunft am 20. März 46 im Haven von Liverpool (England) war für uns die Hoffnung verbunden, dass es gleich weiter nach Deutschland gehen würde. Das war ein großer Irrtum und eine große Enttäuschung. Nach der Anlandung ging es in eine große Lagerhalle der Hapag-Lloyd. Wir mussten uns alle entkleiden, und unsere Seesäcke wurden kontrolliert. Zur Ehrenrettung der englischen Soldaten muss ich sagen, es waren genau solche arme Hunde wie wir, und es war für mich verständlich, dass sie mit ihren gierigen und hungrigen Augen auf unsere aus Amerika mitbrachten Sachen schielten - und sich bedienten.

Nach der Filzung war mein Seesack bloß noch halbvoll. Nach der Filzung wurden wir auf Militärfahrzeuge verladen, und es ging ab zum Lager 17 Sheffield. Dort verbrachte ich meine trostloseste Zeit meiner Gefangenschaft. Es war ein Durchgangslager. Entweder nach Hause fahren oder noch in England bleiben, wir sollten es ganz schnell erfahren. Ich war ja im Oktober 43 von der englischen Marine gefangen genommen worden, dann aber in amerikanische Obhut gegeben, da sie selbst 1943 nicht in der Lage waren, uns zu verpflegen.