Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 2 Jugend zwischen Prügel und Jungenstreichen (1934 – 1938)

Schule und Prügel

Rückblickend möchte ich noch erwähnen, dass im April 1934 die weltliche Schule, die ich bis dahin besuchte, geschlossen wurde. Meine neue Schule, die Rochow-Schule, war ganz in der Nähe unserer Wohnung in der kleinen Gartenstraße. Trotz des nun kurzen Schulweges war diese Schule keine Verbesserung. Denn während es an der weltlichen Schule keine Züchtigungen gab, gehörten sie in der Rochow-Schule zum Alltag. Ich war ein aufgeweckter Junge voller Energie und Neugierde auf das Leben. Es entspräche nicht meinem Weltbild, wenn ich an dieser Stelle sagen würde, ich hätte die Prügel verdient, aber die Lehrer hatten zumindest meist einen Grund für die Prügel. Meinem Klassenlehrer kam mein Temperament gelegen, denn so konnte er legal seine Fehde gegen mich führen. Der Grund dieser Fehde und meines Widerstandes lag im Religionsunterricht und in meiner weltlichen Haltung gegenüber dem lieben Gott begründet. In der weltlichen Schule gab es, wie der Name beinhaltet, keinen Religionsunterricht, und auch zu Hause genoss ich keine christliche Erziehung. Somit wusste ich nicht viel über Gott und kannte keines der zehn Gebote.

Für große Unkenntnis gab es oft etwas mit dem Rohrstock übers Kreuz, und für kleine Irrungen wurde zumindest an den Haaren hinter den Ohren gerissen. Gewalt war in meiner späten Kindheit und frühen Jugend täglich gegenwärtig. Wenn man diese perfide Gewalt gegenüber Schwächeren dennoch mit Humor betrachtet, so waren die Schläge und Schikanen in der Schule ein solides Härtetraining für zu Hause. Meine Mutter, die, seit Bergemann im Zuchthaus war, für uns Kinder allein sorgen musste, war offensichtlich überfordert und eine harte Frau geworden. Schon für Kleinlichkeiten bekam ich von ihr Schläge, und nicht selten nahm sie ein loses Schemelbein aus Holz und verprügelte mich damit.

Mein Jugendfreund Heiner

Das erste Jahr in der Rochow-Schule war auch insofern schwer für mich, weil ich von meinen Mitschülern noch als „Fremdkörper" angesehen wurde. Um akzeptiert zu werden, musste ich mich der Disziplin und dem Gruppengeist unterwerfen. Der Schulalltag bestimmte mein Leben. Ich hatte mich eingelebt, aber Freunde hatte ich noch keine. Doch das sollte sich bald ändern. Nach Schulschluss ließ ich mir immer Zeit auf dem Heimweg. Eines Tages bog ich in eine Nebenstrasse ein, in der ich zuvor immer eine Gruppe Jungen hatte spielen sehen. Es wurde Schlagball gespielt, Leute sahen uns aus den Fenstern zu, spendeten sogar Beifall, wenn ein Schlag gut gelungen war. Ich spielte einfach mit. Aber da ich nicht willkommen war, musste ich viele Schläge einstecken.

Einer dieser Jungen ging in meine Klasse. Als wir eines Tages auf dem Heimweg waren, kamen wir fürchterlich ins Streiten. Erst wurde der Streit mit dem Mund und später mit den Fäusten ausgetragen. Erst ein Mann trennte uns und gab jedem eine Backpfeife. So war dass damals. Wir wurden danach die besten Freunde, Heiner Lotsch und ich.

Beide blieben wir in der 6. Klasse sitzen, beide erlernten wir nach der Schule den Beruf des Metallformers, und vor allem liebten wir beide den Radsport.

Frida Kiwitt

Wirtschaftlich ging es unserer Familie schlecht. Der Bergemann saß hinter Gittern, und meine Mutter bekam Sozialunterstützung. Eine Zeitlang hat sie auch mal bei Lumpen-Müller in der Bauhofstraße Lumpen sortiert und Papier gebündelt. Bei einem Bauern in der Brielower Straße hat sie bei der Kartoffelernte gerackert, wobei ich mithelfen musste. Pro Sack Kartoffeln bekamen wir einen Hungerlohn von 0,23 Reichsmark (RM).

Immer wenn Mutter diversen Aushilfsarbeiten nachging, passte Frida Kiwitt auf meine Geschwister auf. Ich meinerseits nutzte diese Zeit, um mit meinen Kumpels herumzustromern. Frida Kiwitt war eine Seele von Mensch, und ihre Beziehung zu unserer Familie resultierte aus einer Nachbarschaft nach unserem Umzug aus Werdershof nach Brandenburg. Sie war eine gutmütige und warmherzige Frau, mit der es die Natur aber nicht gut gemeint hatte. Sie musste einen Buckel auf der linken Seite mit sich herumtragen und war somit immer Zielscheibe des Gespöttes der Leute, vor allem der Kinder.

Ich habe diese kleine freundliche Frau gerngehabt. Wenn ich mal nicht parierte, dann stürmte sie immer mit dem Teppichklopfer hinter mir her, ohne die geringste Chance, mich hinter den Bettgestellen, hinter denen ich mich versteckte, zu erreichen. Aber sie war nie lange böse auf mich und nannte mich immer zärtlich „ihren Großen". So nannten mich alle in der Familie.

