Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 5 Im Krieg in Mittelmeer und Adria (1941 – 1943)

Richtung Front

In Tropenuniform
In Tropenuniform
Ende Mai war die Ausbildung zu Ende und es ging wieder zurück nach Wilhelmshaven. Von nun an ging es zügig voran. Ärztliche Untersuchung, Einkleidung mit der Tropenuniform. Meine Sorge, zur U-Bootflotte zu kommen, war unbegründet. Mittlerweile war ich sehr froh darüber, denn es hatte sich herumgesprochen, dass die U-Boote durch die Radarsysteme der Alliierten kaum eine Chance hatten und große Verluste hinnehmen mussten.

Vielleicht fragt sich an dieser Stelle der Leser, weshalb ich mich freiwillig gemeldet habe, wenn ich doch nicht bereit war, für Volk und Führer zu sterben?

Mein Hauptgrund war, dass ich meinem häuslichen Milieu entfliehen wollte. Ich wollte einfach weg von Zuhause, und die Armee kam mir gelegen. Natürlich war ich als junger Mensch auch Idealist. Ich wollte patriotisch meinem Land dienen. Aber sterben wollte ich auf keinen Fall. Außerdem wäre ich, wie mein Freund Heiner, einen Monat nach meiner Freiwilligkeit sowieso gezogen worden. Diesem Krieg hätte ich mich nicht entziehen können.

Endlich ging es los. Wir fuhren in Richtung Süden, aber wegen der Geheimhaltung wussten wir zunächst nicht, wohin genau. Der erste Halt war in München, und wir wurden in einer Kaserne der Gebirgsjäger einquartiert. Wir pausierten hier zwei Tage. Es wurde lediglich ein Propagandamarsch durch München durchgeführt, dann hatten wir freien Ausgang. Es war Kirmeszeit, und ganz ohne Fliegeralarm konnten wir uns amüsieren. Das Amüsieren wurde uns auch leicht gemacht, denn als Marinesoldaten hatten wir viele Sympathisanten, die uns auch viel spendierten.

Die Fahrt ging weiter über die Alpen. Wir passierten den Brenner, dann Bologna, Florenz und Rom, weiter ging es bis Neapel. Hier war unser Flottenstützpunkt.

Ich war glücklich, denn ein Traum ging in Erfüllung. Ich konnte andere Länder und ihre Menschen kennen lernen. Schon die Zugfahrt empfand ich als ein großes Abenteuer. Die rasend schnelle Fahrt durch die Dolomiten beeindruckte mich sehr. Auf der einen Seite des Zuges hohe Felswände und auf der anderen Seite tiefe und steile Abhänge. Dann ging es ins Flachland, in die Po-Ebene. Dieses Land wurde in der Zeit des Faschismus von Sumpfland in Ackerland kultiviert. Während meiner Einsatzzeit in Italien fuhr ich später diese Strecke noch zweimal, und es war immer ein großes Erlebnis.

Erster Einsatz

In Neapel wurden wir in das Hotel "Albergo Universo" einquartiert. Es lag ganz in der Nähe des Hafens. Aber die Freude, in einem Hotel wohnen zu dürfen und das Leben in vollen Zügen genießen zu können, war nur von kurzer Dauer. Im Hafen gab es ein riesiges Terminalgebäude mit einer großen Halle. Seitlich des Gebäudes befanden sich die Diensträume der Marine. Wir waren der II. Bordflak-Süd unterstellt, die selbst keine Kriegsschiffe hatte, aber  Transportschiffe, die für Rommel Nachschub nach Afrika brachten. Auf diese Transportschiffe wurden wir als Flakschutz kommandiert. Da wir auf dem Schulschiff an allen Flak-Waffen jeden Kalibers ausgebildet worden waren, waren wir praktisch spezialisiert für diese Aufgabe.

Unsere Enttäuschung war verständlich, zumal wir angenommen hatten, nach der Ausbildung auf Schlachtschiffe, Kreuzer oder Zerstörer zu kommen. Aber dem war nicht so. Es war Anfang Juli 1942 und mein erstes Kommando auf einer Siebelfähre, die im Hafen von Taranto lag. Mein Gott, waren wir 12 Matrosen enttäuscht. Mit diesem Schlickenrutscher sollten wir den Feind besiegen? Diese Fähre bestand aus zwei großen Pontons, quer rüber mit Stahlträger verbunden und mit dicken Bohlen belegt. Achtern je zwei Ponton, ein großer BMW Motor, bestückt mit 2-cm-Flakgeschützen und 2 MG's.

Als Transportgut waren 10 Fässer mit je 200 l Treibstoff für Panzer geladen worden. Rommel hatte Ende Juni Tobruk erobert und brauchte dringend Nachschub, denn das Afrika-Korps war schon bis kurz vor el-Alamein vorgedrungen.

Ich muss ehrlich eingestehen, dass ich mir den Krieg so nicht vorgestellt hatte. Es war herrliches Wetter bei blankem Sonnenschein, und die See lag spiegelglatt. Wir machten manchmal sogar Halt, um zu schwimmen. Nur die Nächte waren kühl. Als wir nach zwei Tagen in Tobruk ankamen, wurden wir mit großem Hallo, aber auch mit ungläubigen Gesichtern begrüßt. Ein Offizier des Afrika-Korps dankte uns für die „heldenhafte Fahrt." Er sagte, dass es ihm unverständlich sei, warum uns unser Marinekorps ohne jeglichen Schutz los geschickt hatte.

Mit einem leeren Frachter ging es dann am nächsten Tag zurück zu unserem Stützpunkt. Dort bekamen wir einige freie Tage, und dann ging er los, der Krieg. Im Hafen von Neapel wurde ein Konvoi zusammengestellt. Zwölf Frachtschiffe erhielten Begleitschutz von sechs italienischen Zerstörern. Es waren alles Schiffe aus verschiedenen Ländern des Mittelmeerraumes. Sie alle waren erobert worden.

Feuertaufe und „Badefahrt"

Ich wurde der „Trentino" zugeteilt, einem italienischen Schiff, dass mit sechs Flakständen bestückt war. Während dieses Geleitzuges erhielt ich meine erste wirkliche Feuerprobe. Wir wurden durch sechs Torpedoflugzeuge angegriffen. Von sämtlichen Schiffen dieses Konvois wurde mit allen Flaks auf die Flieger geschossen. Sie hatten keine wirkliche Chance. Vier wurden abgeschossen bevor sie ihre Torpedos abwerfen konnten. Zwei jedoch warfen ihre Torpedos ab und es traf ein Schiff des Konvois. Es versank. Bis zum Zielhafen in Tripolis erlebte ich mehrere Angriffe dieser Art. Wir verloren insgesamt fünf Frachter.

Auf diese Fahrt erlebte ich den wahren Krieg und meine Feuertaufe. Ich sah die ersten Verwundeten und Toten. Ich spürte Angst, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Aber die war, solange die Waffe keine Ladungshemmung hatte, nicht gleich da. Sie kam mit der Machtlosigkeit, sich nicht wehren zu können. Diese Ängste verloren sich aber schon in kurzer Zeit bei den nächsten Fahrten. Mit jeder Fahrt und den immer wiederkehrenden Angriffen wurde ich erfahrener - und gleichgültiger. Ich konnte meinem Schicksal nicht entrinnen, denn ich war den Befehlen untergeordnet.

In Tobruk wurden die Ladungen schnell gelöscht, und es ging zurück nach Taranto, wo wir zwei Seefrachter und zwei italienische Zerstörer als Bewacher begleiteten. Auf der „Trentino", während meiner zweiten Fahrt auf ihr, erlebte ich meine erste „Badefahrt". Rommel hatte El Alamein, kurz vor Alexandrien, erreicht, und es war dringend notwendig, den Nachschub so schnell wie möglich nach Afrika zu bringen. Wieder ging es mit einem Konvoi südwärts nach Tobruk.

Neun Frachter und zwei Zerstörer gingen in voller Fahrt an der Westküste Siziliens vorbei und machten einen großen Bogen um Malta, da vermutet wurde, dass die Engländer Malta wieder belegt hatten.

Es war ein heißer Augustnachmittag, als sich von Osten her zwölf Torpedoflugzeuge vom Typ" Beaufort" auf unseren Konvois stürzten. Dieser Angriff war für uns überraschend, da wir Angriffe aus Malta, also aus Richtung Westen erwartet hatten. Es war ein kurzer Kampf. So schnell wie sie kamen, waren sie wieder weg. Wir hatten drei Frachter verloren, und ein Zerstörer war schwer beschädigt worden. Ich war auf einem der drei Frachter. Er wurde zwischen dem Vorderschiff und dem Maschinenraum durch ein Torpedo getroffen. Der vordere Flakstand war samt Mannschaft vollständig wegrasiert worden. Auch die Maschinisten sind alle umgekommen. Meine Flakmannschaft, kam mit einigen Blessuren lebend davon. Meine Kameraden und ich hatten viel Glück. Erstens schlug der Treffer im Bug ein und mein Flakstand war Achtern. Zweitens erhielten wir den sofortigen Befehl vom Flakleiter, von Bord zu springen, so dass wir genügend Zeit hatten, aus dem Sog des sinkenden Schiffes zu schwimmen. Wir wurden von einem andren Frachter aufgenommen und mussten wieder nach Tobruk zurück. Zwei Tage später wurden wir mit einer Ju52 nach Kreta geflogen. Dort landeten wir auf dem Flughafen Iraklion. In Iraklion wurden drei Kameraden und ich auf ein Landungsboot kommandiert, das mit defekten Militärfahrzeugen nach Bari fahren sollte. An Deck wurde tatsächlich eine Vierlingsflak aufgebaut, die wir bedienen sollten. Diese Fahrt war eine Sonntagsfahrt. Es gab keine besonderen Vorkommnisse!!!

