Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 6 Ein verlorenes Jahre als Kriegsgefangener in Afrika (1943)

Ich wusste nicht, sollte ich über die Gefangennahme glücklich oder enttäuscht sein! Ich war im Zwiespalt meiner Gefühle. Die gesamte Mannschaft hatte die Gefangennahme ohne Schaden überstanden, und das machte mich froh. Dass ich mir durch „Heldenmut" kein „Eisernes Kreuz" verdienen konnte, aber mit „gesundem Kreuz" in Gefangenschaft kam, machte mich überglücklich. Hoffentlich komme ich auch eines Tages gesund nach Hause.

Nach der Aufklärung durch den englischen Offizier über die militärische Lage war mir die Behandlung der Italiener einigermaßen klar. Die Alliierten waren Anfang Oktober auf Sizilien gelandet. Der Überläufer Marschall Badoglio putschte am 8. September 1943 und fiel der deutschen Wehrmacht in den Rücken. Doch die Engländer liebten den Verrat, nicht aber den Verräter.

Auf dem englischen Zerstörer

Nach den Ausführungen des Offiziers mussten wir uns entkleiden und unter die Dusche stellen. Nach dem Abtrocknen wurden die Haare, Schamhaare und  Achselhaare mit einem Entlausungsmittel besprüht. Dann konnten wir uns wieder anziehen. An unseren Uniformen fehlten einige Knöpfe und Abzeichen, auch mein Käppi war nicht mehr auffindbar. Ich konnte diese Sachen verschmerzen, denn dafür gab es ein sehr gutes Essen. Zusätzlich fühlten einige Tommies kameradschaftlich mit uns und gaben uns Zigaretten und Schokolade. Ich sah mich in den Mannschaftsräumen um und musste feststellen, dass die Backen (Tische) und Banken genauso an der Decke mit Halterungen zur Schlafenszeit befestigt waren, wie auf dem Schulschiff, auf dem ich ausgebildet worden war. Auch die Hängematten und die kleinen Schränkchen für den persönlichen Bedarf waren ganz ähnlich beschaffen.

Es war Schlafenszeit. In der Hängematte ließ es sich gut liegen. Bei mir weckte es Erinnerungen an die Schulschiffzeit auf der „Schlesien". Ich hatte eine gute seemännische Ausbildung erhalten und hatte einige Waffensysteme kennen, so dass ich damals die Hoffnung hatte, weiter auf einem Kriegsschiff Dienst tun zu können. Dazu war es nicht gekommen. Die Zeit bei der Bordflak-Süd Mittelmeer war mit gefahrvollen Fahrten und Kämpfen gegen Flugzeuge verbunden. Wenn ich andererseits an die letzten drei Dampfer denke, auf denen ich gefahren war, so waren es in gewisser Hinsicht Erholungsfahrten gewesen, die am Ausgang des Krieges keinen Anteil hatten. Ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich nie direkt auf einen Menschen schießen musste. Jetzt machte mir nur Sorgen, was wird sein, wenn der Krieg zu Ende ist. Was erwartet mich zu Hause? Mit diesen Gedanken schlief ich ein.

Von Italien nach Tunesien

Am Morgen wurden wir früh geweckt und bekamen wieder ein gutes Essen vorgesetzt. Die Mannschaft war sehr kulant zu uns, es gab keine bösen Worte. Die Anlandung war der Hafen Bari. Als wir von Bord gingen, wurden wir mit militärischem Gruß verabschiedet. Der Offizier, der deutsch sprach, wünschte uns eine annehmbare Gefangenschaft und eine gesunde Heimkehr nach dem Krieg.

Im Hafen wurden wir von englischen Fallschirmjägern übernommen, die schon mehrere Gefangene in ihrer Obhut hatten. In Marschordnung ging es quer durch die Stadt bis am anderen Ende, wo ein Fußballstadion war, das als Sammelstelle für Gefangene aller Waffengattungen diente. Ich staunte sehr über die Organisation. Als wir ankamen, wurden wir registriert, bekamen gleich eine Büchsenration zum Essen (Meat and Beans), und gegen Mittag wurde ein Transport zusammengestellt und ab ging es zum Bahnhof, wo uns eine johlende Meute Italiener erwartete. Aber unsere Bewachung, es waren meistens Schwarze, sorgte dafür, dass keiner der Gefangenen körperlich zu Schaden kam.

