Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 3 Vorkriegsjahr und Kriegsbeginn, Radsport und Lehre (1938 – 1940)

Lebensumstände

Das Haus, in dem wir lebten

Im Hinterhaus, in dem wir wohnten, lebten vier Mietparteien. Es war ein freundliches und ruhiges Miteinander. Unser linker Nachbar im Parterre, Herr Baron, stolzierte immer in seiner SA-Uniform umher. Arbeiten habe ich ihn nie gesehen. Im ersten Weltkrieg war er in russische Gefangenschaft geraten, hatte sich aber nach seiner Entlassung eine Russin mitgebracht und geheiratet. Anna, so hieß sie, war trotz ihrer Robustheit eine sehr hübsche und freundliche Frau. Sie hatte schöne, lange, schwarze Haare, die ihr bis zum Gesäß reichten. Manchmal hatte sie die Haare auch zu einem wuchtigen, schönen Dutt gebunden. In besonderer Erinnerung ist mir geblieben, dass sie immer barfuß lief. Sogar im Winter, wenn sie im Hof die Wäsche aufhing.

Frau Imme (li.) und meine Schwiegermutter
Frau Imme (li.) und meine Schwiegermutter
Mieter Imme wohnte eine Treppe links und hatte einen Sohn, der Erwin hieß und vier Jahre älter als ich war. Bei Immes war immer Frohsinn und Heiterkeit. Oft trällerten sie die schönsten Lieder. Seine Tätigkeit als Korbmacher konnte er zu Hause ausüben. Vielleicht war das das Geheimnis des steten Frohsinns. Der Sonntag war immer Angeltag für Herrn Imme. Er nahm mich oft mit, doch nicht nur zum Angeln. Ich musste ihn immer im Kahn bis zur Angelstelle rudern.

Beim Angeln
Beim Angeln
Meist musste ich ihn mit seinem Kahn zur Krakauer Schleuse rudern. An der Stelle, an der wir angelten, war ein Sägewerk. Am Ufer der Havellagen die Baumstämme zu Flössen zusammengebunden. Zwischen diesen Stämmen tummelten sich ganze Schwärme von Rotfedern, und man konnte sie fast mit der Hand fangen. Es waren schöne Zeiten, in denen ich wohl glücklich war.

Frau Arnswald (2.v.l.), daneben: Inge Arnswald, Frau Imme, Herr Imme, außerdem Freunde der Familie
Frau Arnswald (2.v.l.), daneben: Inge Arnswald, Frau Imme, Herr Imme, außerdem Freunde der Familie
Zu meiner großen Freude hatte ich bald wieder eine Stelle gefunden. Diesmal war es bei Herrn Lauzius in der Hauptstraße, Ecke Packhofstraße. (Heute ist die Firma Biedermeier Inhaber). Herr Lauzius führte ein Tapeten- und Linoleumgeschäft. Er selbst war ein hochgewachsener, lediger Mann, der immer korrekt gekleidet war. Ich bewunderte immer seine Wandlungsfähigkeit. Wenn wir zur Kundschaft fuhren, um Linoleum zu verlegen, trug er immer einen Arbeitsanzug und war nicht der Chef, sondern Facharbeiter und Lehrmeister. Er hatte in der Paulinenstraße ein kleines Haus, in dem er mit seiner netten Schwester zusammenlebte. Die Arbeit war körperlich schwer und der Verdienst mit 3,- RM pro Woche gering. Aber ich blieb bei ihm bis zum Frühjahr 1938, bis meine Schulzeit zu Ende ging. Herr Luzius bot mir auch die Lehrstelle als Verkäufer in seinem Geschäft an, aber dazu hatte ich absolut keine Lust.

Die ausgefallene Konfirmation

Einige Ereignisse des Jahres 1938 stimmten mich nachdenklich und machten mich traurig, aber auch wütend. 1938 sollte das Jahr meine Konfirmation sein. Unter großen finanziellen Anstrengungen hatte meine Mutter alles Notwendige bereits besorgt. Ich war vollständig mit Schuhen, Anzug und Hut ausgestattet. Doch vier Wochen vor dem Fest sollte ein Vorkommnis alles anders kommen lassen. Auch wenn ich mich nicht mehr an Streichen mit schweren Folgen beteiligte, war ich doch mit meinen knapp 15 Jahren zu keinem Musterschüler mutiert. Kleine Streiche machten immer noch Spaß.