Obwohl sie eine kleine Frau mit Handicap war, hatte sie ein mutiges Herz. Ich erinnere mich deutlich daran, dass sie sich einmal schützend vor mich stellte, als Bergemann mich wieder einmal schlagen wollte. Sie stellte sich nicht nur dazwischen, sie ging den Schläger auch an wie eine Katze. Für diesen Mut hatte sie meinen ganzen Respekt.

Lebensgefährliche Erkrankung

Im Juli 1935 erkrankte ich schwer an einer doppelseitigen Lungenentzündung.

Mutter holte Dr. Milatz, mittlerweile ein zackiger, strammer SS-Mann. Aber er konnte mir nicht helfen, denn die von ihm verordneten Pillen zeigten keine Wirkung. Die Situation war ernst, und ich denke, es bestand tatsächlich Lebensgefahr für mich, denn mittlerweile war ich schon einige Tage bewusstlos. Als meine Oma kam, war sie entsetzt über meinen Zustand. Sie führte ein kurzes, resolutes Gespräch mit meiner Mutter, in dem es darum ging, unseren langjährigen Hausarzt Dr. Löwenthal zu ordern. Meine Mutter hatte jedoch starke Bedenken, denn Dr. Löwenthal war Jude, und die Hetze gegen Juden war beängstigend. Für meine Oma zählte dies alles nicht. Zum einen war ihr Enkel schwer krank, und zum anderen war Dr. Löwenthal ein guter Arzt und Mensch.

Als meine Oma mit Dr. Löwenthal kam, bekam ich wohl eine große Spritze in die Lendenseite. Allerdings konnte er meiner Mutter keine großen Hoffnungen machen, dass ich das alles überleben würde. Aber er kam in dieser Nacht nochmals nach mir sehen und ebenfalls in den drei darauf folgenden Tagen.

Nach drei Tagen war die Krise überstanden, und Dr. Löwenthal meinte, dass er schließlich meine Halbgeschwister auf die Erde geholt hat, da wäre es doch Unsinn, wenn gerade ich in den Himmel müsste.

Meine Genesung ging nur sehr langsam voran, denn es gab immer zu wenig und zu nährstoffarmes Essen. Gute Tage waren es immer, wenn ich vom Schlächter Wehe von der gegenüberliegenden Straßenseitefür 0,30 RM Zippelwurst holen konnte. Dann gab es reichlich Wurst auf der Stulle. Auch bei Oma staubte ich hin und wieder ein wenig Essen ab, obwohl sie arbeitslos war und selber nicht viel hatte.

Zur Kur beim Förster in Schlesien

Völlig überraschend stand eines Tages eine Frau von der NS-Frauenschaft vor unserer Tür und teilte meiner Mutter mit, dass ich einen Kurplatz zur Erholung in Schlesien bei einer Försterfamilie bekommen hatte. Ich war dreizehn Jahre alt, und diese Kur war ein Segen für meine Entwicklung. Meine Mutter kümmerte sich kaum noch um mich, und so war ich für mein Alter ein sehr selbständiger Bursche. Einen Koffer besaßen wir nicht, und meiner Mutter war es offensichtlich egal, wie ich nach Schlesien kommen würde. So organisierte ich gemeinsam mit meiner Oma, die sich im Gegensatz zu meiner Mutter um mich sorgte, einen stabilen Karton in den meine Kleidung verstaut werden konnte.

Die Fahrkarten hatte ich per Post zugeschickt bekommen, und so machte ich mich mit meinen dreizehn Jahren allein auf die Bahnreise nach Schlesien. Angst hatte ich keine. Da war nur Freude, Spannung und Neugierde auf das, was mich erwarten würde. Und da war ein Gefühl von Freiheit, ein Gefühl, der Armut und Not zumindest für eine kurze Weile entfliehen zu können.

Nach vielen anstrengenden aber auch spannenden Stunden Zugfahrt war ich in dem kleinen Ort Neudorf angekommen. Ein Einspänner, an dem ein freundliches Ehepaar in mittleren Jahren stand, wartete bereits am Bahnhof auf mich. Die Frau des Försters, winkte mir aufmunternd zu. Als ich näher kam schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und sagte mitleidig: „Ja, wie siehst du denn aus?! Da haben wir ja ganz schön was zu füttern!" In dieser wohligen und so augenscheinlich satten Umgebung stellte ich mir erstmalig die Frage: „Ja, wie sah ich denn aus?" Dünne Arme, dünne Beine, und der Kopf war größer als meine Schultern breit.

Das Ehepaar Krafzyk mochte ich von Beginn an, und es dauerte nur wenige Momente, bis wir uns gegenseitig ins Herz geschlossen hatten. Die Försterei lag etwa zwei Kilometer außerhalb des Dorfes, und die Aufregung und Spannung stieg ins Unermessliche, als mir Frau Krafzyk das Zimmer zeigte, das für vier Wochen mir ganz allein gehören sollte. Ein eigenes Zimmer, MEIN Zimmer!!

Ein Zimmer ohne Küchendunst und ohne abgestandenen Essengeruch. Vor allem aber ein weiches, weißes Daunenbett, ganz ohne Klumpen, in wie meinem zu Hause in der Küche. Kurz vor dem Abendessen kam Herr Krafzyk in mein Zimmer. Er unterhielt sich sehr freundlich mit mir, stellte viele Fragen und erklärte mir dann geduldig, was er mit mir in der Zeit meines Aufenthaltes gemeinsam unternehmen wollte. Und er versprach nicht zu viel. Bald jeden Tag nahm er mich mit auf seine Fahrten und Gänge durchs Revier und sogar auf die Pirsch.

Der Wald wurde zum großen Abenteuer und erweckte meinen ersten ernsthaften Berufswunsch. Förster!