Erster Heimaturlaub

Von Bari aus ging es nach Neapel zum Stützpunkt. Hier wurde ich neu eingekleidet und bekam zwei Wochen Urlaub, was nach einer „Versenkung" Usus war. Nach Empfang des Urlaubsscheines und des Soldes, ging es ans Einkaufen. Damenstrümpfe, Seidenschals, Tabakwaren und vor allem Bohnenkaffee für Oma. Bohnenkaffee war ihre Leidenschaft, und mit ihm konnte man bei ihr alles erreichen.

Die Eisenbahnfahrt von Neapel nach Berlin habe ich sehr genossen. Ich machte einen Abstecher nach Breslau, denn ich hatte genügend Zeit, um für einen Kameraden, dessen Eltern eine Bäckerei in Lohbrück bei Breslau hatten, einige Geschenke abzugeben.

Seine Eltern, das Ehepaar Nitschke, waren nette, freundliche Leute, deren Freude riesig war, und sie bedrängten mich, noch drei Tage zu bleiben, was ich gern tat. Denn so konnte ich wieder einmal Breslau besichtigen, wo ich 1941 die Sommerspiele der Jugend als Radfahrer erlebt hatte.

Nitschkes bemutterten mich wie einen Sohn, und ich erlebte wiederum, wie bei den Försterleuten in Schlesien, ein geordnetes, sauberes und führsorgliches Familienleben. Mit gemischten Gefühlen nahm ich Abschied von meinen Gasteltern. Es war ein rührender Moment, mit Tränen, Umarmungen und sogar einem Küsschen von Mutter Nitschke. Wo hatte ich so etwas zu Hause schon einmal erlebt? Höchstens bei Oma natürlich.

Nach meiner Ankunft in Brandenburg ging ich erst nach Hause, denn unsere Wohnung war in der Nähe des Bahnhofes. Ich überbrachte nur die Geschenke für meine Mutter und Geschwister und verschwand nach kurzer Zeit wieder.

Mein Zuhause während des Urlaubs war bei meiner Oma. Sie wohnte in der Büttelstraße 8 und hatte eine geräumige Drei-Zimmer-Wohnung. Als ich in die Nähe der Wohnung kam, sah ich am Fenster schon meinen Opa mit einem Sofakissen unter den Armen und wie immer an seiner Pfeife saugend. Meine Oma war ganz aus dem Häuschen, denn ich hatte mich nicht angemeldet.

Ihre ersten Worte waren: "Großer, hast du Bohnenkaffee mitgebracht?", erst dann schloss sie mich herzlich in die Arme.

Obwohl sie Rentnerin war, arbeitete sie immer noch als Toilettenfrau im Kaffeehaus „Cafe Oske" am Neustädtischen Markt. Den Bohnekaffee versteckte meine Oma in einer Gasmasken-Büchse, die ich ihr gegeben hatte. Aus Dankbarkeit für den Kaffee hatte ich immer Taschengeld in meinem Kolanie (Marinejacke).

Mein Jugendfreund Heiner (re.)
Mein Jugendfreund Heiner Lotsch (re.) in Frankfurt (Oder)
Aber der Urlaub war nicht nur unbeschwert. Ich hatte einen schweren Gang vor mir, den Beileidsbesuch bei den Eltern meines besten Freundes Heiner. Ich hatte das Gefühl, ihm das schuldig zu sein. Aufgeregt und mit klopfendem Herzen stand ich vor der Tür. Am liebsten hätte ich wieder kehrt gemacht. Sie waren für mich wie Pflegeeltern gewesen, denen ich viel zu verdanken hatte. Zu meiner Überraschung wurde ich freundlich, wenn auch zurückhaltend empfangen. Mutter Lotsch umarmte mich sogar. Nach dem Abspulen der Beileidsworte übergab ich Muter Lotsch Parfüm und Seife als ihre Geschenke. Für Vater Lotsch hatte ich Tabak mitgebracht. Es war dennoch ein bedrückender Besuch für mich, denn ich hatte das Gefühl, dass Muter Lotsch mich ständig mit Blicken ansah, die ich nicht deuten konnte. Mir war elend zumute, und ihre Blicke gingen mir lange Zeit nicht aus dem Kopf.

Die folgenden Tage waren ausgefüllt mit der Suche nach Unterhaltung und mit Treffen mit Kameraden und Bekannten. Einen Marinekameraden zu treffen war schwierig, denn ich hatte auf dem Wehrmachtsamt gehört, dass außer mir nur noch einer in Brandenburg auf Urlaub war. Ich war etwas enttäuscht, denn so konnte ich nicht mit mehreren Marinekameraden die Sau rauslassen. Mit einer Marineuniform in einer Garnisonsstadt wie Brandenburg, die voll von Grauröcken war, waren wir als Marinesoldaten schon etwas Besonderes. Und die Aufmerksamkeit, die ich mit meiner Uniform bekam, machte mich stolz und auch ein wenig eingebildet.

Im Fronturlaub
Im Fronturlaub
So trödelten die Urlaubstage dahin, bis ich eine Freundin von Inge Arnswald traf. Wir gingen, wie es in der damaligen Zeit üblich war, ins Kino und hielten Händchen. Mehr war da nicht, denn sie war nicht mein Typ. Während eines Treffens, erzählte sie mir, das Inge ihr Pflichtjahr in Trechwitzableisten würde. Ich beschloss, Inges Mutter zu besuchen. Ihr Vater war an der Front, ansonsten hätte mir wohl der Mut zu dem Besuch gefehlt. Frau Arnswald erzählte mir, dass Inge bei einem Bauern in Trechwitz sei und ich sie doch mal besuchen solle, denn sie würde sich sehr darüber freuen. Mein eigenes Rennrad hatte ich gut verpackt und ich wollte es nicht auspacken. So teilte ich Frau Arnswald mein Bedauern darüber mit, dass ich kein Rad hätte, worauf sie mir prompt ihr Fahrrad anbot.

Inge Arnswald mit Dieter Brüggemann
Inge Arnswald mit Dieter Brüggemann
Also sprang ich aufs Rad und fuhr zu Inge. Als ich bei ihr ankam, war sie total überrascht. Die Bäuerin, Frau Brüggemann, war eine nette und freundliche Frau. Als sie mich sah, sagte sie zu Inge: "Na, du hast mir ja noch gar nichts von deinem Freund erzählt." Inge machte das verlegen, und ich war verdattert. Ich wurde zum Abendbrot eingeladen, und wir tauschten Erinnerungen. Dabei klärten wir Frau Brüggemann freundlich über Inge und unser Kennenlernen und Verhältnis zueinander auf. Da es schon Dunkel war, als ich aufbrechen wollte, lud mich Frau Brüggemann ein, zu übernachten. Inges Kammer war ohnehin leer, denn sie schlief bei der Bäuerin im Schlafzimmer, wenn deren Ehemann nicht da war. Diese Begegnung mit Inge war im August 1942. Inge war 16 Jahre und ich 19 Jahre alt, und unsere Begegnung verlief freundschaftlich.

Auch meine ehemaligen Kollegen in der Formerei stattete ich einen Besuch ab. Von ihnen gab es viel Trara und Schulterklopfen, weil ich mich freiwillig zum Kampf für „Führer und Vaterland" gemeldet hatte. (Als ich 1947 aus der Gefangenschaft kam und wieder in der Formerei anfing, wurde ich von einigen wenigen mit den Worten empfangen: "Da kommt ja der Kriegsverlängerer".)

Zurück im Krieg

Rückkehr

Es war insgesamt kein weltbewegender Urlaub, und ich war auch zufrieden, als ich wieder bei meiner Einheit in Neapel eintraf. Der Stützpunkt war in der Nähe des „Castell de Mare". Als ich mich dort meldete, wurde ich mit schlechten Nachrichten empfangen. Es waren wieder Schiffe versenkt worden, und wir hatten hohe Verluste hinnehmen müssen.

Einige Tage später erhielt ich den Marschbefehl nach Brindisi an der Ostküste. Ich kam auf die „Roselli", einem italienischen Frachter, und wurde wieder an das Geschütz Achtern befohlen. Die Zusammenstellung des Konvois war wieder die gleiche. Einige Zerstörer bewachten den Konvoi. Jedes Schiff, das sein Ziel erreichte, war ein Gewinn für das Afrika Korps. Uns wunderte sehr, dass die Angriffe durch englische Torpedoflugzeuge gering waren.