Auch der Religionsunterricht war keine streichfreie Zone. Unser Religionsunterricht wurde im Pfarrhaus der Katharinenkirche durchgeführt. Wir Schüler saßen in einer Reihe hintereinander auf ganz normalen Stühlen. Vor mir saß ein Junge, der eine Trachtenjacke trug, wie man sie in Bayern trägt. Trachtenjacken waren in der Hitlerzeit große Mode. Ich öffnete also die Hirschhornknöpfe am hinteren Steg der Jacke. Dann band ich die Stegenden an der Querleiste des Stuhles an. Als der Schüler zur Beantwortung einer Frage des Pfarrers aufstehen wollte, hob er den Stuhl mit großem Gepolter mit an. Pfarrer Schubert war schnell klar, wer der Verursacher des Streiches war. Er orderte mich nach vorn und gab mir ohne Vorwarnung mehrere schmerzhafte Ohrfeigen. Züchtigungen und Prügel war ich ja von zu Hause gewohnt. Wenn ich für mich selbst eingestand, dass ich über ein Ziel hinausgeschossen war, dann ertrug ich Prügel stets klaglos. Doch fühlte ich mich zu Unrecht und über Maßen bestraft, dann wurde ich rebellisch. So war es auch in diesem Fall. Ich fand die Strafe zu hart und fühlte mich gedemütigt.

Das konnte doch nicht Gottes Art sein. In den vier Jahren Religionsunterricht in der Rochow-Schule hatte ich Gottes Wort anders verstanden. In meinem Zorn griff ich das Gebetsbuch, das auf dem Pfarrerpult lag, und schleuderte es in Richtung Pfarrer, in der festen Absicht, ihn am Kopf zu treffen. Doch ich verfehlte ihn und das Gebetbuch traf eine Engelsfigur, die auf einer kleinen Konsole an der Wand stand. Sie wurde das  unschuldige Opfer meiner Wut. Der Pfarrer beschimpfte mich als Gotteslästerer und verwies mich sofort des Pfarrhauses.

Zu Hause war die Hölle los. Auch hier wieder Prügel und Gezeter. Meine Mutter bettelte förmlich beim Pfarrer um meine Teilnahme an der Konfirmation. Aber vergebens. Dennoch ging ich am Tag der Feier in die Kirche und schaute mir die Zeremonie an. Ich fand alles sehr festlich, aber es bewegte mich in keiner Weise. Aber als da saß, dachte ich an all die Prügel, die ich bekommen hatte, und an die Worte meiner Oma: „Lass mal Großer. Auch ohne Gottessegen kann der Lebensweg gut oder schlecht sein. Bleibe nur so wie du bist, vor allem anständig."

Der Ernst des Lebens

Die Progrome

Man kann lapidar sagen, dass die Ereignisse der Pogromtage so unerfreulich wie das Wetter in dieser Zeit waren. Doch wogegen Wetter nur unerfreulich sein kann, waren die Tage der Pogrome unmenschlich und verabscheuenswert. Die SA wütete wie eine Räuberbande in der Stadt. Juden wurden wie Vieh aus den Häusern getrieben und auf LKW's gejagt. Die Geschäfte und Firmen der Juden wurden geplündert und zerstört. Aber keiner rührte die Hände, um diesen Menschen zu helfen. Aber ich sah sehr wohl Frauen und auch Männer, die weinten vor Wut oder Hilflosigkeit. Denn jeder Versuch zu helfen, bedeutet mit Sicherheit, selbst eingesperrt zu werden. Auch im Nachbarhaus, in der Großen Gartenstraße Nr. 7, wurden die Familie Papendick mit ihrem Sohn Joshi, mit dem ich des Öfteren gespielt hatte, und der Tuchhändler Wollenweber, bei dem man Anschreiben oder auf Abzahlung kaufen konnte, Opfer dieser Verfolgung.