In den Abendstunden kamen wir in der Hafenstadt Taranto an. Es war der 17. Oktober. Wieder war ein Fußballstadion unser Aufenthaltsort. Dieser Aufenthalt dauerte drei Tage bis zum 20. Oktober. Es waren harte Tage. Nur mit einer Decke und auf blankem Boden zu schlafen war nicht angenehm. Aber ich habe es ohne Erkältung überstanden.

Am 21. Oktober wurden wir ca. 200 Gefangene im Hafen von Taranto auf ein Landungsboot der Amis verfrachtet und landeten nach eineinhalb Tagen in Tunesien an der nördlichen Spitze im Hafen von Bizerta. Das Lager Bizerta war einige Stunden entfernt von der Stadt in einer flachen, ebenen Gegend, wo kaum ein Strauch oder Baum stand.

In Afrika

Im Lager Bizerta

Wir Neuankömmlinge wurden mit Hallo begrüßt. Ich suchte den Teil des Lagers, zu dem ich hingehörte. Entlang der Lagerstraße waren Schilder aufgestellt, die für mich fremd waren. So stand auf den Schildern „Freies Saxonia", „Für Sachsen", „Freies Colonia" (Westfalen), „Freies Bavaria" (Bayern), „Freies Thuringia". Ich suchte vergebens „Freies Prussia", mein Preußen. Ich fand es nicht. Wo war das großdeutsche Reich, wo waren Führer und Vaterland? Ich reihte mich ein in die Masse Mensch, in der alle Schattierungen noch eine Einheit bildeten, Landsleute aus allen Gauen unserer Heimat, einschließlich der Österreicher, der Auslandsdeutschen, der sogenannten Beutegermanen, die als Soldat zu dienen gezwungen worden waren. Die sogenannten „Freien", die sich zusammengefunden hatten, waren nur eine kleine Zahl Abtrünniger. Wir wurden in 2-Mann-Zelten untergebracht und einmal am Tag mit Kost aus Büchsen abgefüttert.

Algier, Lager 210

Am 25. Oktober ging es ab nach Algier Lager 210. Es war ein großes Lager mit einigen 80 Personen fassenden Zelten. Wir von unserem Dampfer waren noch immer zusammen. Die erste Maßnahme, die wir über uns ergehen lassen mussten, war die Entlausung. Wir mussten alle Bekleidungsstücke bis auf die nackte Haus ausziehen, die Bekleidung in einen netzartigen Sack werfen, die anschließend durch die Entlausungsmaschine musste. In dieser Zeit wurden wir von einem Ärzteteam auf Ungeziefer untersucht. Die Kopf- und Schamhaare sowie die Haare in den Achselhöhlen wurden mit einem Pulver bestäubt.

Nun begann das eintönige Lagerleben, und eine Latrinenparole jagte die andere. Jeder versuchte, durch positive Nachrichten, die meist Wunschgedanken waren, die Stimmung unter den Gefangenen zu verbessern. Eines Morgens beim Zählappell wurde mein Name aufgerufen, und ich stellte mich zu einigen anderen Gefangenen, die vor mir aus dem Glied raus getreten waren. Mir war nicht wohl bei dieser Sache, denn ich war der einzige von unserem Schiff. Aber meine Sorgen waren unbegründet.

In der Wüste

Wir waren 20 Mann, und es ging per LKW in die Wüste. Nach drei Stunden Fahrt kamen wir in unserem neuen Lager an. Es war das Verhörlager 203. Ein kleines Lager für uns 20 Mann, ein Zelt für die Wachmannschaft, eines für die Verhöre und zwei 10-Mann-Zelte für uns. Das Zelt für die Verhörzeremonie lag etwas abseits von unseren Zelten. Zur Ehrenrettung der Britten muss ich sagen, dass wir korrekt und anständig in den Verhören behandelt wurden.

Mit Ausnahme der Verpflegung. Es gab täglich eine Schüssel Reis, mit Wasser und Salz gekocht, eine Mandarine und einen Kanten Weißbrot. Man konnte die Hoffnung haben, gesundheitlich über die Runden zu kommen.

Als ich zum ersten Mal zum Verhör musste, war es ein Auftritt in drei Akten. Beim ersten Eintritt ins Verhörzelt stramme Haltung und Ehrenbezeugung mit Hitlergruß. Von den rechts und links neben den Eingang stehenden Wachsoldaten wurde ich aufgefordert, raus zu gehen.

