Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 4 Vorbereitung auf den Fronteinsatz (1941)

Musterung

Das Leben ging weiter seinen gewohnten Gang. Arbeiten und trainieren, trainieren und arbeiten. Das Jahr 1940 ging zu Ende, und Deutschland hatte seine „Feinde" Dänemark, Belgien, Norwegen und Holland erobert. Das Jahr 1941 kam, und durch die Siege herrschte bei den meisten Menschen eine Stimmung der Euphorie. Es wurden Jubelfeiern durchgeführt, und eine Sondermeldung jagte die nächste.

Für mich und Heiner aber kam der Hammer. Wir mussten zur Musterung. Gesundheitlich wurden wir als „sehr gut" eingestuft und für die Waffengattung der Panzergrenadier als tauglich befunden. Am Ende des Saales saßen drei Offiziere von Heer, Luftwaffe und Marine. Der vom Heer stempelte unsere Papiere ab, und damit war besiegelt, dass wir zu den Panzergrenadieren kommen würden. Heiner ging sofort nach Hause. Ich blieb etwas dort und sah und hörte mich noch etwas um. So stellte ich fest, dass die Offiziere der Luftwaffe und der Marine Freiwillige anwarben. Die Vorstellung, zur Marine zu gehen, reizte mich, und so stellte ich mich in dieser Reihe an. Es waren noch zwei Mann vor mir. In dieser Zeit des Wartens ging mir vieles durch den Kopf. Ich dachte an die Enge unserer Wohnung, an den Dunst der Küche, in der ich noch immer schlief, an die vielen Streitereien und den ewigen Zank zwischen meiner Mutter und Bergemann.

Für mich stand fest. Ich wollte raus aus diesem Milieu. Als ich an der Reihe war, stand mein Entschluss fest. Ich wollte weg von Zuhause!! So wurde ich als Freiwilliger registriert, und in den kommenden Wochen und Monaten wartete ich voller Ungeduld auf den Bescheid aus Potsdam.

Arbeitsunfall, Freizeit und Sport

Ein Anzug fürs Theater

Die Heimlichkeit mit dem Verdienst im Akkord beendete ich mit einer Mitteilung an meine Mutter, denn es war erklärungsbedürftig, wohin mein altes Rad abhanden gekommen war und woher ich meine Bekleidung hatte. Meine Oma und Tante Hilde gaben mir einige Punkte von ihrer Bekleidungskarte ab, so dass ich mir einige Sachen kaufen konnte. Alles war ja seit dem Kriegsbeginn rationiert worden. Im Prinzip hatte ich nicht viel. Einen Tagesanzug, Sakko und Hosen. Dennoch war es im Kleiderschrank eng, und meine Sachen hingen immer an der Seite, außerhalb des Schrankes auf einem Bügel.

Heiner und ich gingen gerne ins Theater in der Blumenstraße. So stand für mich fest, dass ich unbedingt einen Anzug brauchte. Also kaufte ich mir von den geschenkten Punkten einen Anzug, denn mit dem Tagesanzug konnte ich nicht in ein Theater gehen. Dieser Anzug und zwei Oberhemden plus ein Schlips verblieben bei Heiner, wo ich mich immer zum Besuch ins Theater umzog. Mutter Lotsch wusch meine Hemden mit. Ich war ja wie zu Hause in dieser Familie.

Harzrundfahrt

Für mich waren es schöne Tage und Wochen 1941, denn es wurden viele Radrennen gefahren. Mal mit Erfolg und mal mit Niederlagen. Zu Pfingsten nahmen wir an der Harzrundfahrt teil, die ich noch heute in Erinnerung habe.

Pfingstsonntag sollte das Rennen stattfinden. Wir fuhren Sonnabend nach Feierabend gleich los, denn die 80 Kilometer bis Magdeburg mussten wir bis zur Anmeldung um 16:00 Uhr schaffen. Als wir in Magdeburg an der Anmeldestelle ankamen, wurden wir jedoch enttäuscht. Man hatte das Rennen auf den Montag verschoben. Also wieder zurück nach Hause.

Am Sonntag fuhren wir wieder nach Magdeburg und meldeten uns an. Aber wo sollten wir übernachten? Das blieb uns selbst überlassen. Also fuhren wir acht Kilometer zurück in das Dorf Biederitz und haben bei den Bauern an den Türen geklopft. Wir hatten Glück, denn gleich der zweite war ein Sportfan. Wir wurden gut verköstigt und konnten auf dem Heuboden übernachten. Im Heu zu schlafen war wunderbar, aber den Geruch der Schlafdecken nach Pferdeschweiß habe ich noch heute in der Nase.