Tante Charlotte
Tante Charlotte
In der Familie gab es ebenfalls ein trauriges Ereignis. Meine Tante Charlotte, Onkel Willis Frau, starb an Schwindsucht. Sie war eine so hübsche junge Frau mit blonden, lockigen Haaren und einer Pfirsichhaut. Ich glaube, ich war heimlich in sie verliebt, ohne dass es mir bewusst war, denn ich bewunderte sie sehr. Oft hatte ich mich gefragt, wie mein Onkel solch' eine Frau hatte bekommen können. Er hatte das Aussehen eines Boxers. Aber ich wusste auch, dass er sie auf Händen getragen hatte.

Lehrstellensuche

Der sogenannte Ernst des Lebens begann, denn mein Freund Heiner und ich mussten auf Lehrstellensuche gehen. Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich aufs Land als Knecht gehe. Doch da funkte meine Oma dazwischen. Sie fauchte meine Mutter an: "Wir sind doch nicht in die Stadt gezogen, damit einer unserer Kinder oder Enkel wieder ein Knechtsein erlebt."

Heiner und ich hatten gehört, dass in der Elisabethhütte und in der Schiffswerft „Wiemann" Lehrlinge gesucht wurden. Wir bewarben uns beide und hatten enormes Glück. Wir bekamen beide eine Lehrstelle als Former in der Elisabethhütte.

Als ich meiner Mutter den Vertrag zur Unterschrift vorlegte, kam es wieder zu einem großen Krach, denn meine Mutter weigerte sich, mir ihre Unterschrift zu geben. Ich ahnte, dass Bergemann die Ursache für ihre Verweigerung war. Er wollte unbedingt, dass ich eine Lehrstelle außerhalb Brandenburgs annahm, denn dann wäre er mich losgewesen.

Da ich die Lehrstelle unbedingt haben wollte, unterschrieb ich den Vertrag mit dem Namen meiner Mutter selbst. Strafrechtlich war das wohl Urkundenfälschung, moralisch war es aber ein Notstand. Natürlich hatte meine Mutter den Betrug herausgefunden und tobte wie immer umher. Aber sie ließ den Schwindel auch nicht auffliegen. Ich konnte die Lehre antreten. Bis sich der Ärger zu Hause gelegt hatte, nahm mich Oma einige Tage bei sich auf. Das Abschlusszeugnis, das ich bekam, war nicht berauschend, aber für meinen neuen Lebensabschnitt reichte es.

Lehrbeginn und Radsport

Am 1. April 1938 trat ich, gemeinsam mit meinem Freund Heiner, meine Lehre als Metallformer in der Elisabethhütte der Firma Wiederholz an. Im ersten Lehrjahr hatten wir einen alten, grummeligen Lehrgesellen, der uns ganz schön auf Trab brachte, betreffs Sauberkeit und Ordnung am Arbeitsplatz. Aber er war ein guter Lehrgeselle, der uns viel beibrachte. Die Arbeit eines Formers war eine körperlich schwere Arbeit, und als Lehrling verdiente ich für diese Knüppelei gerade einmal 5,- RM in der Woche. Von den alten Formern und Hilfsarbeitern bekamen  Heiner und ich Spitznamen verpasst. Heiner wurde auf Grund seiner wulstigen Lippen Negus gerufen. Mich riefen sie immer Tommi. Weshalb, ist mir ein ewiges Rätsel geblieben. Mit Beginn der Lehre wurden wir auch verpflichtet, der damaligen Gewerkschaft Arbeitsfront und der Hitlerjugend beizutreten. Für den Eintritt in die Hitlerjugend gab es für uns keine politischen Motive. Aber für unsere sportlichen Ambitionen beim Radsport sollte uns das Vorteile bringen.

Heiner und ich hatten uns entschlossen, in der Freizeit aktiv Radsport zu betreiben. Wir traten dem Sportverein Havel 08 bei, der seinen Sitz in der Brielower Landstraße hatte. Dieser Sportverein war die Hochburg des Radsportes in Brandenburg. Die Stadt hatte einige Größen des deutschen Radsportes hervorgebracht. Einer der Radsportgrößen der Stadt wohnte sogar in meiner Straße. Er hieß Richard Drange und war in den Brennabor-Werken als Kontrolleur beschäftigt. Er war ein sogenannter Halbprofi. Die Brennabor-Werke stellten ihm die Räder zur Verfügung, und er konnte auch während der Arbeitszeit trainieren. Er war unser Idol und wohl auch der Auslöser für unser großes Interesse am Radsport.