Die Stunden im Wald mit Förster Krafzyk waren Balsam und Futter für meine Seele. Die Stunden auf den verschiedenen Bauernhöfen, mit dem Bruder von Herrn Krafzyk, stillten meinen ewigen Hunger. Herr Krafzyks Bruder war Hausschlachter, und wenn bei einem Bauern geschlachtet wurde, spannte der Förster Krafzyk seinen Einspänner, und die Brüder und ich fuhren zur Schlachtung. Die Bauern dort hatten alle ein weites Herz, und wo immer ich mit war, bekam ich satt zu essen. Meine Leibgerichte waren Wurstbrühe, Schlachteplatte mit Sauerkraut und natürlich frisches Hackepeter. Hmmm....!

Diese vier Wochen bei den Förstersleuten war die schönste Zeit meiner Kindheit. Ich wurde bemuttert wie ein eigener Sohn, hatte immer satt zu essen, und es war eine Zeit voller neuer Eindrücke. Als ich abreiste, hatte ich acht Kilogramm zugenommen und fühlte mich wie ein Fisch im Wasser. Viel zu schnell war die Zeit um, und als es zum Abschied kam, flossen auf beiden Seiten viele Tränen.

Durch die Krankheit und Kur hatte ich etwa drei Monate Schulausfall. Es war nicht verwunderlich, dass ich den Lernstoff nicht nachholen konnte. So drehte ich die Runde der sechsten Klasse ein zweites Mal.

Mit der Clique

Abenteuer auf Bengs Wiesen

Der Alltag hatte mich wieder, aber wir hatten in unserer Clique viel Spaß bei gemeinsamen Streichen. Da sich zu Hause sowieso niemand um mich scherte, und es niemanden kümmerte, ob ich Schulaufgaben machte oder nicht, flog nach der Schule der Ranzen auf den Wohnzimmerschrank, und ich war verschwunden. Die Hausaufgaben erledigte ich übrigens immer morgens vor der Schule. Dazu stand ich immer eine Stunde früher auf und setzte mich auf die Stufen vor unserem Haus.

Das Aktionsfeld meiner Clique waren Bengs Wiesen und das Breite Bruch. Das Breite Bruch war in unserer Fantasie unsere Prärie, es war die unendliche Freiheit. Nicht die Enge von zu Hause, der Streit, die Unruhe der Geschwister, der Dunst der Küche.

Das Breite Bruch waren in der Realität die Flutwiesen der Stadt und boten ihr Schutz. Dort konnte bei Hochwasser im Herbst und Winter das Wasser auslaufen. Durch das Breite Bruch schlängelte sich der Neujahrsgraben an den Schmerzker Wiesen vorbei bis Göttin und mündete in der Plane. Der Neujahrsgraben war größtenteils knietief, hatte aber auch Untiefen. Fische und Krebse gab es ausreichend. Wir besorgten uns vom Händler leere Zwiebelsäcke, trennten sie auf und nähten sie als Netz wieder zusammen. Beim Fischen gab es immer reiche Beute. Die Fische rösteten wir über dem Lagefeuer, und für die Krebse hatten wir einen alten Topf, in dem wir sie brühten. Das Breite Bruch würde man heute wohl zum Naturschutzgebiet machen. Es war eine Idylle, die ihresgleichen in Brandenburg suchte. Es gab unzählige große Weidenbüsche in denen die Lietzen (Blesshühner) ihre Nester bauten.

In einem dieser großen Weidenbüsche hatten wir uns eine Bude gebaut. Eine Seite wurde als Eingang etwas ausgelichtet, die abgeschnittenen Ruten wurden mit anderen in Kopfhöhe verbunden und mit Heu, Stroh und Resten von Dachpappe, die wir auf der Müllkippe gefunden hatten, ausgestopft. Die Bude diente uns nicht nur zum Schutz vor Unwetter. In ihr versteckten wir auch unsere Waffen. Pfeile, Bogen und Fletschen (Katapult). Dinge, die wir natürlich nicht hätten mit nach Hause nehmen dürfen. Täglich streiften wir über unsere Prärie, bis Göttin oder Schmerzke.

Als Sammler und Jäger

Jeder Garten auf unseren Streifzügen war uns bestens bekannt. Wir wussten ganz genau, wo die leckersten Pflaumen, die saftigsten Birnen, die größten Kartoffeln und die längsten Karotten wuchsen. Auch Kohlköpfe jeder Art verschmähten wir nicht. Die Jagd in der Prärie machte einen Indianer oder Cowboy eben hungrig. Wir nahmen uns zwar fremdes Obst oder Gemüse, aber wir zerstörten dabei niemals sinnlos anderer Menschen Eigentum.

Wenn wir Hunger auf Fleisch hatten, gingen wir eben wie echte Indianer auf Jagd. Auf Entenjagd! Wir beherrschten verschiedene Jagdmethoden. Entweder mit der Fletsche, mit Pfeil und Bogen oder aber mit einer Bierflasche, Schnur und Haken. Die Flasche wurde soweit mit Wasser gefüllt, dass der Hals nur noch 3 bis 5 cm aus dem Wasser ragte. Am Verschluss  wurde eine Schnur mit Angelhaken befestigt, an dem ein Stück Brot angebracht wurde. Einige Brotkrumen warfen wir zum Anlocken ins Wasser. Wir selbst versteckten uns im hohen Gras. Wenn eine Ente nun in ihrer Gier die Krume samt Haken verschluckt hatte, zottelte sie die Flasche hin und her. Solange bis der Flaschenhals unter Wasser kam. Dann zog die Flasche den Kopf der Ente unter Wasser, und sie ersoff. Wenn der Sterz der Ente in die Luft ragte holten wir sie raus. Eine recht rabiate, jedoch effektive Jagdmethode, die wir auch bei Blesshühnern (Litzen) mit Erfolg anwandten.

