Kurt Ostwald - 32.275 Kilometer in Gefangenschaft, Kapitel 1 Kindheit in armen Verhältnissen (1923 – 1934)

Geburt, Kindheit und Familie

Werdershof

Gutshof Werdershof
Gutshof Werdershof
Am 31. August 1923 wurde ich in Werdershof bei Schlagenthin, heute Teil der Stadt Jerichow, geboren. Es war und ist auch heute noch ein kleines Kaff hinter Vehlen, etwa einen Kilometer hinter der damaligen und heutigen Landesgrenze von Brandenburg zu Sachsen-Anhalt. Also bin ich kein Brandenburger, sondern ein Anhaltiner.

Geburtsstätte Gesindehaus
Geburtsstätte Gesindehaus
Meine Eltern Walter und Frieda Ostwald, meine Großeltern Marie und Karl Goldbach, meine Tante Hilde und mein Onkel Willi, beide Goldbach, arbeiteten alle auf dem Gut „Rodewald" als Tagelöhner. In diesem Dorf (!!!!) gab es noch vier Kleinbauernhöfe und das Tagelöhnerhaus des Gutes, das ca. 300 Meter entfernt stand, und in dem meine Familie lebte und wohnte. Das Dorf war idyllisch gelegen, umgeben von Wald, Wiesen und Feldern. Von der Idylle konnten wir nicht leben, denn die Jahre 1923/24 waren Inflationsjahre, und das Geld war keinen Pfifferling wert.

Die Not machte erfinderisch. Nach den überlieferten Erzählungen meiner Familie wurden sogar die Kartoffelschalen gekocht, durch ein Sieb geseiht, mit Zucker gesüßt - und fertig war die Flasche für mich. Im Winter 1923/24 wurde ich an besonders kalten Tagen in die Bratröhre des Kachelofen gelegt und so warm gehalten.

Umzug nach Brandenburg a.d.H.

1924 zog die gesamte Familie Brandenburg an der Havel. Trotz der Wohnungsnot bekamen meine Eltern in der Große Gartenstraße 8, Hinterhof, erste Etage eine Wohnung. Oma Marie und Opa Karl sowie Tante Hilde und Onkel Willi zogen in das Deutsche Dorf 4. In den Jahren 1925 und 1928 wurden mein Bruder Gerhard und meine Schwester Ingeborg geboren.

Für uns fünf Personen waren die ca. 25 qm, eine Stube und eine Küche, zwar ziemlich beengt, für damalige Verhältnisse und unseren Klassenstand jedoch normal.

Meine frühesten erhaltenen Erinnerungen gehen zurück auf das Jahr 1928/29. Ich erinnere mich daran, dass mich mein Vater mit zur Arbeit nahm. Er arbeitete als Kutscher bei der Speditionsfirma „Taege" in der Steinstraße. Wenn ich am Tage bei ihm bleiben durfte, erlaubte er es mir, auf dem Kutschbock mitzufahren und als besonderes Erlebnis auch die Zügel zu halten. Mein Vater war ein ruhiger, ausgeglichener Mann. Für mich ein guter Vater. Wir Kinder bekamen nie Schläge, höchstens hin und wieder einen kleinen „Katzenkopf". Dass soll ja bekanntlich das Denkvermögen anregen.

Hungerhahn

Als mein Vater Anfang 1930 arbeitslos wurde, krähte so einige Male der Hungerhahn bei uns zu Hause. Mein Vater war ein solider Mann. Er rauchte und trank nicht und ließ sich so manches einfallen, damit dem Hungerhahn wenigsten hin und wieder der Schnabel gestopft werden konnte. Einige Male nahm er mich mit auf „Fechttour". Das hieß, wir fuhren über die Dörfer, gingen von Tür zu Tür, klopften und bettelten bei den Bauern um Lebensmittel. Mein Vater bot sich dabei an, Arbeiten für Lohn zu verrichten. Einige Bauern gaben ihm Arbeit, andere jagten ihn fort. Ich lernte bei diesen Klopftouren das Verhalten der unterschiedlichsten Menschen in guten wie auch in schlechten Zeiten kennen. Wenn wir zwei Dörfer abgeklappert hatten, war meistens der Rucksack voll mit Kartoffeln, Brot, Schlackwurststullen und ab und zu sogar mit ein paar Eiern.