Wenn an Sonntagen Radrennen in der Stadt ausgetragen wurden, kamen Rennfahrer aus den verschiedensten Städten am Hauptbahnhof an. Ich erinnere mich an einen Sonntag, als unsere Helden nach Brandenburg kamen. Sie hießen Thoma und Schadebroth. Wir waren begeisterte Fans der beiden. Wir durften ihre Räder tragen und sie während des Rennens betreuen.

Der erste Schritt

Bei einer anderen Sportveranstaltung wurde der „Erste Schritt" ausgetragen. Das bedeutete, dass jeder Jugendliche, der ein Rad besaß, egal was für einen Schinken, sich seine ersten Lorbeeren verdienen konnte. Dazu mussten fünf Runden gefahren werden. Heiner hatte Pech, denn bei ihm sprang die Kette ab. Wäre ihm dies nicht passiert, wäre er vermutlich Erster geworden. Denn in allen späteren Rennen war er immer der beste Sprinter. Aber bei diesem ersten Rennen wurde ich Erster. Ich bekam eine Siegerschleife in die Hand gedrückt und sollte eine Ehrenrunde fahren. Ich war sehr stolz auf diesen Sieg, aber auch mächtig aufgeregt, mich vor Publikum präsentieren zu müssen. Dennoch schwang ich mich voller Freude auf mein Rad und winkte mit der Schleife dem Publikum zu. Doch als ich wenig später meine Hand mit der Schleife senkte gab es plötzlich eine Ruck, und ich verspürte einen so heftigen reißenden Schmerz  in meiner Hand, dass ich im ersten Moment dachte, sie würde mir abgerissen werden. Natürlich ging ich zu Boden, und es dauerte noch einige Sekunden, bis ich realisiert hatte, weshalb die Massen sich vor Lachen bogen und warum ich auf dem Boden lag. Die Schleife hatte sich beim Senken der Hand im Kettenkasten verfangen und mich so umgerissen. Eben war ich noch der strahlende Sieger, der sich nun durch eine Unachtsamkeit lächerlich gemacht hatte. Ich schämte mich sehr und wollte nur weg von der voll Häme grölenden Masse. Das war meine erste Erfahrung mit dem Radsport.

Erste Begegnung

Der Sommer 1938 war heiß, und ich hatte Urlaub. Um der Hitze zu entfliehen, ging ich gemeinsam mit meiner Mutter und meinen Geschwistern am Gänsewerder baden. Wobei meine Mutter nie baden ging. Sie saß auf der Wiese und erzählte mit den anderen Frauen. Wir Kinder hingegen tollten im und am Wasser herum, bauten Sandburgen und lernten uns auf diese Weise kennen. Hier am Gänsewerder lernte ich auch Inge Arnswald kennen.

17 Jahre alt
17 Jahre alt
Inge zur Konfirmation
Inge zur Konfirmation
Sie fiel mir auf, weil mich ihre natürliche, offene und für ein Mädchen der damaligen Zeit auch recht burschikose Art beeindruckte. Nach Brandenburger Mundart hätte man sie als kesse Bolle bezeichnet. Ich war erstaunt zu hören, dass sie schon einige Male bei uns im Haus in der Großen Gartenstraße war. Denn ihr Vater und Herr Imme arbeiteten in derselben Fabrik. Das wir uns bis zu diesem Tag nicht begegnet sind, ist nicht verwunderlich, denn ich war ja tagsüber auf Arbeit, und sie ging noch zur Schule.

Seit diesem Tag trafen wir uns öfter, wenn ihre Eltern bei Immes zu Besuch waren. Dann saßen wir auf der Treppe vor dem Haus und unterhielten uns  stundenlang. Worüber, das weiß ich heute nicht mehr. Aber schon bei diesen ersten Begegnungen merkte ich, dass ich gern mit ihr sprach, und irgendwie ging uns schon damals der Gesprächsstoff nie aus. Es begann eine gute Freundschaft, die - was wir beide damals nicht ahnten - unser beiden Leben bestimmen sollte.