Wenn wir erfolgreich gejagt hatten, wurde ein Lagerfeuer gemacht. Links und rechts vom Feuer schlugen wir Gabeln in die Erde. Das Tier spießten wir auf einen Stahlstab und rösteten es über dem offenen Feuer. Bei den Blesshühnern musste man dass Federkleid samt Haut abziehen, denn ansonsten schmeckte sie ranzig. Es dauerte ewig lange, bis das jeweilige Tier gar war. Da wir weder Salz, noch Gewürze oder gar Fett hatten, schmeckte es meist scheußlich. Aber der Hunger überwand alles.

Krieg der Cliquen, Katastrophe

So streiften wir täglich über unsere „Prärie", und es war ein wundervolles Gefühl der Unabhängigkeit und Unbesorgtheit. Aber wie alles im Leben gab es nicht nur schöne Augenblicke. Und in unsere Abenteuerlust gingen auch wir als Clique einen Schritt zu weit. Wie sich der Leser denken kann, waren wir nicht die einzigen Kinder der Stadt, die die Wiesen für sich entdeckt hatten. Es gab Macht- und Revierkämpfe. In der Linienstraße, bekannt als „Schwindelschweiz", lebten bedeutend mehr Kinder unseren Alters. Des Öfteren wurden Straßenkämpfe ausgetragen, die nicht selten mit Verletzungen endeten. Die Clique der Linienstraße hatte ihre Buden in den Büschen des Gleisdreiecks.

Das Gleisdreieck wurde von der Hauptstrecke Berlin-Magdeburg und der Nebenstrecke Brandenburg-Belzig gebildet. Diese Nebenstrecke führte für ein kurzes Stück an der Göttiner Straße im Bogen vorbei über eine Brücke und dann weiter nach Belzig. In diesem Bogen waren genau wie bei uns Wiesen mit Buden darauf, die in der gleichen Bauweise wie unsere entstanden waren.

Die Katastrophe geschah im August 1937. Es war schon mehrere Tage sehr heiß und vor allem sehr trocken gewesen. Unsere Späher hatten erkundet, dass keiner der Kinder aus der Linienstraße in oder an ihren  Buden war. Ich kann heute nicht mehr sagen, was uns da geritten hat. Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen. Wir acht Jungs zogen los in den Kampf gegen die Feinde. Bewaffnet mit Pfeil und Bogen, mit einigen Lumpenfetzen und einer Flasche Petroleum. Vom Banddamm aus, schossen wir ihre Buden in Brand.

Die Kraft des Feuers hatten wir nicht vorhersehen. In rasanter Geschwindigkeit bereitete sich das Feuer aus. Innerhalb kurzer Zeit brannte das gesamte Dreieck. Die Feuerwehr rückte mit mehren Löschzügen an. Es war das reinste Chaos. Die Feuerwehr versuchte verzweifelt, den Übergriff des Feuers auf ein Sägewerk, das hinter dem Kleinbahndamm lag, sowie auf eine Müllkippe, die in Richtung Linienstraße lag, zu verhindern. Zum Glück konnte der Brand unter Kontrolle gebracht werden und Schlimmeres wurde verhindert.

Wir Kinder waren geschockt, fühlten uns aber dennoch so sicher, dass ich völlig perplex war, als mich die Polizei von zu Hause holte und zur Vernehmung in die Magdeburger Straße brachte. Auf der Polizeiwache II ( diese wurde im Krieg zerstört) bekam ich zuerst eine kräftige Ohrfeige von einem Polizisten, dann wurde eine Anzeige aufgenommen. Als die Anzeige bei uns zu Hause auf den Tisch flatterte, rastete meine Mutter aus. Wir hatten in der Küche einen Schemel. Wenn man den etwas anhob ging ein Schemelbein ab. Und zu genau diesem Schemelbein griff meine Mutter in ihren Zornesausbrüchen immer. Es war nach dieser Anzeige nicht die erste Prügel mit dem Schemelbein, aber eine der schlimmsten Attacken. Aber ich hatte Erfahrung im „geprügelt werden" und so war ich mit einem Satz am Sofa und griff mir ein Kissen, das ich schützend vor den Kopf hielt. Ich denke, dass mich dieses Kissen vor schweren Verletzungen gerettet hat, denn meine Mutter war es in ihrer Rage egal, wo mich das Holz traf. Sie hätte mir das Gehirn herausgeprügelt.

Rundlaufeisen

Meine anderen Körperteile schienen schon immun gegen die auf mich einprasselnden Schläge zu sein. Der Schmerz der Hiebe war nach kurzer Zeit vergessen, aber was mir wirklich lange wehtat, das war die Geldstrafe. Zur Beschaffung des Geldes hatten wir uns eine besondere Methode ausgedacht. Am Rande der Kleinbahn hatte der Schrotthändler Gebhard ein Lager, in dem er den Schrott sortierte und verlud. Seine Hauptgeschäftsstelle hatte er allerdings in der Neuendorferstraße. Da der Chef nicht immer im Lager war, sammelten wir kurzerhand dort einen Handwagen voll und verkauften diesen in seinem Hauptgeschäft in der Neuendorferstraße. Natürlich in größeren Abständen, um uns nicht verdächtig zu machen.