1930 bekam mein Vater Arbeit als Gleisbauarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn in Brandenburg. Die Gleise in der Rotte, so nannte man eine Gruppe Gleisbauarbeiter, zu setzen, war eine schwere körperliche Arbeit. Wenn er nach 10 Stunden Arbeit nach Hause kam und am Abendbrottisch saß, fiel ihm der Kopf vor Müdigkeit beinahe in den Teller. Meine Mutter war eine junge, lebenslustige Frau und wollte immer gern tanzen gehen. Aber mein Vater war zu kaputt, und deshalb kam es oft zu Streitigkeiten.

Neue Wohnung, eigenes Kinderzimmer

Die Wohnung wurde zu eng. Fünf Personen in einem so kleinen Haushalt waren einfach nicht mehr erträglich. Wir hatten Glück und bekamen eine Wohnung in der Neustätter Wassertorstr. 6. Ein riesiges Zimmer, das zugleich als Wohn- und Schlafstätte diente, zwei kleine Kammern und eine Küche. Endlich hatten wir Kinder ein eigenes Zimmer, und ich musste nicht mehr bei Dunst und Küchengeruch schlafen.

Die Wohnung hatte auch noch einen weiteren Vorteil. Wir wohnten jetzt ganz in der Nähe von meiner Oma, denn unser Hof hatte auch einen Ausgang in Richtung „Deutsches Dorf". So konnte ich, wann immer ich wollte, Oma einen kurzen Besuch abstatten. Wenn ich dort war, gab es außer lieben Worten immer etwas zu futtern. Für mich war ein Besuch bei ihr immer aufregend und etwas ganz Besonderes.

Mein Vater begann mit der Aufzucht von Kanarienvögel, was zur Folge hatte, dass eine Wand des Wohnzimmers voller kleiner Zuchtkäfige war. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele es waren, denn ich habe sie nie gezählt. Die Jungvögel wurden an Interessenten oder an die Zoohandlung „ Piekowski" verkauft.

An den Abenden saßen meine Eltern nach dem Abendbrot beim Schein der Gaslampe am Wohnzimmertisch und pinselten kleine Lineolsoldaten für die Spielzeugfabrik „Wiederholz" an. So verdienten sie für die Familie ein Zubrot, das dem Haushalt und somit uns Kindern zugute kam.

Einschulung

Im April 1930 wurde ich eingeschult. Das ließ sich meine Oma nicht nehmen. Sie übernahm für ihren ersten Enkel die finanziellen Kosten der Einschulung, einschließlich Anzug und Tüte. Auch Oma putzte sich heraus, mit langem Rock, Rüschenbluse und Kompotthut, einem Hut in Obstform. Stolz ging ich an Omas Hand. Hinter uns die Eltern und Geschwister. Ich wurde in die weltliche Schule am Katharienkirchplatz eingeschult. An dieser Schule gab es keinerlei körperliche Züchtigung und auch keinen Religionsunterricht.

Meine Oma war im „Deutschen Dorf" bekannt als "rote Marie" bekannt. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und in der Roten Hilfe als Sanitäterin tätig. Bei Aufmärschen von Parteien, vor allem der Nazis, der SPD oder der KPD fanden immer Straßen- und Saalschlachten statt. Und so blieb es nicht aus, dass es bei den von ihr betreuten KPD-Anhängern immer zu Blessuren und starken Beulen kam. Oma verarztete sie alle und gab nicht nur tröstende Worte. Meist bekam auch jeder, der behandelt wurde, außerdem eine Stulle oder Suppe zur Stärkung. Meine Oma war eine hilfsbereite und gutmütige Frau. Mein Großvater dagegen hielt sich aus allem raus.

Die Jahre 1930 bis 1933 bis zur Machtübernahme durch Hitler waren politisch sehr unruhige Jahre und durch Arbeitslosigkeit geprägt. Durch die Sanitätertätigkeit meiner Oma lernte ich einige Funktionäre der Brandenburger KPD persönlich kennen. Später sollten einige von ihnen auch wichtige Funktionen in der Aufbauphase nach dem Krieg und in den jungen Jahren der DDR bekleiden. So unter anderen Max Herm (1. Bürgermeister der Stadt Brandenburg nach 1945), Robert Fremde (in der Aufbauzeit nach 1945 Personalleiter des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg), Rudi Märksch (Angestellter der Stadtverwaltung) und „Schiefkopf" Hamann (Personalleiter der Thälmannwerft nach 1945).