Schicksalsfahrt vor Malta

Wir bekamen die Meldung, dass Malta täglich durch unsere Luftwaffe mit Bomben belegt worden war und die Engländer dadurch ihren Stützpunkt auf Malta nicht mehr richtig nutzen konnten. Der Flugplatz war zerstört worden und zum großen Teil auch die Flugzeuge. Malta war, zwischen Sizilien und Afrika gelegen, wie ein Klotz am Bein, denn von dort erfolgten die meisten und verlustreichsten Angriffe der Briten.

Die Ausschaltung Maltas verschaffte uns eine große Erholungspause. Bis Ende September fuhr ich drei Blockadefahrten. Die Dritte der Fahrten sollte meine Schicksalsfahrt mit glücklichem Ausgang werden.

Wir sahen schon die Küste von Tobruk, als aus der grellen Sonne der überraschende Angriff kam. Wir hatten keine Chance. Alle Frachter fuhren Flächenförmig auseinander, um den Flugzeugen kein kompaktes Angriffsziel zu bieten. Malta war durch den zerstörten Flugplatz kein intakter Stützpunkt mehr für die Briten. Woher also kam der Angriff? Der Angriff der Briten kam aus Ägypten. Der Angriff war dank des Überraschungseffekts nur kurz. Mein Schiff erhielt einen Treffer mittschiffs, und wir sprangen alle über Bord. Die Matrosen kappten noch einige Rettungsflöße. Für das Abhieven der Rettungsboote, war die Schräglage des Schiffes schon zu groß. Die Kameraden der Flak mittschiffs waren sofort tot. Es gab noch einige Verwundete, aber insgesamt hätte für mich alles noch schlimmer ausgehen können. Der Materialverlust war enorm hoch. Die Hälfte des Konvois war versenkt bzw. beschädigt worden. Nach zwei Stunden im Wasser wurden wir von zwei Landungsbooten aus Tobruk ans Land gebracht. Wir waren ein jämmerlicher Haufen, ohne Schuhe und Jacken und zum Teil verwundet. Ich hatte zum Glück keine Verletzungen. Da in Tobruk ein Materialdepot des Afrika-Korps war, wurden wir mit einer Tropenuniform und anderen nötigen Sachen eingekleidet.

Wir waren in der Annahme, dass wir sofort nach Italien zurückkehren würden. In dieser Annahme wurden wir enttäuscht. Es ging ab in die Wüste, in ein Zeltlager, das ca. 5 Kilometer von Tobruk entfernt war. Hier sollten neue Einheiten zusammengestellt werden. Wir sollten als Marineflak mit Vierlingsflakgeschützen auf Landlafetten die Luftsicherung übernehmen. Durch die hohen Verluste beim Nachschub waren große Versorgungslücken entstanden. Aber für mich es ging wieder zurück nach Tobruk, weil keine Flakgeschütze zur Verfügung standen. Die Tage im Zeltlager, das Tropenklima, heiße Tage bis 34 Grad Hitze und kalte Nächte bis 6 Grad, bekamen mir gesundheitlich nicht. Ich bekam einen blutigen Durchfall. Diese Übel sollte für mich ein Glücksfall sein, der mir wohl das Leben gerettet hat. Aber dazu an späterer Stelle mehr.

Mit einem Landungsboot wurden wir nach Italien gebracht. In der Nacht setzte ein großer Sturm ein, und Wasser drang durch die Landungsklappe am Bug. Auf den Laufgängen Back- und Steuerbord wurden Handpumpen angesetzt. Je zwei Mann an jeder Pumpe mussten diese eine Stunde lang bedienen, dann wurde abgelöst. Mir war auf dieser Fahrt kotzübel. Ich litt bei hohem Wellengang auf fast jedem Frachter an der Seekrankheit. Was ich mir an Essen einverleibt hatte, kotzte ich im hohen Bogen wieder aus. Ein Ratschlag eines älteren Matrosen half mir. Kotzen, Zwieback essen, kotzen, wieder Zwieback essen usw.. Nach einer gewissen Zeit führte diese Methode bei mir immer zum Erfolg, und es stellte sich Besserung ein. Zwieback oder Hartkekse gehörten also immer in meine Kolanitasche. Im Stützpunkt von Neapel gab es für meine Kumpel eine große Enttäuschung, als wir dort ankamen. Wir hatten auf Urlaub gehofft, aber man gewährte uns nur drei Tage Erholung in einem Hotel „Albergo Universo", in der Nähe des Hafens. Da ich erst im August/September Urlaub gehabt hatte, war ich nicht so enttäuscht.

Glück oder Intuition?

Nach den drei Tagen erhielt ich meinen neuen Dienstauftrag. Es war ein französischer Frachter, der im Hafen von Bari lag. Wenn man an Bord eines neuen Frachters ging, kam es routinemäßig zu einem gegenseitigen „beschnuppern" untereinander. Ich fragte mich, wie die Mannschaft so sei. Waren alte Bekannte an Bord, welche Ladung gab es und wohin sollte die Fahrt gehen. Ein Laderaum war voll mit Verpflegung, was mir sehr sympathisch war. Im zweiten befanden sich Militärfahrzeuge und Ersatzteile. Im dritten Laderaum waren Tellerminen und das gab mir zu denken. Es war also eine hochbrisante Fracht!

Dabei fiel mir ein, dass ich immer noch einen leichten, blutigen Durchfall hatte. Also meldete ich mich beim Flakleiter ab zum Sani-Revier. Meine abgegebene Stuhlprobe war positiv, und so kam ich nicht zurück aufs Schiff, sondern in die Klinik „Bagnoli" in Neapel. Dort gab es eine eigene Abteilung für deutsche Soldaten. Ich hatte Blut im Stuhl, und das genügte mir. Ja, liebe Nachkommen, ihr könnt darüber denken, wie ihr wollt. Ich war sicherlich kein Held der militärischen Kriegsführung, aber ein Dummkopf war ich auch nicht. Vielleicht war es Intuition, oder Erfahrung und Erkenntnis, wie sie jemand erwirbt, der schon zweimal nach Abschüssen von Bord gehen musste.

Vor der Klinik
Vor der Klinik "Bagnoli" in Neapel
So verbrachte ich zehn Tage im Krankenhaus bei Grießbrei und Haferschleim. Der französische Frachter war inzwischen ausgelaufen. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus führte mich mein erster Weg in eine Osteria, und ich gönnte mir mit Heißhunger ein Hühnchen mit Reis. Endlich wurde ich mal wieder satt. Nach einigen Tagen der Erholung im Hotel „Albergo Universo" wurde ich nach Livorno in die Nähe von Pisaabkommandiert.

Ich ging an Bord des italienischen Frachters „San Pedro". Dort erfuhr ich, dass der französische Frachter, auf dem ich hätte fahren sollen, durch ein Torpedo versenkt worden war, und nur sechs Matrosen überlebt hatten. Ich fragte mich, ob es Glück gewesen sei, oder ob jemand schützend seine Hand über mich gehalten hatte. In meiner jugendlichen Unbekümmertheit, hatte ich alle Fahrten auch als ein großes Abenteuer betrachtet. Aber bei Kämpfen, wenn es zu Flugzeugangriffen kam und wir getroffen wurden, war ich mir stets der großen Gefahr bewusst, denn ich hatte Angst. Todesangst!

Die Nachrichten, die ich hörte, waren nicht berauschend und deuteten nicht auf Sieg. Die Verluste an Menschen und Frachtern nahmen immer größere Ausmaße an. Die Briten hatten Malta wieder aufgerüstet, und von unserer Luftwaffe konnten wir keine große Hilfe erwarten. Im Oktober starteten die Briten eine Offensive bei el-Alamein, und im deutschen Afrika-Korps herrschte die Devise „Rette sich wer kann". Mit den Afrikafahrten war es für mich vorbei, denn die „San Pedro" befuhr die Linie Livorno-Bastia nach Korsika. Ich machte zwei dieser Fahrten, und wir wurden von den Briten kaum belästigt. In einem sicheren Abstand sahen wir lediglich Aufklärungsflugzeuge.

Nach der zweiten Fahrt, musste ich überraschen wieder ins Krankenhaus nach Neapel zu einer Nachuntersuchung, da der Verdacht der Ruhr bei mir bestand. Blut im Stuhl hatte ich nicht mehr. Aber durch die Ereignisse der Afrikafahrten hatte ich oft Alpträume und schlief sehr schlecht. Nach dieser Untersuchung waren Fahrten auf Frachtern nach Afrika für mich endgültig beendet. Anfang Dezember wurde ich nach Triest in Norditalien abkommandiert. Zu meiner Überraschung sollte dort für die Flottille ein neuer Stützpunkt eingerichtet werden. Nachrichten zum Kriegsverlauf erhielten wir nur spärlich. Aber der Buschfunk meldete, dass nach der Offensive der Briten der Rückzug des Afrika-Korps zügig vorangehen soll. Die Briten hatten schon Anfang Dezember Marsa-Matruh eingenommen, und um Tobruk wurde auch schon gekämpft. Für uns waren es Horrormeldungen, als wir hörten, dass die Amerikaner in Marokko und Algerien gelandet sein sollen.