Diese Aktion nannten wir unser „Rundlaufeisen". Aber eines Tages erwischte uns der alte Gebhard doch. Da das Schrottlager nur knapp 4 m oberhalb der Wiesen am Jakobsgraben und nur ca. 200 Meter von unserer Badestelle lag, flüchteten wir automatisch in diese Richtung. Unser Ziel war das Wasser. Wir wussten, dass er uns nicht schwimmend verfolgen würde. Dennoch rannte Gebhard mit der Peitsche in der Hand hinter uns her. Zwei von uns erwischte er noch mit einem Schlag. Einer der Jungs war ich. Als wir aber mit einem Hechter sicher im Wasser waren, waren wir wieder mutig genug, um ihm eine lange Nase zu drehen. Aber der Peitschenschlag hatte wehgetan, und so schworen wir Rache.

Im Laufe der Zeit hatten wir heraus, wann Gebhard immer auf seinem Lagerplatz war. Wir kannten seine Gewohnheiten.

So legten wir uns ins hohe Gras, das uns gute Deckung bot, und warteten geduldig. Dann war es soweit. Gebhard kam auf die Wiese hinter seinem Lager. Er schaute sich kurz um und dann ging alles sehr schnell. Er zog seine Hose runter und ging in die Hocke. Wir zogen unsere Fletschen raus, legten die Kieselsteine in die Lederlaschen, zogen die Gummi voll durch und dann –

8 x Feuer frei. Der Hintern bot ein breites Zielfeld, aber wie das bei einem Zielschießen so ist, ein fehlgeleiteter Schuss traf wohl sein empfindlichstes Teil, das da zwischen den Beinen hing, und er kippte plötzlich nach vorn über. Wir hatten ihm buchstäblich die Beine weggehauen. Wieder retteten wir uns mit einem Sprung ins Wasser, an unserem geliebten und vertrauten Gänsewerder.

Die Aktion „Rundlaufeisen" hatte sich ein für allemal erledigt. Zudem waren auch die Ferien zu Ende, und ich kam in eine neue sechste Klasse.

Lehrerschreck

Ich lernte neue Schulkameraden kennen. Da waren ganz schöne Früchtchen dabei, die nur an Dummheiten dachten.

Aber meine Streiche und Dummheiten spielten sich im normalen Bereich ab. Das heißt, alles was die Lehrerschaft auf die Palme brachte, lag in meinem Interesse und inspirierte mich zu manchem Einfall. Wobei sich nicht jeder Einfall als gute Idee herausstellte und ohne schmerzliche Folgen für uns blieb.

Eine solche schlechte Idee ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Objekt unserer Tat war das Fräulein Noack. Eine stark taillierte und äußerst phlegmatische Dame. Sie war tatsächlich so träge, dass sie nicht einmal den Stuhl, auf den sie sich zu setzen gedachte, selbst verrückte. Der Primus unserer Klasse, ein kleiner Schleimer, rückte den Stuhl in jeder Pause auf den entsprechenden Platz und platzierte präzise Lineal, Klassenbuch und Rohrstock auf dem Lehrerpult. Damit hatte der Primus seine Arbeit getan. Wir vier Jungen hatten wieder einmal Strafarbeit zu verrichten und mussten dazu in der Pause im Klassenraum verbleiben. Das von uns schon lange geplante Unheil nahm seinen Lauf.

Schielke und Peters saugten den Rohrstock voll Tinte. Schuricke und ich platzierten unter die hinteren Stuhlbeine, handelsübliche und käuflich erworbene Stinkbomben. Um ein vorzeitiges Zerdrücken durch das Eigengewicht des Stuhles zu verhindern, falteten wir kleine Stücken Pappe und legten sie schützend  dazwischen. Unsere einzige Sorge war, dass der Stuhl schon vorher durch jemanden verrückt werden könnte. Aber diese Sorge war unberechtigt. Fräulein Noack kam, pflanzte sich behäbig auf den Stuhl - und es stank. Aber nur sehr dezent, denn leider war eine Stinkbombe nicht geplatzt, da sie sich verschoben hatte. Dennoch war Fräulein Noack erzürnt. Sie griff in ihrer Wut zum Rohrstock, holte aus und donnerte den Rohrstock auf den Lehrerpult.

Beim ersten Hieb war sie geschockt und wir erschreckt. Beim zweiten Hieb fing ein großes Geschrei an. Die ersten Reihen waren bis zur Hälfte mit Tinte bespritzt. Aber diesen Effekt hatten wir weder so geplant noch als Möglichkeit bedacht. Unser Plan hatte vorgesehen, dass, wenn ein Schüler vor die Klasse treten musste, um sich seine Bestrafung abzuholen, dass die Tinte auf den Fußboden spritzen würde.

Die Folgen dieses Streiches bekamen nicht nur wir vier in brutaler Art zu spüren, sondern auch unsere Familien. Wir bekamen die Prügel und unsere Eltern mussten zahlen.

Wir alle vier musste natürlich unverzüglich zum Direktor. In dieser Beziehung hatten wir noch Glück. An dem Tag war nur Herr Senkpiel, der stellvertretende Direktor anwesend. Herr Senkpiel war von der weltlichen Schule an die Rochow Schule übernommen worden und lehnte nach wie vor die Prügelstrafe ab. So blieb uns zumindest diese erste Tracht erspart. Aber nicht strafende Worte, ein schriftlicher Vorkommnisbericht und die Mitteilung an die Eltern.