Das Jahr ging ohne besondere persönliche Ereignisse zu Ende. Es war nur das Übliche. Lehre, Training, Zoff mit Bergemann und wie jedes Jahr vermieste Weihnachten.

Bei Onkel Willi

Onkel Willi
Onkel Willi
Im neuen Jahr 1939 zog ich auf Angebot von Onkel Willi zu ihm. Dafür gab es mindestens zwei gute Gründe. Zum einen war Onkel Willi seit dem Tod von Tante Charlotte sehr allein, zum anderen hatte ich ständig Streit mit Bergemann.

Es war eine angenehme Zeit für mich. Ich fühlte mich wohl bei Onkel Willi. Abends gingen wir manchmal ins Kino. Dann sahen wir uns mit Vorliebe entweder Kriminalfilme oder aber Westernfilme an. Einige Male waren wir auch in einer Gaststätte. Onkel Willi achtete aber streng darauf, dass ich keinen Alkohol bekam.

Bevor wir abends zur Ruhe gingen, lasen wir beide im Bett immer Schmöker. Onkel Willi liebte es, Krimis zu lesen, und ich verschlang mit Eifer Abenteuergeschichten von Rolf Tourings oder Jörn Farnows. In den Hinterhöfen der Stadt Brandenburg gab es Ende der dreißiger Jahre noch nicht überall Anschluss an das Stromnetz. Deshalb hing über dem Ehebett, in dem wir beide schliefen, eine Petroleumlampe. Eines Abends schliefen wir über dem Lesen ein und vergaßen die Lampe zu löschen. Am nächsten Morgen war die Wohnung voller Rußflecken und unsere Nasenlöcher waren schwarz. Wir hatten eben einen klassischen Männerhaushalt.

Verbrennungen

So ging der Sommer zu Ende, und die kalte Jahreszeit begann. In den Wintermonaten war es in der Halle der Formerei bitterkalt. Um die Halle etwas zu erwärmen und um zu verhindern, dass der Formersand über Nacht gefriert, wurden zwei große Kanonenöfen aufgestellt. Wir Lehrlinge hatten die Aufgabe, die Öfen zu beheizen und zu verhindern, dass sie ausgingen.

Zum Anheizen wurden die Öfen mit Holz belegt, mit Öl übergossen und angezündet. Wenn das Holz brannte, wurde Koks nachgeschüttet, und die Sache war erledigt. Damit der Ofen nicht ausging, wurde hin und wieder Koks nachgelegt. Diese Öfen hatten eine Höhe von 2,50 Meter und einen Durchmesser von einem Meter. Jugendliche Unerfahrenheit fordert Opfer, und ich war eines davon. Das Feuer, das ich angezündet hatte, ging aus, und es fing fürchterlich an zu qualmen. Also rollte ich eine Zeitung zusammen und wollte damit der Flamme neue Nahrung geben. Doch kaum hatte ich die Lunte in das Ofenloch gehalten, gab es eine Stichflamme, die mich von den Beinen riss. Ich hatte mir bei dieser Aktion nicht nur fast alle Haare verbrannt, sondern auch die komplette linke Gesichtshälfte. Da man zur damaligen Zeit der medizinischen Ansicht war, dass bei Verbrennungen Öl auf der Haut ein Heilmittel ist,  schmierte mein Lehrmeister, Herr Derschau, mein Gesicht mit Öl ein. Dann wurde ich zu einem Arzt gebracht.

Die Schmerzen waren fürchterlich. Aber ich hatte Glück, denn es blieben keine Narben zurück. Weitere Monate der Lehre vergingen ereignislos. Bis eines Tages ein Ereignis das Leben von Onkel Willi in tragischer Weise verändern sollte und meine Mitgliedschaft in der HJ beeinflusste.