Neue Verantwortung als Geschützführer

Meine Abkommandierung sollte eine Fahrt mit Hindernissen werden. Da ich nun schon Erfahrungen gesammelt hatte, wurde ich zum Geschützführer benannt und mit weiteren fünf Kameraden nach Triest beordert.

Jugendlicher Übermut ließ mich manchmal Dinge tun, die dann auch Folgen hatten. Erst wurde das Kennenlernen ausgiebig gefeiert. Dann ging es mit Pferdedroschken zum Hauptbahnhof „Terminal", wo uns bei unserer Ankunft ein Fliegerangriff überraschte. Es war ein Gedränge und Geschiebe, denn alle Menschen wollten aus dem Bahnhof raus. Züge fuhren ohnehin nicht. In diesem Chaos gingen zwei meiner Kameraden verloren. Aber die Zeit drängte, denn wir mussten vor dem Auslaufen des Schiffes in Triest sein. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und Angst vor einer Bestrafung, weil meine beiden Kameraden verloren gegangen waren. Ich hatte ja schließlich die Verantwortung für die beiden. Ich tröstete mich mir dem Gedanken, dass der Westfale Gerhard Scharley und der Tiroler Eugen Feuerstein eine Möglichkeit finden würden, um allein nach Triest zu finden. Eine große Schwierigkeit für die beiden war, dass sie keinen Marschbefehl bei sich hatten, denn den hatte ja ich für uns alle.

Ich hatte Sorge, dass sie die Kettenhunde, so nannten wir die Militärpolizei, aufgreifen würde, die auf uns Marinesoldaten nicht gut zu sprechen waren.  Aber meine Sorge sollte unbegründet sein, denn die beiden hatten ein italienisches Militärauto angehalten und wurden bis Rom mitgenommen. Die Italiener waren für uns Mariner gute Kameraden und immer sehr hilfsbereit. In Rom gingen die beiden in die Kommandantur, schilderten die Lage und bekamen neue Papier für die Weiterfahrt nach Triest.

Ich für meinen Teil, der von all dem nichts ahnte, musste mich ohne die beiden an Bord melden. Der Flakleiter Gelber, ein gemütlicher Endvierziger aus Thüringen, nahm es nicht so tragisch, denn wir hatten noch einen Tag Zeit bis zum Auslaufen. Am nächsten Tag, zwei Stunden vor dem Auslaufen, kamen die beiden dann auch an Bord und wurden mir großen Hallo empfangen. Ich war glücklich, denn ich hatte nun auch keine Bestrafung zu fürchten.

Monate auf dem Mittelmeer

Die „Cagliaris", so hieß unserer Frachter, war ein alter Schlickenrutscher. Er hatte seine Jahre auf dem Buckel und Rost angesetzt. Wir waren zwölf Mann Flakbesatzung und mit dem Kapitän noch zwölf Matrosen. Es war ein gemischtes Volk aus Kroaten, Slowenier, Griechen, Italienern und Deutschen. Mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden, trotz meiner Ausbildung auf der „Schlesien" nie auf einem Kriegsschiff eingesetzt zu werden. Im Mittelmeer hatte die Marine auch keine Kriegsschiffe. So wie mir ging es vielen meiner Kameraden. Ich war damit zufrieden.

Mit Besatzung der Nachbarflak
Mit Besatzung der Nachbarflak (hinten Mitte)
Mit Flakbesatzung in Piräus (vorn rechts)
Mit Flakbesatzung in Piräus (vorn rechts)
Auf dem Flakstand der „Cagliaris
Auf dem Flakstand der „Cagliaris"

Wenn man es unter dem Zeichen des Krieges so nennen darf, dann sollten die folgenden Monate auf dem Mittelmeer die schönsten der Kriegszeit für mich sein. Denn im Bereich der Adria waren wir mit unserem Frachter weit weg von Kriegshandlungen und auch recht sicher vor Luftangriffen. Wir fuhren Nachschub für die Südfront in Griechenland, Kreta und für die Besatzungen der Inseln im Ägäischen Meer. Weshalb soll ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen. Mir gefiel das Leben auf diesem Rostkahn, mit dem glücklichen Gefühl, wieder an einem Flakstand Achtern zu sein. Meine Kommandierung wurde von meinem Flakleiter akzeptiert.

Diesmal hatte wir keine deutsche 2-cm-Flak, sondern eine „Örlikan" eines Schweizer Fabrikats mir 60 Schuss  Magazin. Es war ein gutes Fabrikat, das ziemlich störungsfrei war. Aber es hatte einen Nachteil. Bevor es schussbereit war, mussten zwei Mann mit einem Spannbügel die starke Feder spannen. Und wenn das nicht zeitgleich geschah, hing man wie ein nasser Sack an der Waffe.

An Bord herrschte eine gute Kameradschaft unter den Marinern, ein gutes Verhältnis zu den Matrosen, gutes Wetter mit viel Sonne und ein häufig besoffener Kapitän.

Damit will ich nicht sagen, dass alle Fahrten auf der „Cagliari" ohne Angriffen von Flugzeugen blieben, aber gegen die vorherigen Nachschubfahrten nach Afrika mit den Kämpfen und Versenkungen waren die folgenden Fahrten Sonntagsausflügen.

Auf Wache auf der „Cagliaris
Auf Wache auf der „Cagliaris"
Waffenreinigen (ganz rechts)
Waffenreinigen (ganz rechts)
Bei einer Übung (vorn rechts)
Bei einer Übung (vorn rechts)

Auf der ersten Fahrt lernte ich die Männer aus vielen Ländern und unterschiedlichsten Alters kennen und schätzen. Wir Flakleute waren, mit Ausnahme unseres geschätzten Flakleiters, junge Hasen. Wir passten uns den älteren Seemännern an und waren während der gesamten Zeit eine verschworene Gemeinschaft. Es wurde während der Liegezeit in den Häfen viel gefeiert, Fische gefangen, geräuchert und gemeinsam an Deck gegessen. Ich genoss diese Zeit und wünschte mir, es würde bis Kriegsende so bleiben.

In dieser Zeit bis Ende Juli 1943 lernte ich die gesamte Küste vom Norden Italien bis zum ägäischen Meer einschließlich der Insel Kreta kennen. Am besten gefielen mir die Stadt Dubrovnik und die Inselwelt vor der Küste Sloweniens und Kroatiens. Zwischen diesen Inseln suchten wir vor Flugzeugangriffen Schutz, die zum Glück, wie bereits erwähnt, selten waren. Noch ahnte ich nicht, dass sich vor der Insel Korčula mein weiteres Schicksal ändern würde, denn drei Monate später, am 16. Oktober 1943 geriet ich genau vor dieser Insel in englische Kriegsgefangenschaft. Aber alles der Reihe nach.

Im Hafen von Patras kam ein „Feudelschwenker" an Bord. Er hieß Günter Hoffmann. Feudelschwenker, so nannten wir die Männer vom Marinenachrichtendienst. Es waren sogenannte Signalgäste, die durch Armzeichen mit blauweißen Fähnchen Signale von Schiff zu Schiff gaben. Dieser Signalgast gehört nicht zu unserer Einheit, hatte besondere Privilegien und hatte im Kapitänsbereich eine eigene Kabine. Wobei wir auf Deck einen selbstgezimmerten Holzaufbau für sechs Mann hatten. Jede Geschützbesatzung hatte so eine solche Holzbude. Wären wir unter Deck untergebracht gewesen, hätten wir bei einem Torpedoangriff oder Minenkontakt keine Überlebenschance gehabt.

An dem Tag, an dem der Feudelschwenker Hoffmann an Bord kam, hatte ich mit ihm gleich eine Karambolage, eine Auseinandersetzung, die auf meiner Bude beinahe zu einer Schlägerei ausgeartet wäre. Und das alles nur wegen eines Missverständnisses, an dem ich unschuldig war.

Der Flakleiter hatte mir den Sold ausgezahlt, den Hoffmann eigentlich im nächsten Hafen bekommen sollen. Darüber war er erbost, kam zu mir und beschimpfte mich mit dem Wort „Wackesse", das bis dahin für mich ein Fremdwort war, und auch mit anderen Worten, so dass meine Kameraden ihn aus der Bude feuerten. Am nächsten Tag kam Günter an meinen Flakstand und entschuldigte sich bei mir. Er dankte mir auch dafür, dass ich ihn nicht beim Flakleiter angeschissen hatte. Aber ehrlich gesagt, hatte ich daran nicht einmal gedacht.

Das war meine erste Begegnung mit Günter Hoffmann aus Saarbrücken, der mir auf den weiteren gemeinsamen Fahrten ein guter Freund wurde, und mit dem sich die Freundschaft nach fünfzig Jahren auch noch bestätigen sollte.