Das Martyrium ging am Tag darauf los. Jeder Lehrer fühlte sich in seiner Unterrichtsstunde ermächtigt, uns ein paar Rohrstockhiebe zu verpassen. Einen besonderen Ehrgeiz, entwickelte dabei unser Erdkundelehrer Erdmann. Wir nahmen an, er ließ den ganzen Frust seiner Ehescheidung an uns aus.

Das ging mehrere Wochen so. Dann verebbte alles langsam, und zumindest der Schulalltag wurde für uns wieder normal.

Kleiner Aufschwung

Anders dagegen war es zu Hause. Die Tracht Prügel von meiner Mutter hatte ich ertragen können, aber nicht ihren vorwurfsvollen Blick, der mich täglich traf. Dieser Blick schürte tatsächlich mein schlechtes Gewissen. Er schien zu sagen: „Das Geld reicht jetzt schon nicht für das Nötigste, wie soll ich den von dir verzapften Unsinn bezahlen?" Ich nahm mir fest vor, nie wieder solchen Unsinn zu verzapfen und von nun an meiner Mutter zu helfen, dieses Geld zu verdienen. So lungerte ich also täglich nach Schulschluss in der Hauptstraße vor den Kaufhäusern Flakowskie, Egege und Kepa herum. Da schon in meiner Zeit Fahrraddiebstähle keine Seltenheit waren, fragte ich jeden Fahrradbesitzer, der ins Kaufhaus wollte, ob ich auf sein Fahrrad aufpassen solle. In einigen Stunden hatte ich dann zwischen 0,70 RM und 1,20 RM verdient. Meine Mutter freute sich über jeden Sechser, den ich ihr gab.

Als der Herbst kam und die Kastanien und Eicheln von den Bäumen fielen, kaufte ich mir für 0,20 RM bei Kepa, einem großen Kaufhaus, eine Leergutkiste. Auf der Müllkippe fand ich einen Satz Kinderwagenräder, und so baute ich mir einen kleinen Karren zusammen. Das Sammeln von Kastanien und Eicheln war ein einträgliches Geschäft, denn die Chaussee bis Jeserig in Richtung Potsdam war beidseitig mit Bäumen bestückt. Für einen Zentner Kastanien gab es in der Kirchhofstraße bei Siegels in der Aufkaufstelle 1,50 RM und für Eicheln sogar 2,50 RM. Es war eine mühsame und anstrengende Arbeit. Aber das Gefühl, Geld zu haben, trieb mich an. Ich wollte wiedergutmachen und meiner Mutter helfen, die Schuld abzutragen.

Wir steckten in großen finanziellen Schwierigkeiten. Ein Sprichwort besagt: „Ist die Not am größten, ist dir Gott am nächsten." Und auch wenn ich kein gläubiger Mensch bin, so war es doch ein großer Segen, als meine Mutter Arbeit als Küchenhilfe in der Gaststätte „Bühnenhaus" bekam. Endlich!

Die Gaststätte war ein beliebtes Ausflugslokal, das an einer Dampferanlegestelle lag. Leider steht heute nur noch die Ruine der einst so schönen Gaststätte. So schön es auch war, dass Mutter wieder Geld verdiente, für mich hatte das einen erheblichen Nachteil. Da es von der Gaststätte bis zur Straßenbahnhaltestelle etwa 3 Kilometer Fußweg waren, der an der Plane entlang führten, musste ich meine Mutter jeden Abend von der Arbeit abholen.

Aber auch ich hatte Glück und bekam eine Laufstelle beim Schuhmachermeister Bosdorf in der Großen Gartenstraße gegenüber unserer Wohnung. Schuhe von der Kundschaft abholen, reparieren lassen und wieder zurückbringen. Diese Stelle war allerdings auf 1 bis 2 Stunden täglich beschränkt. Mein Wochenlohn betrug 1,50 RM plus Trinkgeld.

Fahrrad Marke Eigenbau

Eines Tages kam der Aufruf der NSDAP zu einer Schrottsammlung. Die Wirtschaft brauchte Stahl, denn es zeichnete sich ab, dass aufgerüstet wird. Vor den meisten Häusern lagen Schrotthaufen. Mein Freund Heiner und ich stromerten durch die Strassen und begutachteten die Haufen. Dabei fiel uns auf, dass viele gute Fahrradteile dabei lagen. Bei diesem Anblick kam uns der Gedanke, uns selbst ein Fahrrad zusammenzubasteln. Die Ausbeute war gut. Hier ein Vorderrad, dort ein ausgeschlachteter Rahmen usw. Doch es fehlten noch die Schläuche, Pedalen und diverse Kleinigkeiten. Meine Schulden waren abbezahlt, und so sammelte ich fleißig weiter Kastanien und Eicheln und trug weiter fleißig anderer Leute Schuhe hin und her. Aber diesmal wurde jeder erarbeitete Pfennig in das Fahrrad investiert. Wir hatten eine sinnvolle Aufgabe für uns gefunden. Fast täglich bastelten und schraubten wir an den Räder herum.

Die Beschaffung der fehlenden Teile war nicht allzu schwierig, denn es gab noch eine zusätzliche Geldquelle. Auch meine Oma hatte eine Arbeitsstelle im „Caffee Oske" am Molkenmarkt. Sie war dort „bloß" Toilettenfrau. Aber diese Stelle war eine wahre Goldgrube. Das „Caffee Oske" zählte zu den größten Vergnügungshäusern Brandenburgs. Wo viel getanzt wird, wird auch viel getrunken, und wo viel getrunken wird, fordert das menschliche Bedürfnis auch sein Recht. Wer also musste, musste zahlen. Dies war ein einträgliches Geschäft für meine Oma. Auch für mich, denn sie spendete mir einiges Geld für mein Fahrrad.