Auf und Ab

Sozialer Abstieg

Die ersten Schuljahre bis 1934 verliefen ohne erwähnenswerte Ereignisse.  Erwähnenswert aus dieser Zeit sind jedoch unsere familiären Veränderungen.

In einer Märznacht im Jahr 1932 wurde ich durch ein Streitgespräch meiner Eltern wach. Mein Vater packte einige Sache in einen Karton, nahm meinen jüngeren Bruder Gerd bei der Hand und sagte: „Frida, ich habe die Schnauze voll. Ich gehe nach Lippspringe zu meiner Mutter. Der Große (damit meinte er mich) kann dich ja später ernähren."

Meine Eltern trennten sich, und aus war es mit der schönen Wohnung, dem eigenen Zimmer, den Kanarienvögeln und dem Bemalen der Lineolsoldaten.

Der soziale Abstieg begann mit dem Umzug in einen Sozialbau, dorthin, wo „die Miete mit einem Revolver" kassiert wurde. Mit diesem Spruch bezeichneten die Brandenburger die Verhältnisse in den Sozialwohnungen der Stadt. Diese Sozialwohnungen gab es an drei Standorten in Brandenburg.

Ich war knapp zehn Jahre alt, als wir dort einzogen, und noch heute beschleicht mich Unbehagen, wenn ich an diese Wohnung denke. Es war eine der schlimmsten Zeiten meiner Jugend. Im späteren Verlauf meiner Entwicklung bekam ich immer wieder auf die eine oder andere Weise zu spüren, dass ich einst dort wohnte.

Der Sozialbau war eine ehemalige Zigarettenfabrik in der Karl-Legien-Straße, heute Venise-Gosnat-Str. Rings um die Fabrik war alles Ackerland, und es gab nur einen Zugangsweg zum Gebäude. Die Fabrik selbst war ein alter Klinkerbau. Die uns darin zugewiesene Wohnung bestand aus einem großen und sehr hohen Raum mit hohen, breiten Fenstern aus Winkelrahmen, die in kleine Scheiben unterteilt waren. Die wenigen Möbel, die wir besaßen, wirkten verloren. Alles in allem, war es eine unwirtliche, ungemütliche und kalte Wohnung. Auch das gesamte Umfeld machte das Leben dort für mich unerträglich.

In dem ehemaligen Fabrikhaus lebten ca. 40 Familien mit vielen Kindern. Der lange Gang war ständig getränkt von unerträglichem Gestank, der vom Hof hereindrang, auf dem sich die Fallklosetts für die Bewohner befanden. Ich fühlte mich dort elendig und hatte nur den einen Wunsch, so schnell wie es irgend ging von diesem Ort fort zu kommen.

Meine Mutter
Meine Mutter
Da meine Mutter in keinem Arbeitsverhältnis stand, wurden wir zu Sozialempfängern. Aber auch wenn das Geld selten für mehr als das Nötigste reichte, so erinnere ich mich an zwei Leistungen, die mir als Kind sehr gut gefielen. Das eine war die Tatsache, dass ich als Sozialkind täglich in der Schule Anrecht auf eine Flasche Milch bzw. wahlweise Kakao hatte. Zum anderen gab es jeden Tag eine Streuselschnecke. Dass Leben konnte also auch soooo gut sein!

Zweimal wöchentlich ging meine Mutter mit uns Kindern in eine Suppenküche in der Grabenstraße. Mit diesen Lebensumständen waren wir in der damaligen Zeit kein Einzelfall.

Um Anspruch auf Leistungen zu bekommen, musste meine Mutter zweimal wöchentlich in das Sozialamt in der Magdeburger Straße. Dieses Amt befand sich in einem schmucklosen, roten Klinkerbau, der währen des 2. Weltkrieges bei Kampfhandlungen um die Stadt zerstört wurde. An dieser Stelle steht heute das Ehrenmal für die Opfer des Faschismus.

Geschenk des Himmels

Es ergab sich, dass meine Mutter eines Tages zufällig unseren ehemaligen Vermieter der Wohnung in der Großen Gartenstraße in der Stadt traf. Ein Gespräch zwischen den beiden ergab, dass eine Wohnung in der Großen Gartenstraße frei war, allerdings auf dem Hinterhof und im Parterre. Ein Geschenk des Himmels, nach dem wir griffen. Ein großer Planenwagen wurde beim Kohlenhändler „Venske" ausgeliehen, und die ganze Familie half beim Umzug mit. Weihnachten 1933 feierten wir das erste Weihnachten in dieser Wohnung.