Weihnachtsstimmung, Haare auf der Brust

Es war Heiligabend, und wir lagen vor dem Kanal von Korinth. Die Stimmung war bedrückt, jeder ging wohl seinen Gedanken nach. Wie geht es den Lieben zu Hause? Die Nachrichten aus Russland über den „Kampf um Stalingrad" waren nicht berauschend, und außerdem belästigte uns immer wieder ein Fernaufklärer der Tommies. Zur Ermunterung der gesamten Mannschaft spendierte unser leutseliger und ein wenig angesäuselter Kapitän ein 50-Liter-Faß Bier für alle. Die Temperatur war noch immer angenehm mild. Bei abgeblendetem Licht wurde gefeiert, nur die Posten auf den Flakständen hielten ihre Lauscher in den Wind. Der Mond war des Öfteren durch Wolken bedeckt, und falls ein Angriff erfolgt wäre, dann nur aus der Dunkelheit heraus gegen die Mondseite.

Ich war zu dieser Zeit Nichtraucher und dem Alkohol gegenüber zurückhaltend. Doch an diesem Abend wurde ich provoziert, und ich ließ mich auch darauf ein. Der Bootsmann der Seeleute foppte uns junge Mariner: „Ihr seid doch noch keine richtigen Seeleute, ihr habt ja noch keine Haare auf der Brust." Ich befühlte meine Brust und stellte fest, tatsächlich, keine Haare, nur Flämmchen, drei Härchen in sechs Reihen. Der Bootsmann sagte: „Haare bekommt ihr nur, wenn ihr einen anständigen Kümmel zur Brust nehmt." Gesagt, getan. Ein Bierglas halb voll, nach Seemannsbrauch auf Ex hinein. Wenn man das Zeug in einem Zug runterkippt, spürt man erst nichts. Doch als ich das Glas absetzte, hatte ich das Gefühl, jemand hämmerte mit einem Hammer auf meine Brust. Mir blieb nicht nur für einen Moment die Luft weg. Es war wohl nicht der richtige Kümmel gewesen, denn ich habe bis heute keine Haare auf der Brust.  Im Nachhinein erfuhren wir, dass es 55prozentiger Sliwowitz (Kroatischer Pflaumenschnaps) gewesen war. Die Seeleute hatten jedenfalls ihren Spaß, und ich hatte am nächsten Tag einen Kater. Danach gab es noch öfter alkoholische Feiern.

Nach Kreta

Am anderen Tag ging es durch den Kanal. Es ist ein wenig grummelig. Bei 100 Meter hohen, steilen Felswänden und nur ca. 20 Meter Breite fühlte man sich wie in einer Mausefalle. Gleichzeitig war es für uns natürlich eine Sehenswürdigkeit. Dieser Kanal trennt den Peloponnes vom Festland. Es gab nur eine Brücke als Verbindung.

Die Fahrt ging weiter am Hafen von Piräus vorbei in die Inselgruppe der Kykladen nach Kreta, wohin wir den Nachschub bringen sollten. In diesem Gewirr der Inselgruppe waren wir vor U-Booten sicher, nicht aber vor Bomben- oder Torpedoflugzeugen vom Typ Bristol Beaufort oder Bristol Blenheim. Unser Bestimmungshafen war Heraklion (Iraklio) im Nordosten der Insel Kreta. Dort hatten wir drei Tage Aufenthalt, bis die Ladung gelöscht und wir neue Fracht für Piräus übernahmen. Diese Tage waren ausgefüllt mit Training an der Waffe, Flugzeugerkennungsdienst und Landgängen. Meine Kameraden und ich erkundeten die Umgebung und lernten Land und Leute kennen. Vor allem die Bergbauern waren sehr gastfreundliche Menschen, so dass wir Einladungen zu einem kleinen Umtrunk und Imbiss nicht ausschlagen konnten. Es waren arme Bauern mit ihren paar Ziegen oder einer Kuh im Stall. Die Verständigung erfolgte, da keiner von uns Griechisch konnte, mit Handgesten und Zeichnen im Sand. Wir wurden vor Partisanen gewarnt, aber ich habe während meiner Fahrten auf Kreta und in Griechenland nichts von Partisanen bemerkt.

Seemänner helfen einander

Bis Ende Juli bin ich mehrfach von Triest oder anderen Häfen der Levante entlang der Küste gefahren. Wir brachten Nachschub an Lebensmitteln, Munition, Ersatzteilen für Panzer und anderes Kriegsmaterial nach Kreta und Griechenland. Auf der Rückreise beförderten wir Wolfram oder Bauxit-Erze aus Griechenland oder Kroatien nach Triest, die von dort per Bahn nach Deutschland weitergingen. Alle Fahrten in der Adria und Ägäis zu beschreiben wäre zu langatmig, und so will ich mich auf die Höhepunkte beschränken.

1943 herrschte in Griechenland eine Hungersnot, denn unsere Truppen versorgten sich auf Kosten der Griechen. Um die Not zu lindern, fuhren schwedische Schiffe im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes Getreide von Kanada nach Griechenland. Einmal lagen wir im Hafen von Piräus vor einem solchen Schwedendampfer an der Pier. Wir kamen mit den Matrosen ins Gespräch. Ein Teil der Mannschaft sprach gut Deutsch und fragte uns, ob wir ihnen keine Mädchen besorgen könnten, denn sie wären schon lange unterwegs, wir wissen doch wohl, was sie meinten. Ja, wir wussten es. Für unsere Bemühungen würden sie sich erkenntlich zeigen.

Seeleute helfen sich in jeder Notlage. Die Schweden durften selbst nicht an Land. Also machten sich zwei Mann auf die Socken, gingen in ein Bordell und brachten ein Mädel mit, in einem mit Decken ausgepolsterten Seesack. Der Posten wurde von zwei anderen Mariners mit zwei Packungen Zigaretten in ein Gespräch verwickelt, um so eine Kontrolle des Seesacks zu verhindern. Am anderen Morgen staunte ein anderer Posten, als ein Schwede mit der Frau ans Tor kam. Sie konnte passieren, kommentarlos, denn der Posten hatte sich jeden Tag bei der Aufsicht der Griechen, die bei uns die Ladung löschten, durchgefuttert. Wir tranken den schwedischen Schnaps, den wir als Dank erhalten hatten, eine willkommene Abwechslung zum deutschen Schnaps.

Zechtour mit tragischem Ende

Immer, wenn wir in irgendeinem Hafen Ladung aufnahmen oder löschten, hatten wir zwei Tage Freizeit. Wir waren keiner so strengen Disziplin wie an Bord eines Kriegsschiffes untergeordnet. Wir waren ein richtiger Gammelhaufen. An Land gingen wir stets piekfein angezogen, aber nach der zweiten Kneipe war von dem Piekfeinen nichts mehr erhalten. Das betraf weniger die Uniform und mehr unseren trunkenen Zustand. Wer wollte uns das verübeln, wir waren junge Burschen, und es war Krieg. Der Gedanke, dass könnte unsere letzte Sause und Fahrt sein, ließ uns über die Strenge schlagen.

Wir lagen im Hafen von Ancona an der Ostküste Italiens und übernahmen Kriegsmaterial und Lebensmittel für die Besatzung auf Kreta. Es war wie immer eine lustige Zechtour und schon spät am Abend. Unser Dampfer lag nicht längsseits an der Pier, sondern quer dazu, der Bug war zur Hafenmitte zugewandt und durch den Anker in der Richtung gehalten. Das Heckteil war mit dicken Hanftauen an der Pier befestigt. Da das Heckteil aber ca. 8 Meter von der Pier weg war, musste uns die Bordwache mit einem Beiboot rüberholen. Wir wollten jedoch wegen der späten Abendstunde den Flakleiter nicht durch unser Rufen wecken. Stille war angesagt. Es war ja nicht das erste Mal, dass wir über die dicken Hanfseile mit acht Zentimeter Durchmesse im Reitersitz an Bord hangelten. Wir nannten es „Eierreiten".

Auch dieses Mal ging alles klar, wie wir in unseren vernebelten Gedanken glaubten. Jeder huschte in seine Bude, und das war's dann. Da unser Dampfer Einzelfahrer war, das heißt nicht im Konvoi fuhr, liefen wir noch nachts aus dem Hafen in Richtung Kreta aus. Das war erforderlich, damit die Spionage nicht gleich unsere Route erkennen konnten, denn bei Morgengrauen waren wir schon in der Nähe der Kroatischen Küste.

Als wir schon auf See waren, stellten wir fest, dass unser Kamerad Reimann vom vorderen Geschütz nicht an Bord war. Wir konnten uns das nicht erklären. Per Funk wurde der Kamerad Reimann als Fahnenflüchtiger gemeldet. Aber es war anders. Als wir nach 14 Tagen wieder in Ancona im Hafen lagen, wurde Kamerad Reimann tot aus dem Wasser gefischt. Der Anblick war furchtbar. Er muss beim „Eierreiten" die Balance verloren und sich den Kopf aufgeschlagen haben. Das war eins meiner schlimmsten Erlebnisse auf der „Cagliari".