Oma war auch vom Deutschen Dorf zur Büttelstraße gezogen. Tante Hilde und Onkel Willi waren schon längere Zeit verheiratet und hatten ihren eigenen Haustand. Tante Hilde hatte einen Sohn geboren, der Georg hieß, genau wie sein Vater. Auch Onkel Willi war Vater geworden. Seine Tochter hieß Eva.

Als die Weihnachtszeit sich näherte, war meine Mutter wieder ohne Arbeit, denn das Buhnenhaus hatte im Winter geschlossen. Auch ich musste mir eine neue Erwerbsquelle suchen, denn der Schuhmacher Bosdorf hatte seine Schusterei in der Großen Gartenstraße geschlossen und stattdessen ein Schuhgeschäft in der Jakobsstraße eröffnet.

Mit der Kriegsaufrüstung Deutschlands begann der Handel zu blühen. In der Stadt Brandenburg wurden neue Werke gebaut. Zum Beispiel das Opelwerk, das Havelwerk und das Arado-Flugzeugwerk. Es waren ausschließlich Rüstungsbetriebe, und um die Betriebe zu bewirtschaften, wurden aus allen Teilen Deutschlands Arbeiter geworben. Dementsprechend wurden auch Wohnungen gebaut. So entstanden die Walzwerk-, die Opel- und die Havelwerksiedlung.

Weihnachtsjob

Als Kind empfand ich Weihnachten in meiner Stadt als die stimmungsvollste Zeit des Jahres. Die Geschäfte, Kaufhäuser und Straßen waren festlich geschmückt, und auf allen Plätzen der Stadt wurden Weihnachtsbäume zum Verkauf angeboten. Am Trauerberg, in der Nähe unserer Wohnung, hatte Gärtnermeister Dossow seinen Verkaufsstand für Weihnachtsbäume. Ich fragte ihn, ob ich helfen durfte, die Bäume aufzustellen. Er gab mir die Stelle, und ich stellte nicht nur Bäume auf, sondern ich durfte den Kunden auch die Bäume nach Hause tragen. Kundschaft gab es genug, und ich bemerkte, dass die Menschen in einer freudigeren und fröhlicheren Stimmung als in der restlichen Zeit des Jahres waren. Sie waren gebefreudiger als sonst, und ich bekam üppige Trinkgelder. Mit einem Teil des Geldes konnte ich meine Mutter unterstützen, denn es musste immer noch einiges Geld durch meine Dummheit abgezahlt werden.

Weihnachten bei uns zu Hause war weniger beschaulich. Es war vielmehr jedes Jahr das Gleiche. Es gab einen kleinen, von Gärtner Dossow gespendeten Baum und ein Paar hohe, derbe Schuhe als Geschenk. Die alten Schuhe hatte ich zwei Jahre, ohne das sie besohlt wurden, getragen. Die Sohle war mit Eisennägeln beschlagen, und die Hacken hatten einen hufeisenförmigen Beschlag. Wenn ich im Dauerlauf durch die Straßen lief, hörte es sich an, als würde ein Pferd galoppieren.

Pimpf

Ich erinnere mich, dass am heiligen Abend auch unser Hauswirt zu Besuch kam. Er brachte für meine Geschwister Süßigkeiten und für mich eine Uniform. Es war die Winteruniform des Jungvolkes. Der Kinder- und Jugendorganisation der NSDAP. Eine Organisationseinheit der 10 bis 14 jährigen Jungen. Zu den Mitgliedern des Jungvolkes sagte man auch Pimpfe.

Die Uniform bestand aus Hose, Jacke und Mütze. Sie war aus herrlich weichem, schwarzem Wollstoff und ideal für den kalten Winter. Es war eine stille Eintrittsaufforderung des Hauswirtes an mich, auch wenn er es nicht aussprach.

Am ersten Weihnachtstag zog ich diese warme und flauschige Uniform voller Stolz an. Ich wollte meiner Oma einen Besuch abstatten. Aber an Stelle eines Komplimentes, das ich irgendwie erwartet hatte, gab sie mir bei meinem Anblick eine schallende Ohrfeige. Sie raunzte mich an, dass ich mir erst mal was „Anständiges" anziehen solle. Ich war verletzt und irritiert, und so ließ ich mich einige Tage erst mal bei meiner Oma nicht mehr sehen. Zu den Pimpfen ging ich auch nicht.

Alfred ist zurück

In der Schule ging es nicht besonders gut, und ich schlug mich eher schlecht als recht durch. Immer geradeso, das ich das Schuljahr nicht noch einmal wiederholen muss. Wie sollte ich auch bessere Leistungen bringen? Meine Mutter hatte ihre eigenen Sorgen, und der liebe Alfred, der mittlerweile aus der Haft entlassen worden war, interessierte sich nicht für mich. Es war gegenseitige Abneigung!

Wieder begann eine Zeit der Demütigungen. Alfred kam oft betrunken nach Hause. Dann stritten sich meine Eltern wieder, meine Mutter bekam wieder Schläge, und anschließend gab es wieder die Versöhnung im Bett. Dies alles mitzuerleben traumatisierte mich, und ich dachte mit großer Wehmut an die ruhige und vergleichsweise glückliche Zeit mit meinem Vater zurück. Es war schon seltsam, denn ich hasste Alfred nicht einmal. Auch für meine Mutter empfand ich kein Mitleid. Vielmehr trieb es mich nur weg. Weg aus der Enge der Wohnung, weg von der Kühle der Seelen, weg von der kleinlichen und gewalttätigen Ignoranz der Menschen, die vorgaben, meine Eltern zu sein.