Beim zweiten Mal der gleicher Auftritt, gleiche Ehrenbezeugung - und von links eine Backpfeife mit der Aufforderung, nochmals vor das Zelt zu treten und beim Eintreten anständig zu grüßen. Da habe ich begriffen, dass der Führerbefehl, im Heer ab 1943 mit dem Hitlergruß Ehrenbezeugung zu leisten, hier keine Gültigkeit mehr hatte. Bei dritten Eintritt zackig gegrüßt, höfliche Aufforderung zum Sitzen.

Vor mir hinter dem Tisch saßen ein französischer, ein englischer und ein amerikanischer Offizier. Alles aufzuführen, was und wie gefragt wurde und wie das Verhör geführt wurde, würde zu weit führen. Ich konnte nur darüber staunen, was die Alliierten über unsere Schiffe, Ausrüstung und Standorte wussten. Sogar über die Besatzungen einzelner Schiffe wussten sie Bescheid. Ich war und bin überzeugt, dass durch uns bei den Verhören lediglich ihr Wissens über die deutsche Marine im Mittelmeer gefestigt werden sollte.

Es waren langweilige Tage, wenn man nicht wieder zum Verhör musste. Einen lustigen Tag hatte ich aber doch durch meine Unkenntnis im Kochen geschaffen. Jeden Tag musste ein anderer Kamerad die zwei Kochkessel mit fünfzig Liter Fassungsvermögen anheizen, den einen für den Reis, den anderen für Kaffee. An dem Tag, an dem ich dran war, lief zunächst alles glatt. Die Kessel mit Wasser waren schnell geheizt. Als das Wasser zum Sieden kam, nahm ich den 25-Kilogramm-Reissack und schüttete den gesamten Inhalt in den Kessel. Es dauerte nicht lange, und das Wasser kochte wieder, und ich rührte den Reis mit der Kelle, damit er nicht anbrennt. Wer wollte schon angebrannten Reis essen!

Ich rührte und rührte. Der Reis wurde dickbreiig, und das Rühren wurde mir immer schwerer. Ich füllte Wasser nach, denn ich hatte im Kessel noch genug Freiraum, um Wasser nachgießen zu können. Der Brei wurde immer dicker und dicker, und im Kessel sagte es „Blub, blub!" Und mit jedem Blubbern wurde der Brei noch dicker. In meiner Aufregung füllte ich mit dem Schöpfbecher Reis in den zweiten Kesse, aber im ersten blubberte es immer weiter. Nochmals mit dem Schöpfbecher Reis vom ersten in den zweiten Kessel umfüllen, Wasser in Kessel eins nachgießen - es blubberte immer noch.

Endlich kam die Rettung in Gestalt unseres verantwortlichen Kochs ehrenhalber. Wladislaus Wabinski, ein Oberschlesier, der sich bereit erklärt hatte, während unserer Zeit im Verhörlager uns zu bekochen. Er hatte lediglich verlangt, dass jeder mal früh morgens die Kessel anheizen musste. Und ich war derjenige, der sich am dämlichsten anstellte. Doch er war ein Gemütsmensch und sagte nur: „Pironje, du bist ein Dussel, kennen wir jetzt jeden Tag morgens, mittags und abends Reis fressen."  Er bereinigte die Chose, indem er den zweiten Kessel leerte und den Inhalt beider Kessel im Wüstensand vergrub. Die Briten haben davon nichts mitbekommen.

Einigen Tagen danach wurden wir zurück ins Durchgangslager 210 gebracht, wo noch täglich mehrere Gefangene ankamen, meistens Afrika-Kämpfer, denn der Kampf um Afrika war seit der Landung der Amis endgültig verloren.

Im Lager in Oran

Am 10. November ging es ab nach Oran, einen weiteres Durchgangslager. Am 11. November kamen wir an. Die Zelte für je 10 Mann waren auf einer leichten Anhöhe aufgebaut, was uns noch viel Ärger verursachen sollte. Der Tagesrhythmus war langweilig. Der Buschfunk brachte eine nicht beweisbare Meldung nach der anderen. Ich hielt Ausschau nach eventuellen Bekannten, mit denen ich gemeinsam auf einem der Dampfer gefahren war, und nach Landsleuten aus der Heimat.

Dabei lernte ich einen kennen, der war aus Götz bei Brandenburg. Er war in Italien in Gefangenschaft geraten und Infanterist. Sein Interesse galt meinen Bordschuhen, leichten Halbschuhen aus Segeltuch und einem Sohlenrand mit Leder. Er bot mir seine Knobelbecher als Tausch an, und nach vielem Drängen gab ich nach, denn er hatte am linken Bein oberhalb des Knöchels eine starke Wunde und in den Stiefeln viele Schmerzen.