Schlecht waren auch die Nachrichten vom Afrika-Korps. Seitdem die Tommies ihren Stützpunkt auf Malta gefestigt hatten, waren die Angriffe auf unserer Geleitzüge dermaßen intensiv, dass kaum noch Nachschub zu Rommel kam. Der Kampf ums Mittelmeer war ab April 1943 für uns verloren. Dass ich auf der „Cagliari" in der Adria Dienst tat, war für mich ein Segen. Ich war glücklich, „so weit" vom direkten Kriegsschauplatz entfernt zu sein. Wir fuhren weiterhin unseren Nachschub nach Griechenland und Kreta. Auf dem Rückweg aus Eleusis oder Dubrovnik nahmen wir weiter Bauxit oder Wolfram-Erze mit nach Triest.

Torpedoangriff

Auf einer der Fahrten nach Kreta wurden wir nachts von einem Torpedoflugzeug angegriffen. Es war heller Mondschein. Das Flugzeug kam aus dem Dunkeln in Richtung Mondlicht. Der Alarm wurde frühzeitig gegeben, denn die Wache hörte das Brummen der Motoren früh genug, um auf Gefechtsstation zu sein. Zuerst vermuteten wie einen Fernaufklärer der Engländer, da wir von diesen schon öfter damit belästigt worden waren. Doch es handelte sich um ein Torpedoflugzeug.

Alle Geschütze feuerten beim Abdrehen des Flugzeugs volle Breitseite, es fing Feuer und verwand in der Dunkelheit. Zuvor hatte es seine Last abgeworfen. Durch das phosphorisierende Wasser sahen wir die Blasenbahn des Torpedos direkt auf uns zulaufen. Wir erwarteten den Treffer und die Explosion. Doch zu unserer Überraschung blieben sie aus. Der Torpedo ging unter dem Dampfer durch. Die Tiefeneinstellung muss versagt haben. Es war einer der glücklichsten Zufälle des Lebens.

Als wir am nächsten Tag im Hafen von Heraklion einliefen, erhielten wir die Nachricht, dass der Engländer brennend östlich von Kreta abgestürzt war. Wir konnten auf einer unserer „Urlaubsfahrten" einen Erfolg verbuchen.

Erste Gefangenschaft

Im Juni 1943 wurde die Hafenstadt Tobruk von den Engländern eingenommen, und das Afrika-Korps musste sich immer weiter in Richtung Tunis zurückziehen. Der Nachschub nach Afrika war völlig außer Kontrolle geraten. Als wir Anfang August im Hafen von Bari an der Ostküste Italiens einliefen, wurden wir von italienischen Fallschirmjägern von Bord geholt und mussten uns an der Kaimauer in Reihe aufstellen. Der Offizier erklärte uns für Gefangene, und wir wussten überhaupt nicht, was los war. Es gab das Gerücht, dass die Italiener kapitulieren wollten.

Ein Priester in schwarzer Soutane und schwarzem Hut, also ein Priester in einem Gewand, das Vertrauen und Seelsorge verkörpern sollte, hatte eine Pistole in der Hand und rannte unsere Reihe ab, geiferte „Schweine Deutsche, Schweine Deutsche" und fummelte mit der Pistole uns vor den Gesichtern. Das war wieder einmal so eine Lage, in der ich wie zuvor schon in der Schule die Thesen der Religion und die Worte Gottes missverstanden haben muss.

In Triest
In Triest
Der Spuk dauerte nicht lange, dann kamen unsere Soldaten und erklärten uns die Lage. In der italienischen Regierung war man sich noch nicht einige, ob man uns im Krieg weiter unterstützen wollte oder kapitulieren sollten. Wir gingen auf unser Schiff zurück und dampften ab nach Triest. Irgendetwas lag in der Luft. Die Menschen in Triest waren nicht mehr so freundlich, einige sahen uns hasserfüllt an und es kam der Tag, an dem wir Landgangverbot bekamen. Über Funk erhielten wir die Nachricht, dass Mussolini, der faschistische Busenfreund Hitlers, gestürzt, gefangen und nach Kroatien auf eine Bergfestung gebracht worden war.

In kritischer Lage, Abschied von der „Cagliari"

Die Lage war für uns kritisch, denn mit uns lagen nur noch zwei weitere Dampfer mit zirka 60 Mariners im Hafen. Die Lage war deshalb für uns unangenehm, weil am Hafeneingang eine Batterie Kanonen stationiert war. Diese Batterie bestand aus sechs Kanonen und einer Belegschaft ca. 60 Soldaten, wie wir vermuteten. Ein Oberbootsmann vom einem der anderen Schiff übernahm das Kommando, und im Morgengrauen wurde der Stützpunkt eingenommen. Die Italiener waren überrascht, denn sie schliefen noch, und die zwei Posten sahen nicht zum Hafen, sondern in Richtung Meer. Außerdem war der Weg zum Eingang zur Batterie mit Stückgut belegt, das uns als Deckung diente. Es waren nicht mehr Soldaten auf dem Stützpunkt als von angenommen. Sie wurden zu je einem Drittel auf unseren drei Schiffen gefangen gehalten. Sie dienten zu unserer Sicherheit und als Schutz vor einem Angriff. Strategisch war unsere Lage nicht aussichtslos, denn die Autostraße längs des Hafens lag ca. 10 Meter höher als das Hafengebiet, und die sechs Geschütze waren von uns Richtung Stadt gedreht worden und konnten auch das einzige Hafentor unter Beschuss nehmen. Italienisches Militär war nicht in der Stadt stationiert, und so sahen wir der Sache mit Zuversicht entgegen. Die politische und militärische Situation war so unübersichtlich, dass keine Seite wusste, was eigentlich Sache war. Abordnungen der Stadt versicherten uns, dass keine feindlichen Handlungen gegen uns durchgeführt werden würden. Am vierten Tag sahen wir auf der Bergstraße deutsche Panzer, und somit war die Sache friedlich verlaufen.

Dieser Tag wurde gefeiert und auch gleich noch meine Abschied von meinen Kameraden und der „Cagliari". Ich war auf ein anderes Schiff abkommandiert worden. In diesen sechs Monaten war unsere Schiffsbesatzung eine großartige Gemeinschaft geworden, wie sie sich nur durch längeres Zusammenleben und in Gefahrensituationen bilden können. Mit meiner Geschützbesatzung wurden Adressen ausgetauscht. Wir schworen, uns nach dem Krieg wieder zu sehen. Tatsächlich wurden meine Frau und ich 1992, nach 49 Jahren, und noch einmal 1994 von meinem Freund Günter Hoffmann nach Saarbrücken eingeladen.

Ärger und Freude im Heimaturlaub

Familienbesuch

Als ich mich in der Dienststelle Neapel gemeldet hatte, war ich freudig erstaunt, denn ich bekam Heimaturlaub. Mit großen Erwartungen fuhr ich nach Hause. Die Fahrt dauerte 32 Stunden und wurde teilweise durch Fliegeralarm unterbrochen. Ich tröstete mich mit den schönen, sonnigen Augusttagen, die nur hin und wieder durch einige Gewitter gestört wurden.

Familiär gab es gleich wieder Ärger, als ich zu meiner „lieben Mama" ging, um die mitgebrachten Geschenke für meine Geschwister abzuliefern. Es kam der „liebe Alfred" dazu. Mein kleiner Koffer war offen, und er sah einige Päckchen mit Tabakwaren darin liegen und sagte: „Na, Großer, haste nicht eine Schachtel für mich übrig?" Ich war durch die lange Bahnfahrt übermüdet und durch die schlechten Waschmöglichkeiten etwas vergammelt und entsprechend gereizt. Ich sagte ihm: „Sieh mal meine Hände und Fingernägel an, ich gebe dir noch nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln." Er fasste mich an der Schulter und schnaubte wie ein Walroß. Ich fasste in den Koffer und holte meine Pistole, eine Beretta 6,35, raus. Die Pistole hatte ich bei der Einnahme des Stützpunktes in Triest einem italienischen Soldaten abgenommen. Ich habe sie bis zu meiner endgültigen Gefangennahme behalten. Ich sagte ihm: „Mich kannst du anfassen, aber nicht die Uniform." Er ließ sofort von mir ab und ging aus der Wohnung. Das war das letzte Mal, dass ich ihn so sah. Das mit der Uniform hatte ich gesagt, weil er vom Staat als Krimineller eingestuft und wehruntauglich war. Ich hätte mich nicht so gehen lassen müssen, aber als ich sein verlebtes und vom Alkohol aufgedunsenes Gesicht sah und die Erinnerung in mir aufkam, wie er mir meine Jugendjahre versauert hatte, da konnte ich mich nicht zurückhalten.