Im Gegensatz zur Sozialwohnung war diese Wohnung klein, aber gemütlich und sauber. Das eine Zimmer war Wohn- und Schlafraum zugleich. Zwei Betten, Vertiko, Schrank, Sofa und Tisch gingen gerade so rein. Mein Bett stand in der Küche unter dem Fenster. Wieder Küchengeruch und feuchter Dunst. Aber ich war dennoch zufrieden, denn ich hatte mein eigenes Bett.

Das Leben hatte für meine Mutter nicht viel zu bieten, und so suchte sie Abwechslung und Unterhaltung in Vergnügungsgaststätten. Sie ließ nur selten eine der Tanzveranstaltungen ausfallen, die jeweils am Mittwoch und Freitag stattfanden. Von einer dieser „Vergnügen„ brachte sie das Unheil Namens  Alfred Bergemann mit.

Das Unheil namens Alfred

Er war einer dieser Menschen, bei dem das äußere Erscheinungsbild dem  Charakter entsprach. Unangenehm!!!

Er war ein Mann von kleiner Gestalt mit einem sogenannten Menjou-Bärtchen. Für mich das ekelhafteste an ihm waren seine Tätowierungen, die den gesamten Körper bedeckten. Wir Kinder bezeichneten ihn als kleinen Erdnuckel. Er blieb gleich am ersten Abend, und ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er die Zukunft meines weiteren Lebens maßgeblich mitgestalten würde.

Ich war erst zehn Jahre alt, und die Welt der Lust, der Begierde, des Sex und der Erotik waren mir völlig fremd. In dieser ersten Nacht, in der er bei uns blieb, wurde ich durch ein Stöhnen, das immer lauter wurde, geweckt. Ich dachte, er würde meine Mutter umbringen und verkroch mich völlig verängstigt unter meiner Bettdecke. Am nächsten Morgen saßen beide, zu meinem großen Erstaunen, heiter und vergnügt beim gemeinsamen Frühstück. Ich hatte nicht verstanden, was vorgefallen war, aber ich hatte verstanden, dass ich ihn nicht mochte. Denn ich ahnte wohl schon an diesem ersten Morgen, dass er meiner Mutter und unserer Familie nicht gut tun würde. Irgendwie spürte ich ebenso ganz deutlich, dass auch er mich eher duldete als mochte.

Im Jahr 1934 wurde meine Halbschwester Margitta und ein Jahr später, 1935, mein Halbbruder Alfred geboren, den aber alle Heiner nannten. Zum Zeitpunkt der Geburt Margittas war meine Mutter noch nicht von meinem Vater Walter Ostwald geschieden. Deshalb bekam sie nach damaligem BGB-Recht auch den selben Nachnamen. Als Alfred jedoch geboren wurde, war meine Mutter schon eine geschiedene Frau und nach geltendem Recht bekam er den Mädchennamen meiner Mutter, Hartmann. Somit war Margitta ein eheliches und Alfred ein uneheliches Kind. Heiner war ein ruhiger, stiller Junge, den ich als meinen Bruder voll anerkannte.

In der Wohnung wurde es zu eng. Wir waren nun sechs Personen, und Konflikte waren unausweichlich. Es kam oft zu Streitereien zwischen Bergemann und meiner Mutter. Im Gegensatz zu meinem Vater Walter Ostwald, der, wie bereits beschrieben, ein ruhiger und sanftmütiger Mann war, neigte Bergemann zu Wutausbrüchen und Gewaltattacken gegen meine Mutter. Nicht selten war eines ihrer Augen durch ein Hämatom zugeschwollen. Bergemann trank immer öfter. Besonders an Tagen, an denen es Geld gab. Es war widerlich mit ansehen und anhören zu müssen, welche hässlichen Szenen sich zu Hause abspielten.

Das Schicksal war etwas gnädig, denn Bergemann stahl gemeinsam mit einem Kumpanen Kleinvieh und diverse andere Dinge. Kurz nach Heiners Geburt wurde er verhaftet und ging für zwei Jahre in das Zuchthaus Brandenburg.