Mehr als vier Wochen verbrachte ich in diesem Lager. Es waren eine eintönige und langweilige Zeit, und ich immer in Gedanken an zu Hause und daran, wie es weitergehen wird.

Dann setzte die Regenzeit setzte ein. Ströme von Wasser stürzten die Anhöhe runter. Einziger Trost war, dass die Zelte dicht hielten. An der Rückseite hatten wir viel Sand angeschüttet, so dass kein Wasser ins Zelt fließen konnte. Nur eins bereitete uns Sorgen. Zum Essenfassen oder zur Toilette mussten wir bei diesem starken Regen immer ca. 80 Meter bis Essenbaracke laufen, die unterhalb der Baracken an der Zufahrtstraße lag.

Das Essenholen war stets ein Wettlauf mit den Wassermassen, zumal der Boden aufgeweicht und schlammig war. Das Urinieren war dagegen einfach, kurze Schritte vor das Zelt, das war's. Meine Stiefel waren in dieser Zeit Gold wert. Ich hatte keinen schlechten Tausch gemacht.

Casablanca

Nach langen Wochen, es war der 21. Dezember, ging es für mich weiter in Richtung Casablanca. Es war nun kurz vor Weihnachten, und unter uns herrschte eine gedrückte Stimmung, gepaart mit der frohen Erwartung, wohin es geht, was uns Neues erwartet. Die Fahrt in Viehwagons war nicht gerade angenehm zu ertragen. Am Tag vor Heilig Abend erreichten wir Casablanca.

Es war noch immer Regenzeit. Kalte Winde fegten vom Atlantik über unser Lager. Im eigentlichen Sinn war es gar kein Lager, sondern nur eine große freie Fläche Land, umzäunt von doppelt gesichertem Stacheldrahtzaun, mit Furchen und Löchern im Boden, und jeder hat nur eine Wolldecke, die keinen Schutz vor dem Regen bot. Einige Gefangene musste man aus dem Lager ins Lazarett bringen. Ich habe es überstanden, ohne Erkältung, ohne Husten. Es ist für mich wie ein Wunder.

Weihnachten in Casablanca, Heiligabend, das schlimmste Fest, das ich bisher erlebt habe.

Am 26. Dezember, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, traten wir wieder zum Abmarsch an. Wohin? Zirka 200 Gefangene setzten sich in Bewegung, teils mit Hoffnung auf eine Besserung unseres Zustands, teils mit Zweifeln in den Gesichtern.

Nach Amerika

Wir betraten das Hafengelände und sahen nur amerikanische Kriegsschiffe, Transporter und Kriegsmaterial. Wir mussten einen der Transporter betreten, am Bug sah ich den Namen. Es ist die „Empress of Shanghai", ein Amerikaner. Am Hafenkai sehe ich eine Uhr, es ist 12:30 Uhr MEZ. Ich betrat das Schiff und damit amerikanischen Boden und sah einer ungewissen Zeit entgegen. Ich bin nicht gottgläubig, aber in diesem Moment hoffte ich, dass das ungewisse Etwas, das immer in meinen Gedanken war und mich bisher begleitet hat, weiter meine Hoffnung tragen möge.

Die „Empress of Shanghai" war nach meiner Schätzung ein 10.000 BRT großes Schiff. Außer uns ca. 200 Gefangenen waren Soldaten auf Urlaub, Verwundete und auch ein Teil Zivilisten an Bord. Als wir an Bord waren, stürzten sich die Soldaten wie die Wilden auf die Holzbetten, die als Doppelt übereinander installiert waren. Wir von der Marine, wir waren 14, sahen uns dagegen erst einmal um und entdeckten ein Shap (Raum) mit Hängematten. Sie waren in derselben Art, wie sie auch auf unseren Schiffen üblich waren. Hängematten sind vor allem bei Seegang besser als Betten, aber auf dieser Überfahrt hatten wir so gut wie keinen großen Seegang.

Jeden Tag durften wir einmal für eine Stunde an Deck frische Luft schnappen. Die Verpflegung war gut. Diese Umstellung auf die gute Verpflegung hat ein Teil der Gefangenen nicht gleich vertragen, und so wurden die Toiletten übermäßig in Beschlag genommen.