Als Entschädigung erwarteten uns ein gutes Frühstück und viel Glück. Der Tag war sehr heiß, und die 80-Kilometer-Rundstrecke für uns Jugendliche sehr anstrengend. In der Nähe von Egeln stürzte ich, und durch den weichen Asphalt hatte ich am linken Arm und am Oberschenkel eingebrannte Teerflecken und Hautabschürfungen. Ich belegte den 8. Platz, und der Preis war ein Satz Pedalen. Dafür hatte ich mich drei Tage lang 400 Kilometer abgestrampelt. Aber es war ein Erlebnis, dass mir immer in Erinnerung blieb.

Unfall, Gesellenprüfung

Ich hatte Inge längere Zeit nicht gesehen, und wollte ihr doch mein neues Rad zeigen. Deshalb fuhr ich nach dem Training des Öfteren durch die Kleiststraße, in der sie wohnte. Sie bei ihren Eltern zu besuchen fehlte mir der Mut. Ihr Vater hatte sehr seltsame Ansichten zu Freundschaften zwischen Mädchen und Jungen. Er befürchtete immer etwas Schlechtes. Aber eines Tages bei der Tour sah ich Mutter Arnswald und Inge aus dem Fenster schauen. Es wurden einige nichtssagende Worte ausgetauscht. Auf Wiedersehen, und das war es.

Die Monate zogen sich dahin. Auf der Arbeit hatte ich einen Unfall. Beim Abgießen der Form hatte ich die Belastung des Formerkastens nicht richtig bedacht. Beim Gießen hob sich der obere Deckel, und das heiße Silicium spritzte mir an den linken Unterschenkel. Ich konnte mir eine Krankschreibung nicht erlauben, da ich in dieser Zeit meine Gesellenprüfung machen musste. Meine Prüfungen waren gut gelaufen, aber meine Wunde war stark vereitert. Als ich dann zum Arzt ging, erhielt ich eine mächtige Standpauke.

Sportliche Erfolge

Der Russlandfeldzug hatte begonnen, aber das Leben ging immer noch seinen gewohnten Gang. Im August wurden trotz des Krieges wieder „Sommerspiele der Jugend und Studenten" durchgeführt, diesmal in Breslau. Die Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner führten schon bis Berlin. Deshalb war Breslau der sicherere Ort. Die Ausscheidungsrennen hatten wir wieder bestanden und waren somit delegiert. Und diesmal lief es für uns etwas besser. Beim 80-Kilometer-Straßenrennen belegten wir im 6er-Mannschaftsfahren den dritten Platz. Heiner holte auf der Bahn beim Verfolgungsrennen sogar den zweiten Platz. Es war noch mal eine Woche lang, ein tolles Erlebnis. Tage der Freundschaft und des Vergessens ,dass Krieg war.

Als wir zurückfuhren, sahen wir nur noch Militärtransporte. Und als ich zu Hause ankam, erlebte ich die freudige Überraschung, dass mein Dienst in der Marine am 1. September in Brake an der Weser beginnt. Hinter mir lagen die Tage der ärztlichen Untersuchungen und Prüfungen, und die Vorbereitungen zur Abreise wurden getroffen.

Einberufen

Abschied von der Familie

Am Abend der Abreise, es ging um 23.00 Uhr los, verabschiedete ich mich bei Oma, Tante und Heiners Familie. Mit großer Erwartung und Freude, aber ohne Schamgefühl, so still und ohne Abschiedsworte zu meiner Mutter und Bergemann, fuhr ich meinem neuen Lebensweg entgegen.

Als Rekrut in Brake
Als Rekrut in Brake
Brakean der Weser war ein idyllisches Fischerdorf mit einem großen Kasernenkomplex. Hier hatte die "2. Schiffsstammabteilung Nordsee" ihre Zentrale. Hier wurden wir acht Wochen als Rekruten geschliffen. Uns wurden die Grundbegriffe des Militärs beigebracht. Aber was sind schon acht Wochen Ausbildung? Die Zeit war hart, aber zu ertragen. Ich lernte viele Kameraden aus allen Landesteilen kennen. Vor allem aber lernte ich Kameradschaft, Ordnung und Disziplin.

Anfang November ging es bei Nacht und Nebel nach Wilhelmshaven in die Jachtmann-Kaserne. Dort wurden wir noch einmal ärztlich untersucht und auf Seetauglichkeit überprüft. Voller Spannung erwartete ich das Ergebnis, denn jeder hatte ja den Wunsch, zu einer fahrenden Einheit zu kommen. Egal ob Kreuzer, Zerstörer oder U-Boot.

Das Urteil! U-Boot- und tropentauglich. Ich muss ehrlich sagen, zur U-Bootgattung zu gehen, hatte ich kein großes Verlangen. Tagelang im Mief ausharren und nur ab und zu an Deck um frische Luft zu schnappen, und nur Wasser sehen. Aber zunächst einmal ging es für vier Wochen von Wilhelmshaven nach Wesermünde ins Durchgangslager. Von dort aus schrieb ich an meine Oma einen Brief, um ihr mitzuteilen, dass ich Kürze zum Einsatz kommen würde.