Pöbelei und Konzentrationslager

Wir beide, Onkel Willi und ich, gingen eines Abends in die Gaststätte zur „Sonne"  in der Flutstraße, Ecke Werderstraße. Es war eine Eckkneipe, in der sich die Arbeiter trafen, um sich gemütlich einen hinter die Binde zu kippen. Onkel Willi wollte sich dort mit einem Kumpel treffen, aber als wir dort ankamen, war der noch nicht da. Aber da war schon ein anderer Mann, den Onkel Willi wohl aus früheren Zeiten kannte. Damals waren sie beide Genossen im Rotfrontkämpfer-Bund in Brandenburg gewesen. Aber gleich nach der Machtübernahme Hitlers war dieser Mann in die SA eingetreten. Er pöbelte meinen Onkel dauernd an, so dass schon die anderen Gäste aufmerksam wurden. Bald war das Gepöbel unerträglich, und Onkel Willi und ich beschlossen, nach Hause zu gehen. Aber wir kamen nicht weit, denn der SA Mann kam hinter uns her. Er griff meinen Onkel nun mit den Fäusten an, und Onkel Willi verteidigte sich. Es war nur eine kurze Schlägerei. Ein paar Faustschläge, und der SA Mann stolperte über die Bordsteinkante und lag am Boden. Wir beide ließen ihn liegen und gingen weiter in Richtung unserer Wohnung.

Aber es dauerte nicht lange, und vier Polizisten standen vor der Tür. Von unserer Wohnung bis zum Rathaus, in dem das Polizeirevier war, waren es nur ca. 250 Meter. Aber die gesamte Strecke gingen sie mit großer Brutalität gegen meinen Onkel vor, in dem sie ihn mit Schlagstöcken traktierten. Auch wenn ich durch meine Minderjährigkeit Glück hatte und nur als Zeuge vernommen wurde, so war ich doch zutiefst entsetzt über die Brutalität. Unter Schock ging ich nach Hause. Über lange, lange Zeit konnte ich die Bilder dieser Nacht nicht aus meinen Gedanken verbannen.

Dieser Vorfall wurde als politisch motiviere Straftat eingestuft und entsprechend bei Gericht verhandelt. Onkel Willi wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Er kam bei Ausbruch des Krieges in das Konzentrationslager Buchenwald. Wenn auch erst 1951, so sah ich ihn doch zumindest lebend wieder.

Nach der Gerichtsverhandlung wurde ich aus der Hitlerjugend ausgeschlossen. Ich nahm diese Tatsache nicht weiter tragisch, denn so hatte ich doch mehr Freizeit und brauchte an keiner Versammlung teilnehmen.

Sportler

Radfahrer

Meine Familie blieb durch diesen Vorfall unbehelligt und alles beim Alten. Unsere Clique, die aus fünf Rennbegeisterten aus unserer Straße bestand, trainierte zweimal in der Woche. Dabei führten unsere Rennstrecken wahlweise von Brandenburg nach Rathenow oder Belzig oder Potsdam. Das waren immerhin pro Strecke 60 bis 80 Kilometer, und für unsere selbst gebauten Drahtesel eine ordentliche Leistung. Das Training musste sein, denn pro Monat fanden regelmäßig an der Brielower Rennbahn Rennen statt. Hier konnte auch teilnehmen, wer kein professionelles Rennrad besaß. Diese Rennen hatte den Namen „Der erste Schritt" und war für meine Freunde und mich unser erstes angestrebtes Ziel.

Heiner und ich wurden durch den Verein ermuntert, uns ein Rennrad auf Pump zu kaufen. Aber dazu reichte unser Lehrlingsgeld nicht aus. Außerdem hätte ich zu Hause die Hölle auf Erden durchlebt, wenn meine Mutter von solch einer Sache erfahren hätte. Von einem professionellen Rennrad konnte ich weiterhin nur träumen.

Da die Ausbildung zum Former eine schwere körperliche Arbeit war, mussten wir Lehrlinge einmal im Jahr zu einer ärztlichen Reihenuntersuchung. Organisch war ich kerngesund. Aber der Arzt meinte, ich sei irgendwie nicht proportional entwickelt. Mein Unterkörper, also Beine, Waden Schenkel wären ordentlich kräftig ausgebildet, mein Oberkörper zeige dagegen Schwäche in Form von Hühnerbrust und Null Armmuskulatur. Der Arzt wies mich an, zwei Mal pro Woche schwimmen oder rudern zu gehen.