Meine Mutter sagte nichts, ich sah nur ihre traurigen Augen. Sie drehte sich um und ging in die Küche. Ich ging zu Oma, wo ich während des Urlaubs mein Zuhause hatte. Oma hatte immer noch ihre Stelle als Toilettenfrau bei „Cafe Oske" und schlürfte mit Genuss den mitgebrachten Bohnenkaffee. Wenn ich abends durch die Gaststätten schlenderte, um den einen oder anderen Bekannten zu treffen, war meine letzte Station stets bei Oma. Sie saß geduldig auf ihrem Stuhl im Toilettenvorraum und wartete auf Kundschaft. Kundschaft kam ständig. Frauen haben Wünsche, wenn sie ein Rendezvous oder Bekanntschaften mit Männern haben, und vor allem junge Frauen möchten von weisen alten Omas Ratschläge einholen. Oma war ein Geheimnisträger und Lieferant von Make Up und Ratschlägen. Mit ihrem Verdienst als Toilettenfrau konnte sie mit dem Lohn jedes Rüstungsarbeiters mithalten. Im Urlaub profitierte auch ich davon. Wenn ich kam gab es stets Begrüßung mit Küsschen und Umarmung vor allen Gästen. Ich war natürlich stolz in meiner Uniform und in den Armen von Oma, im Blickpunkt der Gäste. Das war schon ein Erlebnis. Zum Abschied griff immer Oma in ihre Kasse, und in meiner Marinejacke klimperten die Markstücke, die ich dann mit leichtsinnigen Händen ausgab.

Ich machte einen Anstandsbesuch bei den Eltern meines Freundes. Es war ein kühler Empfang und eine gedrückte Stimmung, denn die zweitälteste Tochter von Heiners Schwester Anneliese war beim Bombenangriff auf das liebe Vaterland gefallen. Mutter Lotschs Blicke sagten mir alles. Ich fühlte mich unbehaglich. Mit unbeholfenen Worten verabschiedete ich mich. Auch die Eltern meines Freundes sah ich nie wieder. Als ich aus Gefangenschaft kam, waren die beiden verstorben.

Es war ein durchwachsener Urlaub, aber es gab ja auch freundvolle Tage. Ich traf einige Mädels, mit denen ich mal ins Kino, mal in einem Cafe zu Kaffee und Kuchen ging. Marken hatte ich von Oma. Für größere Liebeleien reichte es nicht, höchstens ein bisschen knutschen. Diese Küsse waren mehr freundschaftlicher Art, nur bei einer, sie hieß Inge Fischer und war eine Sportfreundin, die ich in meiner Zeit beim Rudersports kennen gelernt hatte, war es mehr. Sie war ein flottes Mädchen, für meine Begriffe zu flott. Seit dem ersten Urlaub war sie öfter bei meiner Mutter gewesen und hatte sich als Freundin ausgegeben. Als ich eines Abends ins „Cafe Oske" eintrat ,sah ich sie mit ihrer Freundin und zwei Luftwaffensoldaten in einer Nische sitzen. Mir war klar, dass ich nicht ihr Einziger war. Das konnte mich nicht erschüttern, denn ich hatte sowieso nicht die Absicht, mich in meinen jungen Jahren zu binden, schon gar nicht, solange Krieg war.

„Eisen im Feuer"

Ich hatte ja noch ein Eisen im Freuer, weniger eine Liebelei, sondern mehr eine freundschaftliche Verbindung. Inge Arnswald. Ich fasste mein bisschen Mut zusammen und besuchte sie. Aber es sollte nicht sein. Mutter Arnswald eröffnete mit, dass Inge im Havelwerk ist und Spätschicht hat. Das Havelwerk war ein Rüstungsbetrieb, in dem Flakgeschütze hergestellt wurden. Inge Arnswald arbeitete dort als Fräser, bediente aber auch andere Maschinen.

Ich stellte mich um 22 Uhr in der Nähe des Werktores auf. Es war Feierabend und dunkel, der Halbmond warf noch einen Schimmer auf die nach Hause eilenden Arbeiter. Dann sah ich sie. In Erwartung einer freudigen Überraschung und Umarmung näherte ich mich ihr. Überraschung und Freude war da. Aber ein freundliches Küsschen? Fehlanzeige. So war Inge eben. So kannte und achtete ich sie, zurückhaltend, burschikos und spitzbübisch. Quirlig wie ein kleiner Spatz. Ich mochte ihre Art, sie war anders als die anderen Mädchen, die ich kennen gelernt hatte und die sich gleich abknutschen ließen.

Inge und ihr Bruder Heinz
Inge und ihr Bruder Heinz
Ich brachte Inge nach Hause, und wir verabredeten uns für Sonntag auf einen Spaziergang. Am verabredeten Sonntag wartete ich pünktlich vor ihrer Haustür. Als sie kam, hat es mich fast aus den Schuhen gehoben, denn sie kam nicht allein. Bei ihr waren Mutter Arnswald als Anstandsdame und ihr neun Jahre jüngerer Bruder Heinz. Der kleine rotznasige, verzogene Junge erwies sich nach unserem Kennenlernen als sehr liebenswert.

Ich hatte die „Ehre", ihn die zwei Kilometer von Hohenstücken bis Butterlake Huckepack zu tragen. In Butterlake lernte ich die Großeltern von Inge kennen. Oma Groczek, eine kleine Frau, die immer ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen trug, schloss mich gleich in ihr Herz. Opa Groczek, ein von schwerer Arbeit gebeugter Mann, war ruhig und zurückhaltend.

Inges Großltern
Inges Großltern
In Butterlake
In Butterlake
Es wurde ein schöner Tag für mich. Opa hatte schon Tage vorher einen Karnickel geschlachtet, und so gab es ein Mittagessen wie in Friedenszeiten. Nachmittags saßen wir bei Kaffee und Kuchen. Ich hatte das Gefühl der Geborgenheit und mein Innere sagte mir, hier bist du angekommen, diese Menschen mögen Dich. Das war mein bestes Erlebnis in diesem Urlaub.

Am Ende des Urlaubs machte ich es wie immer, still und leise, ohne Abschied von irgend einer Person, auch nicht von meiner Oma, fuhr ich zurück zum Einsatz. Ich wollte keine Tränen sehen, sondern die fröhlichen Gesichter, die ich gesehen hatte, in meinen Gedanken behalten. Wie auf der Heimfahrt genoss ich die Bahnfahrt durch die schönen Landschaften unserer Heimat, Österreichs und Italiens. Abgesehen von einigen Luftalarm-Meldungen erreichte ich wohlbehalten Neapel.

Wieder im Krieg

Partisanensuche mit Straßenbahn

Doch der Stützpunkt war zu meiner großen Überraschung nach Norden in den Hafen von Triest verlegt worden. Dort wurden zurückkehrende Urlauber und Mariners von versenkten Schiffen gesammelt. Die Tage dort waren eintönig und stupide, nur Wache schieben und warten auf ein neues Kommando.

Eine Abwechselung gab es, die lustig gewesen wäre, wenn nicht es nicht einen ernsten Hintergrund gegeben hätte. Nach dem Sturz von Mussolini war die Lage in Italien politisch und militärisch instabil. Das Gerücht machte die Runde, dass sich Partisanengruppen gebildet haben. Im einem Vorort vier Kilometer vor Triest war der Ölhafen, und von dort wurden verdächtige Bewegungen gemeldet. Ein Stoßtrupp wurde zusammengestellt, um die Lage zu sondieren. Wir, ein Leutnant und 18 Matrosen, kaperten einen Straßenbahnwagen, denn es führte eine Linie dort hin. Ein Kamerad fühlte sich fachlich zur Führung der Straßenbahn prädestiniert. Es ging los, nach ca. einem Kilometer ging es leicht bergab und die Fahrt beschleunigte sich in beunruhigender Weise. Die ersten Häuser waren erreicht und der Bremsvorgang wurde eingeleitet, aber die Fahrgeschwindigkeit verringerte sich nicht wesentlich. Der Fahrer war wahrscheinlich doch nicht so fachlich geschult. Aber dann musste er doch irgendwie den richtigen Hebel erwischt haben. Es gab ein ohrenbetäubendes Quietschen und mit einmal einen Ruck. Wir quetschten uns wie die Heringe in einer Büchse im vorderen Bereich des Wagens. Wenn Partisanen dort gewesen und das gesehen hätten, wäre ihnen vor lauter Lachen das Schießen vergangen. Das war an Land mein „großer kämpferischer Einsatz". Von einem Partisanen war weit und breit nichts zu sehen.

Abschuss

Endlich ging es wieder los, Richtung Livorno an der Westküste. Es war die „San Pedro" mit Nachschub für die Besatzung der Insel Korsika. Die vorherige Besatzung war abgelöst und die meisten verhaftet worden. Nach Kenntnis unseres neuen Flakleiters hatte diese Truppe Heeresgut gestohlen, und zwar in einem so hohen Umfang, dass eine Division einen Monat lang hätte verpflegt werden können.

Die „San Pedro" war ein 6000 BRT großes Schiff und mit 40 Mariners an sechs Flakständen bewaffnet. Ich war wieder auf einen der drei Stände Achtern und zum Geschützführer ernannt. Zum zweiten Mal übernahm ich eine derart verantwortliche Aufgabe.