Freude, Frohsinn und Sauberkeit der Gedanken fand ich bei meiner Oma, die mich einige Male bei sich aufnahm und mir ein eigenes Zimmer gab, bei meinem Freund Heiner und dessen Familie, die mich wie ihr sechstes Kind aufnahmen, und bei denen ich ein harmonisches Miteinander einer Familie erleben dufte. Vater Lotsch war eine Seele von Mensch, und in einem unserer vielen Gespräche stellte sich heraus, dass er meinen Vater, Wilhelm Ostwald, von einer gemeinsamen Arbeit bei der Reichsbahn kannte.

Laufbursche

Das Gefühl der Freiheit empfand ich aber auch bei meinen Gängen als Laufbursche. Im Frühjahr 1937 bekam ich eine Laufjungenstelle beim Radiohändler Wendefeuer. Sofort nach Schulschluss ging es an die Arbeit. Er brachte mir bei, wie die Batterien aufgeladen werden mussten. Die ersten Radios wurden noch mittels Detektoren mit Spindeln, Röhren und Batterien betrieben. Diese Batterien, ähnlich den heutigen Autobatterien, nur kleiner im Format, wurden zur Kundschaft gebracht und entladene Batterien abgeholt. Oft fuhren wir mit seinem alten Hanomag zu den Bauern übers Land, um Leitungen für die Radios zu installieren. Antennen waren zur damaligen Zeit noch unbekannt, und so wurde von der Scheune zum Wohnhaus ein Kabel gespannt, kurz vor dem Haus ein Kabelstück abgeleitet und fertig war die Antenne. Diese Arbeit machte mir Spaß, denn ich durfte immer aufs Scheunendach klettern und das Kabel befestigen. Für diese akrobatischen Leistungen bekam ich meist nicht nur Lob, sondern auch ein deftiges Essen und manchmal auch ein paar Pfennige.

Aber es gab etwas an der Arbeitsstelle, das mir ganz und gar nicht behagte. Nach meinem Feierabend gegen 18 Uhr forderte mich die Frau von Wendfeuer wiederholt auf, für sie Einkäufe zu erledigen. Ich tat es nur widerwillig, und nach einigen Monaten schmiss ich diese Stelle hin und wollte mir eine andere Stelle als Laufjunge suche. Das war allerdings gar nicht so einfach, denn diese Stellen waren begehrt, und ich war nicht der einzige Junge in der Stadt, der Geld verdienen wollte. Zu dieser Zeit hatte ich endlich die Schulden für den dummen Streich bei meiner Mutter abgezahlt. Zudem hatten meine Mutter und Alfred Arbeit, und so gab es für den Moment keine Sorgen.

Rache am Gärtner

Eine zeitlang ging ich mit meiner Clique wieder auf Tour. Das Breite Bruch und die Gärten waren unsere Ziele. Aber es ging alles gemäßigter zu, denn Streiche mit Folgen blieben aus. Nur einmal rasteten wir noch aus. Gärtner Kraatz hatte eine Gärtnerei am Trauerberg. Diese war hinter seinem Wohnhaus in Richtung Gänsewerder. Im Garten am Ende der Gewächshäuser standen die schönsten und besten Obstbäume. Als wir mal wieder den Garten „besuchten", muss er bereits auf der Lauer gelegen haben. Wir sprinteten wie die Verrückten davon, aber unser Kleinster war nicht schnell genug. Kraatz bekam ihn am Genick zu fassen und schleifte ihn durch ein 1 Meter hohes Brennnesselfeld. Der Kleine schrie wie am Spieß, denn er war, wie wir alle, nur mit einer kurzen Hose bekleidet. Wir konnten nicht helfen und mussten das Trauerspiel mit ansehen. Unser Kleiner sah aus wie eine reife Erdbeere, und wir schworen Rache.

Kraatz hatte etwas abseits der Gärtnerei ein ca. 400 m² großes Gladiolenfeld. Dieses Feld lag etwa einen Meter unterhalb eines Weges und war deshalb gut einsehbar. Mit unseren Fletschen und Kieselsteinen bewaffnet zogen wir los zum Übungsschießen. Ziel waren natürlich die Gladiolen. Als ein idealer Treffer galt die Platzierung des Steines unterhalb der Blüte, So dass der Blütenkopf abknickte. Aber auch ein Treffer direkt auf die Blüten zählte als Erfolg. Die Schlacht war erfolgreich gewonnen, denn die meisten Gladiolen büßten ihre Pracht ein. Natürlich blieben wir nicht unerkannt, und so gab es für uns als Nachspiel eine Tracht Prügel zu Hause, und wieder einmal eine finanzielle Strafe.

Aber ein Gutes hatte diese Sache doch. Auch der Gärtner wurde wegen Körperverletzung angezeigt und musste eine Geldstrafe bezahlen. Unser Kleiner war gerächt. Aber dies war mein letzter erwähnenswerter Streich. Danach versuchte ich mich in verschiedenen sportlichen Disziplinen, um meine Freizeit sinnvoll zu gestalten. Versuchsweise ging ich zum Training der Turner in die Hammerstraße. Bockspringen und Barrenübungen gingen ja noch, aber als ich es an den Ringen versuchen sollte, da war es aus mit meinem Können. Ich hing an den Ringen wie ein nasser Sack. Turnen war kein Sport für mich, denn ich war viel zu schwer.