Wasserfahrer

Also trat ich in den Verein „Freie Wasserfahrer" (in der DDR Zeit „Einheit") am Wiesenweg ein. Das Training mit dem Rad wurde in der Woche zeitmäßig halbiert. Bei den Wasserfahrern im Wander-Gig-Vierer zweimal trainiert und zusätzlich einmal schwimmen im Hallenbad. Auch bei Heiner stellte der Arzt den gleichen Befund. Aber der ließ sich davon nicht beeindrucken.

Bald war ich vom Rudern mehr begeistert als vom Radfahren. Denn sonntags ging es auf Wanderfahrt auf den Gewässern Brandenburgs und am Wochenende oft zum Zelten. Es war eine herrliche Zeit. Außerdem lernte ich viele neue Sportfreunde aus anderen Stadtteilen Brandenburgs kennen.

Die veränderte Freizeitgestaltung brachte meine Lebensweise in eine ganz andere Bahn. Ich selbst war ja ein Kind aus der eher ärmlichen Arbeiterklasse. Im Ruderverein aber lernte ich junge Sportlerinnen und Sportler aus kleinbürgerlichen Schichten kennen. Mit Neugierde, Stauen und Interesse beobachtete ich diese Menschen, ihre Art sich zu kleiden, zu sprechen, sich zu benehmen. Vieles beeindruckte mich positiv, anderes stimmte mich nachdenklich. Aber es war auf alle Fälle eine Bereicherung meines Bewusstseins.

Durch die Reduzierung des Rennradtrainings litt auch meine Freundschaft zu Heiner. Denn neben dem Interesse für den Wassersport war auch mein Interesse für Mädchen erwacht. Heiner indes lebte nach wie vor ausschließlich für den Radsport, und so war es nicht verwunderlich, dass er bald eifersüchtig auf meine anderen Interessen war. Ich konnte ihn ja sogar verstehen, denn er wollte unbedingt, dass ich sein Partner beim Radsport bleibe. Und wir hielten zusammen.

Kriegsbeginn und der erste Tote

Im September 1939 traf ich auch Inge wieder, als sie bei einem Besuch bei  Herrn Imme war. Am ersten September begann der Ausbruch des Krieges mit dem Überfall Hitlers auf Polen. Dies sollte unser aller Leben verändern. Bereits am fünften Tag nach dem Polenfeldzug war Nachbar Immes Sohn Erwin gefallen. Er war erst 20 Jahre alt. Als wir von dessen Tod erfuhren, war die gesamte Hausgemeinschaft tief erschüttert. Der ferne Tod hatte plötzlich ein Gesicht, einen Namen, und er tat weh.

Es kamen die Wintermonate mit viel Kälte und Schnee. Wir sahen de ersten polnischen Gefangenen, die zum Schneeschippen eingesetzt waren. Viele dieser Gefangenen waren für diese Kälte nur dürftig bekleidet, und an ihren ausgemergelten Gestalten konnte man erkennen, dass sie wenig zu essen bekamen. Menschen, die versuchten, die Gefangenen mit Brot oder Bekleidung zu versorgen, wurden als Volksverräter betitelt und von den Nazis des Platzes verwiesen. Wenn ein „Supernazi" dabei war, wurden sie sogar zur Anzeige gebracht.

Aber es gab auch genug Brandenburger, die diese armen Menschen zusätzlich anpöbelten. Es war schlimm, das mit ansehen zu müssen. Den Menschen war ideologisch eingeimpft worden, dass dies unsere Feinde seien. Aber diese Ideologie kam nicht bei jedem an. Das lag einfach daran, dass wir alle Kinder von Arbeitern waren, deren Eltern entweder Sozis oder Kommunisten waren und sich gegen Hitlers Ideologien wehrten.

Als der Frühling 1940 kam, zogen auch schon die nächsten dunklen Wolken auf. Sie kamen von Westen. Hitler begann den Krieg gegen Frankreich vorzubereiten.