Eines Tages wurde ich zur Wache gerufen. Und wer stand da? Zornesrot im Gesicht Oma, verdattert mein Opa und meine kleine Cousine Eva. Meine Oma wollte mich unbedingt noch einmal sehen bevor ich ins Feld ziehen würde. An der Wache hatte man ihr gesagt, dass kein Soldat Ausgang bekommt. Daraufhin haute sie mit dem Regenschirm auf den Tisch des Wachhabenden und machte ganz schön Rabatz. Sie sei schließlich den weiten Weg von Brandenburg nach Wesermünde nicht aus Vergnügen gefahren. Nach dieser Vorstellung bekam ich Ausgang. Sogar bis zum Wecken.

Ich wurde in das größte Restaurant der Stadt „Reichskanzler" geführt, und wir speisten großzügig. Oma hatte dafür ihre letzten Lebensmittelkarten geopfert.

Ich war eben ihr „Großer", an dem sie besonders hing. Unter Tränen nahmen wir Abschied auf dem Bahnhof. Nur Opa sagte kein Wort zu mir. Er war wie immer schweigsam.

Letzter Schliff

Einige Tage später kam der Marschbefehl. Bei Nacht und Nebel ging es los. Keiner von uns wusste, wohin die Reise gehen sollte.

Am nächsten Morgen, noch in der Dunkelheit, kamen wir in Kiel an und gingen an Bord des Linienschiffes „Schlesien". Für direkte Kampfeinsätze war sie ausgemustert worden und diente als Schulschiff für Kadetten und junge Matrosen für Großkampfschiffe. Das war der letzte Ausbildungslehrgang, und wir operierten nur in der Ostsee bis Finnland. An Bord waren außer der Besatzung 120 Kadetten und 120 Jungmatrosen. Wir hatten alle die gleiche Ausbildung. Der Unterschied bestand darin, dass die Kadetten nach neun Monaten Ausbildung Offiziere wurden und wir nach bereits sieben Monaten Gefreite.

Die Ausbildung dauerte auf dem Schiff sechs Monate. Es war schwer, auf engstem Raum kameradschaftlich zusammen zu leben. Schließlich kamen wir aus allen Teilen Deutschlands. Aber es wurden uns Ordnung, Sauberkeit, Disziplin und Kameradschaft beigebracht. Diese Schule prägte mein zukünftiges Leben. Nachhaltig beeindruckt hat mich die Kameradschaft zwischen der Mannschaft und den Offizieren.

Da die Ausbildung sehr hart war, kamen mir hin und wieder Zweifel, ob es richtig gewesen war, sich freiwillig zu melden. Es gab Augenblicke, da lag ich in meiner Hängematte und heulte Blasen.

Es war schrecklich, bei  - 40 °C Wache an den Geschützen zu stehen. Trotz Schafpelzmütze und Filzstiefel, fror ich erbärmlich. Schöne und interessante Momente waren für mich, wenn ich am Ruder oder am Maschinentelegraphen stehen durfte. Dann hatte ich das erhebende Gefühl, die Führung des Schiffes läge in meiner Hand.

Die „Schlesien" diente auch als Eisbrecher. Mitunter mussten für die Versorgungsschiffe bis zu einem Meter starke Eisdecken aufgebrochen werden, um die Fahrrinne zu öffnen. In den sechs Monaten Ausbildung kamen wir insgesamt nur zwei Mal an Land. Einmal in Stettin und einmal in Gotenhafen. Da immer nur eine Seite des Schiffes, also Back- oder Steuerbord, an Land gehen durften, kam es immer zu kleineren Schikanen. Die Verlierer mussten dann folgenden Spruch über sich ergehen lassen: „Was wollt ihr denn an Land gehen, das Land könnt ihr von Bord aus sehen."

Feindberührungen hatten wir nur zwei Mal, jeweils im finnischen Meerbusen, als wir für zwei Transportschiffe durch das Eis eine Fahrrinne brechen mussten.

Der Nachschub zur Ostfront über See war sehr schwierig. Die Angriffe der russischen Rata-Kampfflugzeuge waren für uns hingegen wenig aufregend.

Im April, wir ankerten im Hafen von Stettin, erhielt ich Post von zu Hause. Mein Freund Heiner war in Russland, in der Nähe von Orel gefallen. Ich war schockiert. Mein bester Freund war tod. Ich brauchte lange, um diese Nachricht zu verarbeiten. Heiner war nur einen Monat nach mir zu den Panzergrenadieren eingezogen worden und kam nach der Rekrutenausbildung gleich an die Front.

Jetzt war von den sechs Kindern in seiner Familie schon der zweite Sohn gefallen. Heiners ältester Bruder war in Frankreich geblieben.