Diese Fahrt war von keinen großen Ereignissen geprägt, außer, dass wir einen unserer Fesselballons, die als Schutz vor Luftangriffen dienten, in einer stürmischen Gewitternacht selbst abgeschossen. Die ereignete sich nicht aus Unkenntnis, sonder aus Versehen. Die Nacht war so dunkel, dass man noch nicht einmal den Nebengeschützstand sehen konnte, wenn nicht gerade ein Blitz durch die Nacht zuckte. Der hintere Ballon war entweder durch den starken Regen heruntergedrückt worden, oder er hatte Wasserstoffgas verloren, was die näher liegende Annahme war, denn der vordere Ballon war ja oben. Wir bemerkten diesen Umstand nicht. Wenn die Blitze durch die Nacht zuckten, sah der Ausguck ein Objekt, das uns verfolgte und angriff. Er löste Feueralarm aus. Nach ein paar  Feuerstößen mit Leuchtspurmunition gab es eine Explosion mit kurzem Feuerschein, und der Spuk war zu Ende. Wir hatten kein feindliches Schnellboot, keinen Zerstörer erlegt, sondern unseren Ballon. Mit solchen Kriegserlebnissen konnte man die Heimatfront nicht begeistern, man machte sich höchstens lächerlich. Aber was soll's, so makaber es klingen mag, ein Krieg hat auch seine lustigen Seiten und nicht nur Tot und Verderben.

Das Schicksal meint es gut mit mir

In Afrika war es noch ernster geworden. Rommel war inzwischen von Hitler abgelöst worden, und der neue General machte es auch nicht besser. Ohne ausreichenden Nachschub kann kein Heer Siege vollbringen. Das Afrika-Korps zog sich immer mehr Richtung Tunesien zurück. Nach Löschen der Ladung im Hafen von Bastia ging es nach zwei Tagen zurück nach Livorno. Die Zufälle des Lebens sind wunderlich und manchmal mit nichts zu erklären. Wir hatten Freiwache, und ich fuhr mit meiner Mannschaft mit dem Vorortzug nach Pisa, die wunderschöne Stadt in der Toscana. Wir erlebten einen Fliegeralarm, aber keinen Angriff von Flugzeugen. Nach einer Stunde war wieder Ruhe eingekehrt. Wir verlebten noch einen feuchtfröhlichen Tag. Nach der Rückkehr zum Hafen Livorno sahen wir die Verwüstungen im Hafen und in der Stadt. Ein Schiff war versenkt worden, einige Schiffe teils schwer, teils leicht beschädigt. Auch an unserem Schiff war die vordere Backbordseite aufgerissen. Es gab einige Tote und Verletzte. Das Schicksal hatte es mit mir gut gemeint. Was wäre gewesen, wenn ich keine Freiwache gehabt hätte? Die Frage bohrte noch lange in mir.

Gefangennahme

Es war der 10. Oktober 1943, als ich die „Argentina" betrat. Ich weiß dieses Datum so genau, weil es nur wenige Tage vor meiner Gefangennahme durch die Engländer war.

Ich hatte keine Freude beim Antritt meiner neuen Dienstaufgabe. Die „Argentina" war ein kleines 3600 BRT großes italienisches Schiff. Die Seeleute waren aus der Region, und wir waren mit 14 Mariners und einem unsympathischen Flakleiter an Board. Der Mann posierte sich in voller Größe als Person mit Spitzbart wie ein Admiral und mit dem Orden „Deutsche Kreuz in Gold". Seine „zündende" Rede gipfelte im Durchhalteappell für Führer und Vaterland. Aber es zündete nicht mehr so bei uns, denn die Kriegslage war uns bekannt. In Russland bahnte sich die Katastrophe an, und auch im Staub der Wüste Lybiens war das Afrika-Korps in den letzten Zügen. General Badoglio in Italien ergab sich den Alliierten, und die Italiener waren uns gegenüber nicht sonderlich gut gestimmt. Wir mussten wachsam sein. Wir waren überwiegend junge Burschen, und einige der Seeleute sahen nicht gerade vertrauenswürdig aus. Am 14. Oktober liefen wir aus, das Ziel war Griechenland, denn da sah es für unsere Wehrmacht auch dort nicht rosig aus. Die Partisanen machen ihnen sehr zu schaffen.

Im Hafen von Split (auf Italienisch Spalato genannt) übernahmen wir Heu- und Strohballen, die über das ganze Deck gelagert wurden, angeblich als Schutz bei Bombenangriffen.

Der 16. Oktober 1943, der Schicksalstag meines Marinelebens. In früher Morgenstunde liefen wir aus dem Hafen Split aus. Wir fuhren Richtung Süden, schlängelten uns durch die Inseln. Gegen 14.00 Uhr näherte sich ein Fernaufklärer vom Typ „Wellington". Er kam nicht bis in die Nähe unserer Geschütze und drehte nach zwei Umkreisungen in respektvollem Abstand wieder Richtung Italien ab. Wir waren in der Nähe der Insel Korčula. Die Adria war glatt wie ein Spiegel, es wehte kein Lüftchen, und ich genoss diese Ruhe.

Gegen 16.00 Uhr legte ich mich auf dem Geschützstand auf einer Matratze zum Schlafen. Im Unterbewusstsein hörte ich ein leichtes Wummern, dann ein Pfeifen, und dann in unmittelbarer Nähe den Einschlag der Granate. Ich war im Nu wach. Durch das Fernglas waren nur zwei Rauchsäulen zu sehen, und es war klar, es konnten nur Zerstörer sein. Aber wie kommen Feindzerstörer hierher, die Front war doch in Afrika? Mit größter Geschwindigkeit kamen sie immer näher und ihre Buggeschütze feuerten mit ihren 100mm-Kanonen unablässig. Die Aufschläge waren jedoch sehr ungenau und gingen weit vor uns oder weit an Steuerbordseite ins Wasser. Der Flakleiter gab Anweisung zur Bewachung der Italiener, die sich freuten, und den Befehl zur Versenkung des Schiffes. Zwei Mariners gingen in den Maschinenraum und legten die Sprengsätze an. Ich baute mit einem Kameraden die Flakwaffen ab, die wir anschließend einzeln über Bord warfen. Anschließend wurden die Heu- und Strohballen mit Benzin übergossen und angesteckt.

Die Tommies hatten das Schießen eingestellt. Dadurch war die Hektik nicht mehr so groß, und wir konnten mit weniger Erregung und Nervosität die Backbordboote durch die Seeleute zu Wasser bringen lassen. Dass wir von ihnen eventuell angegriffen werden könnten, das war unsere geringste Sorge, denn wir waren ja noch bewaffnet. Wir wollten versuchen, vor Eintreffen der Zerstörer an die Küste zu kommen, denn die Insel war keine 500 Meter von unserem Schiff entfernt.

In unserem Boot waren acht italienische Seeleute und wir Mariners vom Achterngeschütz. Die Seeleute waren nicht begeistert, und ich merkte auch beim Rudern, wie lustlos sie die Riemen durch das Wasser zogen. Als das letzte Boot vom Schiff abgelegt und außer Gefahr war, erfolgten die zwei Explosionen auf der Steuerbordseite. Das Schiff hatte unmittelbar danach Schlagseite. Wir konnten die Zerstörer nicht sehen, da unser Schiff zwischen ihnen und uns lag. Um so erstaunter war ich, als ein Zerstörer schon kurz danach am Bug zu sehen war. Als sie sahen, dass wir versuchten, zur Küste zu gelangen, feuerten sie ein paar Maschinengewehrschüsse über unsere Köpfe ab. Die Seeleute warfen die Riemen über Bord, standen von ihren Sitzen auf, winkten und klatschten in die Hände und riefen: „Bravo Inglesis! Bravo Inglesis!"

Mir wurde ganz mulmig zumute, aber zwei meiner Kameraden hatten noch ihre Maschinenpistolen und ich meine Beretta. Bevor der Zerstörer in Rufnähe war, holte ich meinen Wehrpass aus der Tasche, zerriss ihn und ließ die Schnipsel ins Wasser fallen, ebenso meine Pistole. Auch die Maschinenpistolen wurden auf diese Weise entsorgt.

Als wir an Bord des englischen Zerstörers gingen, war der Empfang ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Die Italiener kletterten zuerst am Fallreep an Bord, mit viel Palaver. Doch sie wurden nicht als Verbündete begrüßt, sondern einige bekamen sogar von den Matrosen einen Tritt in den Hintern. Sie wurden an der Bugspitze, wo die Kettenlast ist, eingesperrt. Wir folgten den Italienern mit der bangen Frage, was die Engländer wohl mit uns machen werden, wenn schon die Italiener einen Tritt kriegen? Doch es geschah etwas für mich Unfassbares. Als wir an Bord kletterten, reckten sich uns hilfsbereite Hände entgegen. Wir mussten uns in einer Reihe hinstellen, wurden abgetastet und auf Waffen kontrolliert. Als ich an die Reihe kam, wurden auch meine Taschen durchsucht, und dabei fand der Matrose noch zwei Pistolenkugeln, dich ich in der Aufregung ganz vergessen hatte zu entsorgen. Er sah mich an, mir war kotzübel, ich schloss die Augen, und da spürte ich etwas an meinen Lippen. Als ich die Augen aufschlug, fummelte er mit einer Zigarette vor meinem Mund rum. Ich nahm sie dankbar und mit Erleichterung an. Anschließend wurden wir in den Mannschaftsraum geführt. Dort wurden wir von einem Offizier, der deutsch sprach, zu Gefangenen seiner Majestät erklärt und über die militärische Lage aufgeklärt.