In der Formerei änderten sich auch einige Dinge. Der alte Lehrmeister war in Rente gegangen. Wir bekamen einen neuen Lehrgesellen, der im Polenfeldzug verwundet wurde und ein steifes Bein behalten hatte.

Die Kriegsproduktion lief auf Hochtouren. Auch wir Lehrlinge wurden mit einbezogen und sollten Akkord arbeiten. Wir erhielten aber nur 60 Prozent des Lohnes. Zudem bekamen wir nur den „Fummelkram", wo es ohnehin nicht viel zu verdienen gab. Dennoch verbesserte sich unsere finanzielle Situation deutlich. Denn statt der bisher gezahlten 6,- RM gab es nun bis zu 15,- RM in der Woche. Heiner und ich waren begeistert. Nun konnten wir unseren Traum von einem richtigen Rennrad wahr werden lassen.

Das eigene Rennrad

Mit meinem Rennrad
Mit meinem Rennrad
Heiner Eltern gestatteten ihm, ein Rennrad auf Abzahlung zu kaufen. Bei mir sah dass schon ganz anders aus. Der „liebe" Bergemann arbeitete ja ebenfalls in der Fabrik, in der ich meine Ausbildung machte. Nur eben in der Abteilung Maschinenformerei. Ich löste das Problem, indem ich erst mal zu Hause nichts erzählte. Aber mit Heiner fuhr ich eines Tages nach Nennhausen. Hier wohnte der Sportfreund Glagow. Er war selbst Radrennfahrer, und er betrieb in Nennhausen eine Werkstatt mit Fahrradverkauf. Ich suchte mir ein herrliches Rennrad aus, gab mein altes Rad in Zahlung und handelte auch mit ihm den Vertrag aus. Da ich den Vertrag aber noch nicht selbst unterschreiben durfte, nahm ich diesen mit nach Hause und erklärte Herrn Glagow, dass ihn meine Mutter unterschreiben würde. Ich hatte Talent und sicherlich auch etwas kriminelle Energie. Denn die Urkundenfälschung kam nie heraus. Aber der Grund, weshalb alles so reibungslos klappte und niemals aufflog, lag zum einen daran, dass mein Rad bei Heiner untergestellt blieb, und daran, dass ich die Raten für das Rad immer pünktlich bezahlte. Den Tag der Ratenzahlung nutzte ich gleichzeitig als Trainingseinheit, denn es war immerhin eine Tour von 60 Kilometern.

Der Krieg interessierte uns nicht wesentlich, nur dass Kartensystem, das eingeführt wurde. Wir trainierten fleißig und nahmen an jedem Rennen teil. Egal, ob auf der Bahn oder auf der Straße. Wir fuhren für die HJ-Renngruppe und feierten viele Erfolge. So war es selbstverständlich, dass Heiner und ich in die Gau Kurmark-Auswahl berufen wurden. Gau Kurmark war die damalige Bezeichnung für das Land Brandenburg. Wir waren zwanzig Fahrer aus den Städten Potsdam, Brandenburg, Rathenow, Fürstenwalde und Cottbus. Die Partei setzte einen Sportleiter ein, der die Organisation leitete. Sein Name ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Wohl aber, dass er ein korpulenter, behäbiger, aber netter Kerl war, der über manche Dummheit, die wir verzapften, hinweg sah.

Trotz des Krieges wurden im August 1940 in Erfurt die Sommerspiele der Jugend und Studenten aus allen Gauen durchgeführt. In Vorbereitung dieser Festspiele wurden Ausscheidungsrennen gegen die Jugendlichen der anderen Städte der Gau Kurmark gefahren. Heiner und ich schafften die Qualifikation und wurden delegiert.

Die anderen Fahrer kamen aus Potsdam, Rathenow, Fürstenberg und einer aus Nennhausen. Hoch motiviert und voller Zuversicht fuhren wir nach Erfurt. Aber es wurde ein Desaster für uns Kurmärker. Keiner unserer Sportler schaffte es in irgendeiner Disziplin, weder auf der Bahn noch auf der Straße, zu einem Platz unter die ersten fünf. Wir hatten uns blamiert und fuhren deprimiert, aber trotzdem voller Eindrücke nach Hause.